Der Spiegel veröffentlichte am 19.11.1976 folgenden Artikel:

BUNDESWEHR

Gegen den Befehl aus dem Verteidigungsministerium haben sich Bundeswehr-Hochschüler die Teilnahme arn Mensuren-Fechten erstritten.

Das Hamburger Korps „Irminsul“, jedem „roten Klüngel“ abhold, hatte zur Feuerzangenbowle geladen. Die Feier galt Kommilitonen von der örtlichen Bundeswehr-Hochschule und einem freudigen Anlaß: „Eurer unbeschränkten Zugehörigkeit zum Corps steht nichts mehr im Wege.“

Den Grund für das gemütliche Beisammensein hatte, Ende des Jahres, das Bundesverwaltungsgericht mit einer Entscheidung geliefert, die den Militär-Akademikern die lang ersehnte Mitgliedschaft bei schlagenden Verbindungen ermöglicht. Das Antreten zur Mensur, obligatorisches Zeremoniell der Korporierten, dürfe, so der I. Wehrdienstsenat, den Studenten im Staatsdienst nicht untersagt werden.

Der höchstrichterliche Spruch beendet fast zwei Jahre dauernde Querelen zwischen Bundeswehr-Hochschulen, ihren dienstlichen Vorgesetzten und dem Bonner Verteidigungsministerium.

Der Streit begann, kurze Zeit nachdem am 1. Oktober 1973 die beiden Bundeswehr-Hochschulen in Hamburg und München die ersten Offiziere immatrikuliert hatten. Schon nach ein paar Wochen lief dem Leiter des Hamburger Studentenbereichs, Oberst Dietrich Genschel, „der erste mit zerschnittener Wange“ über den Campus. Da wußte Genschel: „Jetzt geht der Quatsch auch hier los.“

„Na ja, solange Sie Helm und ABC-Maske ordnungsgemäß tragen können, will ich noch ein Auge zudrücken!"

„Na ja, solange Sie Helm und ABC-Maske ordnungsgemäß tragen können, will ich noch ein Auge zudrücken!"

Was der promovierte Politologe als Quatsch, die Oberen der Militär-Uni als „Zweikampf mit Messern auf langen Stöcken“ abtun, ist für Leutnant Ferdinand Benz und seine an die dreißig Waffenbrüder eine „Mutprobe mit großer Tradition“, für Alte Herren, wie den Siegener Oberbürgermeister Friedemann Keßler, ein „Erleben im Sinne uneingeschränkter Hingabe“.

Daß bei solchem Erlebnis die „Hinnahme einer Verletzung als ethisches Moment“ (Genschel) gepriesen wird, lieferte die offizielle Begründung fiir den dienstlichen Befehl, die Bundeswehr-Studenten hätten sich einer Mitgliedschaft bei den Farben und Waffen tragenden Korporationen zu enthalten. Die bei einer Mensur einzukalkulierenden Blessuren am Kopf könnten die militärische Einsatzfähigkeit des Duellanten mindern, das Anlegen von , Stahlhelm, ABC-Schutzmaske und Kopfhörer“ gar unmöglich machen.

Gegen diese Anweisung legten die von Wichs, Schmiß und Gleichgesinnten ausgesperrten Offiziere Beschwerde beim damaligen Stellvertretenden Generalinspekteur der Bundeswehr, Karl Schnell, ein. Doch auch im Bonner Verteidigungsministerium wurden die Waffenstudenten abgewimmelt. Von der Hamburger Hochschulleitung darauf hingewiesen, die Zugehörigkeit studierender Offiziere bei den konservativen Korps könne die Bildung extrem linker Gruppierungen an der Militär-Uni provozieren, beschied Schnell die Truppen-Schläger, bei der Mensur drohten diensthindernde „Schnittverlet- zungen mit Hautlappenbildung an der Kopfschwarte und an der unteren Ge- sichtspartie“.

Die Vorstellung, daß seine für die Verteidigung zu schulenden Offiziere freiwillig mit blanken Waffen aufeinander losgehen“, um sich „blutende Verletzungen“ beizubringen, findet Oberst Genschel „geradezu absurd“. Korpsbruder Ernst Riechert („Saxoniae Jena et Bonn„), Richter in der Hansestadt hingegen, sieht im Säbel-Duell nichts Barbarisches: „Auch der eheliche Beischlaf kann grausam sein.“

Die Korporierten von Irminsul bis Mecklenburgia-Rostock, wollten trotz der Bonner Befehle von der dringend erwünschten Blutauffrischung nicht lassen und aktivierten den emeritierten Marburger Militärrechtler Erich Schwinge. Er brachte das Mensurverbot vor das Bundesverwaltungsgericht: der Münchner Wehrdienstsenat hob es auf: Einen derartigen „unverhältnismäßigen Eingriff in die Freiheitssphäre“ brauche kein Soldat hinzunehmen.

Immerhin bleibt Reformer Gensehel — „Die Offiziere sollen an der Hochschule die Spielregeln der Demokratie lernen“ — die Genugtuung, daß er bei der Mensur lädierte Untergebene auch jetzt noch belangen kann. Denn mit der Aufhebung des Mensurverbots stellten die Richter klar: Wer beim Zweikampf eine Wunde davontrage, die seine Diensttauglichkeit wesentlich beeinträchtige, frevele grob fahrlässig an seiner Gesundheit — was laut Soldatengesetz strafbar ist.

Quelle: Der Spiegel

Originalscan: Scan aus dem Magazin DER SPIEGEL