Über den Corpsstudenten und Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz war am 9.08.2009 folgender Artikel von Volker Ullrich in der Zeitung „Die Zeit“ zu lesen:

Adam von Trott wusste sofort, dass sich die Nazis politisch nicht würden zähmen lassen. Eine würdige Biografie zum 100. Geburtstag des Widerstandskämpfers

Im Jahr der »Nürnberger Gesetze«, 1935, schrieb der damals 26-jährige Adam von Trott zu Solz [Corps Saxonia Göttingen] ahnungsvoll in sein Notizbuch: »Wenn wir uns schon mit einer Epoche abfinden müssen, in der die größere Wahrscheinlichkeit für ein vorzeitiges Ende steht, so sollten wir doch wenigstens dafür sorgen, daß es Sinn hat zu sterben – gelebt zu haben.« Trott zählte, neben Hans Bernd von Haeften, zu den außenpolitischen Experten im Kreisauer Kreis, jener von Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg [Corps Borussia Bonn] zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gegründeten bedeutendsten Gruppe des zivilen Widerstands gegen Hitler. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet, nach kurzem Prozess vor dem Volksgerichtshof zum Tod durch den Strang verurteilt und am 26. August in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

An Literatur über diese wichtige Figur des deutschen Widerstands herrscht kein Mangel. Bereits 1958 verfasste die Witwe Clarita von Trott zu Solz eine »Lebensbeschreibung«, die erst 1994 von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Buchform veröffentlicht wurde (und jetzt, um einige Dokumente erweitert, in einer Neuauflage im Lucas Verlag vorliegt). Vor allem englische und amerikanische Historiker – Christopher Sykes (1968), Henry O. Malone (1986) und Giles MacDonogh (1989) – haben sich mit Trott beschäftigt; allerdings blieben diese biografischen Annäherungen unbefriedigend, weil sie entweder auf einer zu schmalen Quellenbasis beruhten oder aber nur Teilaspekte von Trotts Wirken ins Auge fassten.

»daß es Sinn hat zu sterben - gelebt zu haben«: Adam von Trott zu Solz 1909-1944. Biographie

»daß es Sinn hat zu sterben - gelebt zu haben«: Adam von Trott zu Solz 1909-1944. Biographie

Nun, rechtzeitig zum 100. Geburtstag am 9. August, erscheint die erste umfassende Biografie über Adam von Trott zu Solz. Die Autorin, die Historikerin Benigna von Krusenstjern, hat in zahlreichen nationalen und internationalen Archiven geforscht und eine Menge unbekanntes Material zutage gefördert. Das Bild, das wir uns bisher von Trott machen konnten, wird dadurch nicht nur um viele Facetten bereichert – es erhält überhaupt zum ersten Mal schärfere Konturen.

Die Autorin interessiert sich nicht nur für den Politiker und Widerstandskämpfer; sie möchte vielmehr, wie sie bekennt, Adam von Trott »als denkenden, fühlenden und handelnden, als fragenden, suchenden und irrenden, als wagenden, kämpfenden und leidenden Menschen« vorstellen. Das bedeutet, dass auch die private Geschichte dieses kurzen Lebens ausführlich behandelt wird, die Beziehung zu den Eltern und den sechs Geschwistern, seine Freundschaften und Liebesaffären. Da Trott Kontakte zu zahlreichen Menschen im In- und Ausland pflegte, taucht eine Vielzahl von Zeitgenossen, bedeutende und weniger bedeutende, auf, und manchmal hätte man sich gewünscht, dass die Autorin hier eine strengere Auswahl vorgenommen hätte. Überhaupt neigt sie, in begreiflicher Entdeckerfreude, dazu, ihr gesamtes Material auszubreiten, und so gerät die Biografie mitunter in die Nähe einer Chronik, in der minutiös, Tag für Tag, über die Aktivitäten Trotts Buch geführt wird.

Besonderes Gewicht legt Benigna von Krusenstjern auf Kindheit und Jugend, und dies zu Recht. Denn wenn man verstehen will, woher die Kraft zum Widerstand kam, muss man auf die prägenden Einflüsse des Elternhauses zurückgehen. Der Vater, August von Trott zu Solz [Corps Corps Rhenania Würzburg, Corps Guestphalia Heidelberg], Spross aus hessischem Uradel, war ein tüchtiger Verwaltungsbeamter, der es bis zum preußischen Kultusminister unter Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1909 bis 1917 brachte; Mutter Eleonore war die Tochter des langjährigen Botschafters in St. Petersburg, Lothar von Schweinitz, der die Amerikanerin Anna Jay, eine Nachfahrin von John Jay, einem der Gründerväter der USA, geheiratet hatte.

Wie bei Helmuth James von Moltke verbanden sich also auch in Trotts Vita das konservativ-preußische mit dem liberal-angelsächsischen Erbe. Und wie das schlesische Gut Kreisau war auch der Trottsche Familienbesitz Imshausen bei Bebra eine Stätte schlichter, aber weltoffener Gastlichkeit. Besonders die Mutter zeichnete sich – so die Autorin – durch »eine Bereitschaft zum Nonkonformismus« aus, die sie auch an ihren Sohn weitergab. Sie hoffe, mahnte sie den 14-Jährigen, »daß Du mit Gottes Hilfe ein Mann wirst, der auch gegen den Strom schwimmen kann«.

Zunächst freilich suchte Adam mehr den väterlichen Erwartungen zu entsprechen. Nach dem Abitur auf dem Gymnasium in Hannoversch Münden 1927 studierte er, mehr der Pflicht als der Neigung gehorchend, Jura, schloss sich in Göttingen einer schlagenden Verbindung, dem Corps Saxonia, an und zog sich auf dem Paukboden einen Schmiss zu. Die Verfasserin beschreibt dieses wenig rühmliche Treiben bemerkenswert nachsichtig, und tatsächlich blieb es auch nur eine vorübergehende Episode. Schon im Herbst 1928 kehrte Trott dem Corpsleben den Rücken. Ein von der Mutter vermittelter Aufenthalt in Genf, dem Mekka der internationalen Organisationen, wurde für ihn zum entscheidenden politischen Bildungserlebnis. »Es muß etwas Größeres geben als die Nation«, zitiert die Autorin aus seinem Notizbuch der Genfer Zeit, und dieses »Größere« war für ihn fortan verbunden mit der Förderung internationaler Zusammenarbeit und den Bemühungen um Frieden.

Zum zweiten prägenden Erlebnis wurde die Begegnung mit England. Im Frühjahr 1929 legte Trott ein Kurzsemester in Oxford ein. Hier habe er erfahren, berichtete er dem Vater, »was Demokratie bedeuten kann«. Besonders beeindruckt zeigte er sich von der »in England glänzend entwickelten Fähigkeit« zum Kompromiss. In seinen nach der Rückkehr verfassten Impressions of a German Student in England sieht die Autorin ein Schlüsseldokument. Es enthielt nicht nur das Bekenntnis zu »internationaler Freundschaft und Verständigung«, sondern zugleich eine Sympathiebekundung für die Labour-Bewegung. So war es konsequent, dass der 21-Jährige bei der Reichstagswahl im September 1930 – zum Kummer des Vaters – SPD wählte und sich damit klar zur Weimarer Republik bekannte.

Aus dem sorgfältig nachgezeichneten Entwicklungsgang des jungen Mannes kann Benigna von Krusenstjern schlüssig ableiten, warum Trott, anders als manche seiner späteren Mitstreiter, niemals in Versuchung kam, sich mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren. Die Nachricht von der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 erreichte ihn in Oxford, wo sich der inzwischen promovierte Jurist seit Herbst 1931 als Rhodes-Stipendiat aufhielt. Während der Vater zunächst die Illusion vieler Konservativer teilte, dass man die Hitler-Bewegung würde zähmen können, sah der Sohn, wie er einem Brief vom 13. Februar 1933 anvertraute, klarer: Man stehe »wirklich am Anfang eines deutschen Faschismus, einer Staatsbeherrschung durch die Partei, die … weite Volksteile ausschließt und zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft brutal wird niederhalten müssen«.

Trott war klar, dass sich damit seine beruflichen Aussichten drastisch verschlechtert hatten. Dennoch entschloss er sich im Sommer 1933 zur Rückkehr nach Deutschland – »das vielleicht größte Wagnis meines Lebens«, wie er seiner englischen Freundin Diana Hubback schrieb –, um seine Referendarausbildung abzuschließen. Nach dem Assessorexamen brach er Anfang 1937 zu einer Weltreise auf, die ihn über die USA nach China, Japan und Korea führte. Auf dieser Reise, von der ihn erst der Tod des Vaters Ende 1938 zurückrief, erweiterte er seinen Horizont, erwarb er sich den Ruf eines Kenners der fernöstlichen Welt – das Sprungbrett für eine Anstellung als Mitarbeiter in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes im April 1940. Der Preis, der dafür entrichtet werden musste, war der Eintritt in die NSDAP, dem er sich bislang hartnäckig widersetzt hatte.

Am Beispiel Adam von Trotts verdeutlicht die Autorin ein Grundproblem des Widerstands gegen Hitler. Wer auf einen Umsturz hinarbeiten wollte, konnte dies am ehesten von innen heraus tun, das heißt als Angehöriger einer der Institutionen des NS-Staates. Das bedeutete aber auch, dass er, um keinen Verdacht zu erregen, sich in der Kunst der Verstellung üben und seinen beruflichen Verpflichtungen, zumindest nach außen, loyal nachkommen musste. Damit diente er unfreiwillig dem System, das er doch bekämpfen wollte.

Die im August 1939 eingerichtete Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes war als Operationsbasis für konspirative Zwecke besonders geeignet. Trott konnte Kontakte zu Oppositionellen in anderen Ämtern pflegen, vor allem aber, zwecks Informationsbeschaffung, ins neutrale Ausland reisen. Gerade das machte seine Mitarbeit im Kreisauer Kreis so wichtig. Ausführlich schildert die Autorin die zahlreichen als Dienstreisen getarnten Missionen, die Trott als außenpolitischer Emissär der Kreisauer zwischen 1941 und 1944 in die Schweiz und nach Schweden unternahm. Sie dienten dem Versuch, Verbindungen zu den Alliierten, vor allem zu England und den Vereinigten Staaten, herzustellen, um sie für eine Unterstützung des deutschen Widerstands zu gewinnen.

Doch alle diese Bemühungen scheiterten, weil man auf alliierter Seite erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Umsturzpläne hegte und den Abgesandten der Opposition mit großem Misstrauen begegnete. Auch Trott wurde auf seinen risikoreichen Reisen immer wieder als Agent verdächtigt, der es nur darauf abgesehen habe, einen Keil in die Anti-Hitler-Koalition hineinzutreiben.

Was die Erfolgsaussichten des geplanten Staatsstreichs betraf, war auch Trott skeptisch. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich aktiv an den Vorbereitungen zu beteiligen. Belegt ist, wie intensiv er gerade in den letzten Wochen vor dem 20. Juli 1944 mit Stauffenberg zusammenarbeitete. Dabei ließ es sich von dem Gedanken leiten, dass in jedem Fall gehandelt werden müsse, um, wie Oberst Henning von Tresckow, einer der Mitverschwörer, es formuliert hat, zu demonstrieren, »daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat«.

»Jetzt ist es aus«, erklärte Trott nach dem gescheiterten Staatsstreich. »Das Verhängnis muß seinen Gang gehen. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.« Trotz verschärfter Verhöre der Gestapo ließ er sich nicht brechen. Dem tobenden Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler trat er aufrecht entgegen – in der Gewissheit, »gelebt zu haben«, das heißt sich selbst und seinen Überzeugungen treu geblieben zu sein. Benigna von Krusenstjern hat ihm mit ihrer quellengesättigten Biografie ein würdiges Denkmal gesetzt.

Quelle: Die Zeit