Die Redakteurin Victoria Caillet vom Mannheimer Morgen veröffentlichte am 14.05.2012 folgenden Artikel:

Geschichte: Mit Gästeführer Dietrich Bahls auf den Spuren des Heidelberger Verbindungswesens / Erklärungen über das Fechten

Im Garten des "Corps Thuringia" zeigt Dietrich Bahls (dritter von rechts) ein Bild einer Mensur. Rechts ein "alter Herr" des Corps, neben einem jungen "Bruder". © Rothe

Im Garten des "Corps Thuringia" zeigt Dietrich Bahls (dritter von rechts) ein Bild einer Mensur. Rechts ein "alter Herr" des Corps, neben einem jungen "Bruder". © Rothe

„Gladius ultor noster“ – „Das Schwert ist unser Rächer!“, so lautet ihr Waffenspruch. Sie pauken mit Schlägern, gehen auf die Mensur, sind gezeichnet mit Schmissen, tragen Farben. Rund drei Prozent aller immatrikulierten Studenten in Heidelberg gehören einer Verbindung an. Zu Großvaters Zeiten waren es noch 90 Prozent. Was ist geblieben von der elitären, akademischen Verbindung des 19. Jahrhunderts? Dieser Frage geht Dr. Dietrich Bahls bei seiner Themenführung „Wo überall in Heidelberg gefochten wurde und wird“ nach.

Der Laie vermutet eine Führung durch die beeindruckenden Anwesen unterhalb des Schlosses. Doch zu der Geschichte der schlagenden Heidelberger Verbindungen gehört mehr als nur ein stattliches Verbindungshaus. „Das heutige Hotel Hirschgasse war das traditionelle Pauklokal, oder auch Fechtlokal, für die Heidelberger Studenten“, erklärt Bahls, Gästeführer beim Heidelberger Gästeführerverein. Noch bis in die 1960er-Jahre wurde der alte Saal im Stadtteil Neuenheim als Fechtraum genutzt, um Zweikämpfe – sogenannte Mensuren – auszutragen.

Von der Hirschgasse geht es dann über den Neckar in die Altstadt. „Das Haus des Corps Thuringia ist eines der ehemaligen Privathäuser, die für die Zwecke der Verbindungsstudenten umgebaut wurden“ erklärt Bahls. Im Kneipensaal hängen Porträts aller „Alten Herren„, die der Verbindung angehörten; das schwarz getäfelte „Conventzimmer“ ist auf Gemütlichkeit ausgerichtet. Noch heute werden hier alle Entscheidungen gemeinschaftlich von den „Corpsbrüdern“ getroffen.

„Jeder schlagende Verbindungsstudent verbringt mindestens eine Stunde im Paukkeller“, erklärt Bahls. Das Kellergewölbe ist hoch, an den Wänden hängen alte Mützen, der Geruch von Schweiß liegt in der Luft. In der Mitte stehen zwei Attrappen, an denen ein „Thüringer“ Technik und Schlagführung demonstriert.

Mit sportlichem Fechten hat das nichts zu tun. „Die Schmisse, die Narben eines Zweikampfes stehen heute nicht im Vordergrund bei einer Mensur“, sagt Klaus Ihrig, der neben seiner Orthopädie- und Schuhtechnikwerkstatt früher die malträtierte Schutzkleidung reparierte. Heute versorgt er nur noch zwei schlagende Verbindungen. „Die Mensur soll einen Studenten fordern. Ihm eine Situation aufzeigen, wie es ist, etwas ganz allein gegenüberstehen zu müssen“, erklärt Bahls.

Reisende Fechtmeister

Zweimal pro Woche trainieren die Studenten mit einem Fechtmeister, der schlagende Verbindungen in Bonn, Heidelberg oder Göttingen betreut. „Früher war der Fechtlehrer einer Stadt eine Institution. Der Heidelberger Fechtmeister Lorbeer schulte seine Schützlinge einst in der heutigen Triplex-Mensa, in der Grabengasse“, sagt Bahls.

In der Karlstraße führt ein Weg in den Hinterhof des Theologischen Instituts und auf eine freie Wiese. Die Vögel zwitschern, vom Stadttreiben nichts zu hören. Bei gutem Wetter wurde auch hier zu Großvaters Zeit die Mensur ausgetragen. Ebenfalls gefochten wurde im Obergeschoss der Marstallmensa, auf dem Fechtboden des Palais Rischer oder in einer eigenen Universitätsfechthalle in der Hauptstraße, die 1913 gebaut wurde, um allen Studenten einen Raum zum Fechten zur Verfügung zu stellen – heute undenkbar.

Denn insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Verbindungen zunehmend an Anziehungskraft. Das Militärische und Pathetische, das vielen Corps bis heute anhaftet, sowie eine nicht selten stramm nationale Gesinnung passten nicht mehr zum Zeitgeist in der Studentenbewegung. Vielen Nicht-Korporierten erscheint außerdem der elitäre Geist und die damit einhergehende zunehmende Abkapselung aus dem öffentlichen Leben suspekt. Umso interessanter sind aber die Ausführungen von Dietrich Bahls – führen sie doch in Thematik und Personenkreise ein, die Heidelberg als Studentenstadt über viele Jahrzehnte geprägt haben.

Quelle: Mannheimer Morgen