Der Autor Volker Ullrich veröffentlichte am 08.10.1993 folgenden Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT:

Wilhelm II ist – nach Hitler – die größte Unglücksfigur deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert. Dennoch hat er das biographische Interesse der Geschichtsschreiber hierzulande nicht sonderlich gereizt. Nach Emil Ludwigs glänzender Charakterstudie aus dem Jahr 1926 hat sich kein deutscher Historiker von Rang mehr an den widrigen Gegenstand herangewagt – wohl ahnend, daß es schwer sein würde, gegen den „historischen Belletristen“ Ludwig anzuschreiben.

Solche Skrupel kannten englische und amerikanische Historiker nicht. Eine Fülle von Biographien – von Virginia Cowles (1963) über Michael Balfour (1964), Alan Palmer (1978), Lamar Cecil (1989) bis hin zu Thomas A. Kohut (1991) – dokumentiert die anhaltende Irritation der angelsächsischen Welt über die bizarre Figur des letzten deutschen Kaisers. Doch das blieben Annäherungen, die vor allem an einem Mangel litten: einer zu schmalen Quellenbasis.

Mit diesem unerfreulichen Zustand hat es, wie es scheint, jetzt ein Ende, und das verdanken wir, wiederum nicht zufällig, einem englischen Historiker: John C G. Röhl, einer der besten Kenner der wilhelminischen Epoche, legt nach zahlreichen Vorstudien den ersten einer vorerst auf drei Bände veranschlagten Biographie Wilhelms II. vor. Zwölf Jahre hat er allein für diesen Band gebraucht – eine sehr lange Zeitspanne, die aber weniger lang erscheint, wenn man sich die Liste der konsultierten Archive vor Augen führt.

Als erster Historiker überhaupt hatte Röhl unbeschränkten Zugang zum Nachlaß des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Kronprinzessin Victoria („Vicky“), der im Schloß Fasanerie bei Fulda aufbewahrt wird – darunter rund 10000 Briefe, die sich Wilhelms Eltern im Laufe der Jahre schrieben. Ergänzt wurde dieser einzigartige Quellenbestand durch die Briefe Vickys an ihre Mutter, Queen Victoria, die in den Royal Archives in Windsor Castle lagern, durch die umfangreichen Bestände des Brandenburgisch Preußischen Hausarchivs in Merseburg sowie zahlreicher anderer staatlicher und privater Archive. Auf der Grundlage dieses ungewöhnlich dichten Quellenmaterials konnte sich Röhl das ehrgeizige Ziel setzen, „die Persönlichkeitsentwicklung Kaiser Wilhelms II erstmals erschöpfend darzustellen“. Fast tausend Seiten zählt dieser erste Band, der doch nur Kindheit und Jugend des späteren Kaisers umfaßt. Der gewaltige Umfang rührt nicht nur daher, daß Röhl – in begreiflicher Freude über seine Entdeckungen – seitenweise Dokumente zitiert, sondern daß er sich immer wieder auf Nebenpfade locken läßt. Sein Vollständigkeitsdrang kennt keine Grenzen, und dadurch ufert das Unternehmen unnötig aus.

„Geschichte, wie sie besser nicht dargeboten werden kann“ – so preist der Verlag das Werk. Doch das ist eine Übertreibung. Röhl ist, anders als Emil Ludwig, kein großer Geschichtserzähler, dafür aber ein leidenschaftlicher Jäger nach bislang unbekannten Archivalien. Ihre Faszination bezieht diese Biographie nicht aus der Brillanz der Darstellung, sondern aus dem Neuigkeitswert der Quellen. Was der Autor alles aufgespürt hat und vor uns ausbreitet, das ist höchst beeindrukkend, manchmal geradezu sensationell. Unsere Kenntnisse über die frühen Jahre Wilhelms II. werden dadurch nicht nur ergänzt und vertieft, sondern in wesentlichen Punkten korrigiert. Das fängt schon mit dem Drama der Entbindung am 27. Januar 1859 an, über das die abenteuerlichsten Versionen im Umlauf sind. Wie bekannt, handelte es sich um eine schwierige Steißgeburt. Wie kompliziert die Geburt aber wirklich war und welche ärztlichen Kunstfehler dabei gemacht wurden, das hat Röhl mit äußerster Akribie erforscht. Noch nie zuvor in der Geschichtsschreibung ist die Geburt eines Herrschers so genau beschrieben worden, und dies mit gutem Grund: denn Wilhelm II erlitt einen folgenschweren Geburtsschaden. Dank eines falschen Griffs des verantwortlichen Arztes, Professor Martin, in der letzten Phase der Geburt wurde das Nervengeflecht des Plexus brachialis, das die Bewegung des linken Arms steuert, zerrissen.

In dem verkrüppelten linken Arm haben schon die Zeitgenossen und später die Historiker den Schlüssel zur Erklärung der eigenartigen Persönlichkeit Wilhelms II gesucht. Für Emil Ludwig etwa war der „lebenslange Kampf gegen die angeborene Schwäche“ prägend für die „gesamte Charakterbildung“ des Kaisers. Doch Röhl zeigt: Es war weniger die Behinderung an sich, es waren vielmehr die Versuche, sie zu therapieren, die zu einer nachhaltigen Störung in der Persönlichkeitsentwicklung Wilhelms führte.

Wenn man liest, was die Ärzte – darunter die berühmtesten Kapazitäten ihres Fachs – alles mit dem kleinen Prinzen anstellten, dann sträuben sich einem die Haare. Neben Massagen und gymnastischen Übungen mußte er sich, seit er ein halbes Jahr alt war, zweimal wöchentlich „animalischen Bädern“ unterziehen. Dabei wurde der linke Arm jeweils für eine halbe Stunde in den Kadaver eines frisch geschlachteten Hasen gesteckt. Um das Kind zur Benutzung des linken Armes zu ermuntern, wurde der gesunde rechte Arm täglich eine Stunde lang festgebunden, was dazu führte, daß es im Stadium des Laufenlernens ständig schmerzhaft aufs Gesicht fiel. Zusätzlich wurde der linke Arm seit Frühjahr 1860 regelmäßig mit Elektroschocks behandelt. Als Wilhelm mit vier Jahren eine Tortikollis, einen Schiefhals, bekam, wurde er in eine fürchterliche „Kopfstreckmaschine“ gespannt. Später, seit seinem achten Lebensjahr, mußte er dreimal täglich eine „Armstreckmaschine“ anlegen.

Alle diesen Therapien kamen, wie Röhl sagt, einer „grauenvollen Kindesmißhandlung“ gleich, und sie waren in den meisten Fällen völlig wirkungslos. Für die Psyche des zarten Jungen aber hatten sie verheerende Folgen.

Sigmund Freud hat, in einer Nebenbemerkung zur These Emil Ludwigs aus dem Jahre 1932, die Ursache für die gestörte Persönlichkeit Wilhelms II noch woanders gesucht: in dej Einstellung der „stolzen Mutter“, der Kronprinzessin. Sie habe ihrem behinderten Kind, statt es „durch ein Übermaß an Liebe zu entschädigen“, gerade „wegen seines Gebrechens“ die Liebe entzogen. Auch diese These, der zahlreiche Interpreten kritiklos gefolgt sind, rückt Röhl zurecht: Die Eltern, miteinander in glücklicher Ehe verbunden, brachten ihrem Erstgeborenen gerade in seinen ersten Lebensjahren viel liebevolle Fürsorge entgegen. Gleichzeitig grämte sich Victoria jedoch, daß sie „kein perfektes Kind“ zur Welt gebracht hatte. Über die körperliche Behinderung ihres Sohnes konnte sie, bei aller Liebe, nicht hinwegsehen. In der Unfähigkeit der Kronprinzessin, ihren Sohn so zu akzeptieren, wie er nun einmal war, sieht auch Röhl ein „Kernproblem“ im Leben des jungen Prinzen Wilhelm. Deshalb nimmt die Darstellung der komplizierten Mutter Sohn Beziehung bei ihm auch einen besonders breiten Raum ein, ja, bei rechtem Licht besehen, handelt es sich hier um eine Doppelbiographie: Neben dem Charakterbild des heranwachsenden Hohenzollernprinzen entsteht das fesselnde Portrait einer selbstbewußten, emanzipierten Frau, die sich als englische Prinzessin im reaktionären Milieu des Berliner Hofes immer fremd fühlte. Und die doch zugleich Freude über ihre vielen Schwangerschaften empfand und nach der Geburt des siebenten Kindes im Jahre 1870 jubelte: „Ein Baby an der Brust ist doch das höchste Glück im Frauenleben “

Solche Widersprüche weist Röhl auch im Erziehungsverhalten Victorias nach. Sie wünschte, daß ihre Kinder ganz unpreußisch, nämlich im freisinnigen und liberalen Geiste erzogen würden, und ließ es doch zu, daß Prinz Wilhelm unter die Fuchtel eines pedantischen Hauslehrers geriet. Freilich, ganz so erbarmungslos, wie es Wilhelm H in seinen Erinnerungen geschildert hat, ging es nach Röhls Erkenntnissen im Unterricht des Dr. Georg Hinzpeter anfangs nicht zu. Für die grausamen Exerzitien des Reitunterrichts etwa, über die sich der Kaiser im Rückblick noch bitter beklagte, war nicht sein Zivilerzieher verantwortlich.

Dennoch läßt auch Röhl keinen Zweifel daran, daß Hinzpeters spartanische Pädagogik denkbar ungeeignet war, das Selbstbewußtsein des sensiblen, durch die täglichen Martern der medizinischen Behandlung überaus reizbaren Jungen zu stärken. Der hätte viel Zuwendung, viel Geduld und Ermutigung gebraucht. Hinzpeter versuchte es statt dessen mit Zucht und Strenge – und erreichte das Gegenteil des Erstrebten.

Acht Jahre später mußten sich Hinzpeter und das Kronprinzenpaar das komplette Scheitern ihrer erzieherischen Bemühungen eingestehen: Der mittlerweile fünfzehnjährige Prinz entpuppte sich nicht nur als faul, oberflächlich, unkonzentriert, schwatzhaft; er entwickelte auch eine unverkennbare Neigung zur Selbstüberschätzung, gepaart mit einem, wie Hinzpeter sich ausdrückte, „fast krystallinisch hart gefügten Egoismus“, der geradezu „den innersten Kern seines Wesens“ bilde. Um diese charakterliche Fehlentwicklung zu korrigieren, beschlossen Erzieher und Eltern, Wilhelm auf ein humanistisches Gymnasium in Kassel zu schicken – nach Röhls Auffassung wiederum ein gänzlich verfehltes Experiment, weil der nur mäßig begabte Thronerbe dadurch einer ständigen Überforderung ausgesetzt worden sei. Wilhelm II hat sich später nur mit Abscheu über die Kasseler Schulzeit, vor allem das Pauken der alten Sprachen, geäußert: „Unter dem Seziermesser des grammatikalischen, fanatisierten Phiblogen wurde jedes Sätzchen geteilt, gevierteilt, bis das Skelett mit Behagen gefunden ward. Es war zum Weinen!“

Zu den peinigenden Anforderungen der Erzieher kamen die ständigen brieflichen Ermahnungen und Zurechtweisungen der überbesorgten Mutter: „Sitzt Du auch aufrecht? Hast Du wieder Herzklopfen gehabt? Ist Deine Gesichtsfarbe besser geworden?“ Diesem doppelten Druck entzog sich der Pubertierende durch eine Flucht in das Reich der Träume und Wunschphantasien. Röhl präsentiert aus dieser kritischen Lebensphase Schlüsseldokumente: Briefe des Sechzehnjährigen an seine Mutter, in denen er ihr, erstaunlich offenherzig, über einen immer wiederkehrenden Traum berichtete: Du aber legtest Deinen lieben Arm um meine Taille, iührtest mich zur Seite, zogst von Deiner lieben linken H a n d den Handschuh und zeigtest mir Deine liebe schöne Hand, die ich sofort mit Küssen bedeckte Röhl interpretiert diesen Traum, orsichtig Freud folgend, als letzten Versuch des geistig und physisch überforderten Jungen, an die mütterliche Liebe zu appellieren. Doch Victoria reagierte auf den Hilferuf mit Abwehr, indem sie die Traumschilderungen Wilhelms nicht ernst aahm. Und damit begann, so Röhl, die innere Abwendung des Sohnes von den Eltern – ein langer schmerzhafter Prozeß, an dessen Ende das einstige Vertrauensverhältnis völlig zerrüttet war. Fortan rissen die Klagen des Kronprinzenpaares über die Herzenskälte, den Egoismus, die Taktlosigkeit ihres Sohnes nicht mehr ab.

Röhl neigt dazu, den Streit zwischen Eltern und Sohn ganz aus den innerfamiliären psychischen Konstellationen abzuleiten, nicht aber auch als politisch bestimmten Generationskonflikt zu deuten. Hier wird eine Grenze dieser Biographie sichtbar: Sie konzentriert sich auf die persönliche Entwicklung des Prinzen (in der Auseinandersetzung vor allem mit der Mutter); der gesellschaftliche und politische Kontext wird hingegen weitgehend ausgeblendet.

Wenn Wilhelm sich seit seiner Bonner Studienzeit für Bismarck [Corps Hannovera Göttingen] begeisterte, wenn er als preußischer Gardeleutnant eine deutliche Vorliebe für Uniformen zeigte, seiner Verachtung für Parlamentarismus und seinem Haß auf England unverhohlen Ausdruck gab, dann war das jedoch nicht nur eine Trotzreaktion auf die Mutter, sondern entsprach ganz dem Zeitgeist, wie er unter den Corpsbrüdern der Bonner Borussia und den Militärs der Potsdamer Garnison anzutreffen war. Die geradezu symbiotische Beziehung, die Wilhelm zu beiden Milieus entwickelte, entsprang also nicht nur – wie Röhl es darstellt – seinem Bedürfnis, endlich einmal anerkannt zu werden, sondern war auch politisch vermittelt. Die Generation der liberalen 48er, der sich das Kronprinzenpaar verbunden fühlte, sah sich durch Bismarcks Machiavellismus zunehmend ins politische Abseits gestellt; die Zukunft gehörte der neuen, naßforschen Generation des Prinzen Wilhelm, die sich am militärischen Sieg über Frankreich berauschte und das neugegründete Kaiserreich in eine Weltmachtrolle hineinphantasierte.

Statt solchen Vermittlungen zwischen persönlicher Biographie und dem politischen und gesellschaftlichen Wandel der siebziger und achtziger Jahre nachzugehen, tummelt sich Röhl lieber in dynastischen Gefilden. Zeitweilig bewegt er sich hier wie ein Klatschkolumnist, der aufmerksam registriert, wer mit wem verschwistert und verschwägert war, wer wen heiraten wollte oder sollte oder auch nicht. Die Verwicklungen um die drei Battenberg Prinzen aus Hessen werden mit ermüdender Ausführlichkeit geschildert. Aber auch von dem „Ehe- und Intimleben“ des Prinzen Wilhelm macht die Neugier des Autors nicht halt – in diesem Fall zu Recht, denn er kann nachweisen, daß die sorgsam gepflegte Vorstellung, der spätere Kaiser sei seiner ihm 1881 angetrauten Dona stets ein treuer Ehemann, gewesen, eine Legende ist. Der Prinz von Preußen, der sich gern als Tugendbold aufspielte, hatte vor und nach seiner Heirat mehrere amouröse Abenteuer. Röhls Vermutung, daß er es am liebsten mit zwei Frauen gleichzeitig trieb, bleibt allerdings Spekulation. Mit Sicherheit aber kann die immer wieder geäußerte These von der unterdrückten Homosexualität Wilhelms hiermit als widerlegt gelten.

Der morbide Charme des europäischen Hochadels hat es dem Autor sichtlich angetan. Neben den Liebschaften üben auch die Leiden auf ihn einen geradezu unwiderstehlichen Reiz aus. Lange Betrachtungen werden darüber angestellt, ob Kronprinzessin Victoria möglicherweise eine geheimnisvolle, im britischen Königshaus grassierende Erbkrankheit, die Porphyrie, in die Hohenzollernfamilie eingeschleppt habe Über das Ohrenleiden Wilhelms verbreitet sich Röhl auf vielen Seiten. Doch das alles wird in den Schatten gestellt durch die Darstellung der unheilbaren Kehlkopferkrankung des Kronprinzen, die die letzten 200 Seiten des Buches beherrscht.

Es dürfte sich hier um das genaueste Protokoll einer Krankengeschichte handeln, das jemals von einem Historiker verfaßt wurde. Röhl rechtfertigt seine Detailbesessenheit mit der tragischen Bedeutung, die dieser Krankheit für den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte zukam. Denn mit dem absehbaren Ende des Thronfolgers sei auch die Hoffnung geschwunden, die politische Verfassung des Kaiserreichs im liberalen Sinne umzugestalten. Es fragt sich allerdings, ob Friedrich III tatsächlich so viel hätte bewegen können, wenn er länger als 99 Tage regiert hätte.

Röhl beleuchtet das makabre Wettrennen um den Thron, das widerliche Intrigenspiel hinter den Kulissen. Sehr deutlich tritt uns im ungestüm zur Macht drängenden Prinzen Wilhelm bereits der spätere Kaiser entgegen. Er führte, hinter dem Rücken des Auswärtigen Amtes, eine Privatkorrespondenz mit dem russischen Zaren, in der er seine Eltern bloßstellte – „menschlich gesehen eine Schmach“, so Röhls Kommentar. Im November 1887 nahm er, eine politische Instinktlosigkeit sondergleichen, an einer Versammmlung des Hofpredigers Stoecker teil und dokumentierte damit seine geistige Verwandtschaft mit den reaktionärsten, antisemitischen Kreisen in Berlin. Im Umgang selbst mit dem bewunderten Reichskanzler bediente er sich bereits eines auftrumpfenden Tons. Die Leitmelodie seines Persönlichen Regiments, „Wer gegen mich ist, den zerschmettere ich“, wird hier bereits hörbar.

Zu spät erkannte Bismarck, welche Gefahren von dem unberechenbaren, völlig unter dem Einfluß des Militärs stehenden Prinzen nicht nur für seine eigene Machtstellung, sondern auch für den Frieden in Europa drohten. Im Mai 1888, vier Wochen vor der Thronbesteigung Wilhelms, klagte er: „Der junge Herr will den Krieg mit Rußland, möchte womöglich gleich das Schwert ziehen Und der Reichsgründer seufzte: „Wehe meinen Enkeln!“

Quelle: DIE ZEIT