Der Journalist Peter Schmitt veröffentlichte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung folgenden Artikel:

»Es ist natürlich etwas anderes, wenn man weiß, der andere war auch aktiv«

FRANKFURT. Was haben Karl Marx und Manfred Kanther gemeinsam? Nicht viel mehr als die Anfangsbuchstaben ihrer Namen, sollte man meinen. Oder Rezzo Schlauch, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, und der Bundesvorsitzende der Republikaner, Rolf Schlierer? Alle vier waren oder sind noch bei schlagenden Verbindungen aktiv. Damit allerdings hören die Gemeinsamkeiten schon auf: Denn auch wenn Schlauch (Saxo-Silesia Freiburg) und Schlierer (Germania Gießen) Mitglieder von Burschenschaften, Kanther (Guestphalia et Suevoborussia Marburg) und Max (Palatia Bonn) Corpsstudenten sind oder waren, so unterscheiden sich die einzelnen Korporationen doch erheblich voneinander. Während die eine Burschenschaft keine Ausländer und Zivildienstleistenden in ihren Reihen duldet, nimmt eine andere »Burschenschaft« problemlos Frauen auf. Dass ein Grüner wie Rezzo Schlauch zugleich Burschenschafter sein kann, ist für den einstigen Jurastudenten und Sympathisanten des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds kein Widerspruch. Eher zufällig ist er 1966 Burschenschafter geworden. Damals sei er mit einem Freund an einem Verbindungshaus vorbeigekommen und habe sich gesagt: »Da gehen wir rein, die nehmen wir mal auf die Schippe.« Und dann ist er bei Saxo-Silesia Freiburg hängen geblieben. Aber Schlauch bereut es nicht. Gemeinsam mit seinen Bundesbrüdern habe er gegen den Krieg in Vietnam demonstriert, begeistert hätten sie den berühmten Disput zwischen Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke 1968 live miterlebt. Als ideologisch freischwebender Linker hat sich Schlauch, der fünfmal gefochten, hat in der liberal gesonnenen Burschenschaft wohl gefühlt. Als sich das später änderte ist er ausgetreten. Noch heute aber lässt er sich gerne von Verbindungen zum Meinungsaustausch bitten. Die Idee, dass sich Akademiker zu einem »hochdemokratischen« Freundeskreis auf Lebenszeit zusammenfinden, hält der grüne Realo nach wie vor fur unterstützenswert.

Solange es Universitäten gibt, haben Studenten sich in Gruppen zusammengeschlossen. Schon im Mittelalter waren dabei landsmannschaftliche Bindungen ausschlaggebend. Es entstanden die so genannten nationes, die bis heute in den lateinischen Namen fortleben. Die Söhne des Adels waren Degen- und Schwertträger, das Fechten gehörte zu den deutschen Volksbräuchen, und Ehrenhändel wurden in Duellen ausgetragen.

Studentenverbindungen im heutigen Sinne gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts. Zu den ersten zählten die Corps, für die Prinzipien wie Freiheit und Freundschaft auf Lebenszeit besonders wichtig waren. Bald schon einte die Jungakademiker der Hass gegen Napoleon und dessen Fremdherrschaft. Jenenser Corps gründeten daraufhin die allgemeine Burschenschaft, der sämtliche Studenten angehören sollten. Eine revolutionäre Bewegung, die sich die Einheit der deutschen Nation auf die Fahnen schrieb. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden neue Landsmannschaften, die eine Reform des bestehenden Korporationswesens anstrebten. Alle »ehrbaren Studenten« sollten gleichberechtigt, Standes- oder Klassenunterschiede aufgehoben sein.

Heute existieren rund 170 Corps mit etwa 23.000 Mitgliedern, zusammengeschlossen in den zwei eng verbundenen Dachverbänden Kösener- und Weinheimer Senioren-Convents-Verband, etwa 130 Burschenschaften mit knapp 17000 Aktiven und Alten Herren, seit 1996 gespalten in die Deutsche Burschenschaft und die Neue Deutsche Burschenschaft (mit bald 20 Mitgliedsbünden), und etwa 100 Landsmannschaften, Turnerschaften und Sängerschaften (etwa 13 000 Mitglieder), zusammengefasst im Coburger Convent. Ihnen allen gemein ist, dass sie Farben tragen und Mensuren schlagen. Hinzu kommen zahllose Verbindungen, freie Corps und Burschenschaften zum Beispiel, die aus den Verbänden ausgeschieden sind, weil sie nicht »auf blanke Waffen« fechten wollen. Andere sind konfessionell gebunden und lehnen ebenfalls eine Mensur ab. Die Zeiten der – oft tödlich endenden – Duelle, wie man sie aus Filmen kennt, sind lange vorbei: Getroffen wird heute nur noch der Kopf, die Paukanten rühren sich dabei nicht vom Fleck und stechen nicht, sondern »schlagen« sich bei geringem Abstand mit scharfen Klingen.

Einen leichten Schmiss auf der Stirn hat Konrad Hinrichs, der Vorstandsvorsitzende der Philipp Holzmann AG. Aber man muss genau hinschauen, um ihn zu erkennen. Hinrichs hat dreimal gefochten – einmal mehr als gefordert. Für ihn ist die Mensur eine »Überwindungsprobe«, die durch einen Sprung vom Zehn-Meter-Brett ersetzt werden könnte. Hinrichs ist über seinen Onkel 1956 bei der Landsmannschaft Borussia Stuttgart aktiv geworden. Im sogenannten Lebensbundprinzip sieht er einen nicht zu unterschätzenden Aktivposten. Deswegen findet er es wichtig, junge Bundesbrüder zu fördern. Aber nur, wenn sie auch sonst weit über dem Durchschnitt lägen, schränkt er ein. Wenn sich einer bewerbe, sei das Korporiertsein letztlich nur ein »kleiner Unterscheidungsgrad im Einheitsbrei«. Dass sich mancher zur Elite zählt, nur weil er Verbindungsstudent geworden ist, ärgert ihn. »Ich bin ein Freund von Eliten, sobald einer einen Nobelpreis vorweisen kann.«

Die Zeiten, als beispielsweise Corpsstudenten tatsächlich maßgeblich das politische und wirtschaftliche Leben in Deutschland bestimmten, als Kaiser, Kanzler und ganze Kabinette gleichermaßen aktiv waren, sind lange vorbei. Trotzdem ist die Liste der herausragenden Persönlichkeiten noch immer beachtlich: Die Corps zum Beispiel gehen davon aus, dass von ihren 20.000 Alten Herren rund 600 Hochschulprofessoren sind. Fast 18 Prozent seien Arzte, 14 Prozent Geschäftsführer oder in Vorständen tätig, knapp zehn Prozent Rechtsanwälte oder Notare. Das durchschnittliche Einkommen soll bei annähernd 10.000 Mark im Monat liegen.

Alle Verbindungen werben beim möglichen Nachwuchs damit, dass eine Mitgliedschaft beruflich von Nutzen sein kann. Zwar wird heute niemand mehr, wie noch von Heinrich Mann in seinem Buch »Der Untertan« geschildert, einen Mitläufer oder Versager weiterempfehlen. Aber die einzelnen Verbindungen und Verbände vergeben Studienpreise und Stipendien, veranstalten eigene Rhetorikseminare oder bieten gezielt Stellen an. Zudem gibt es kaum eine Stadt in Deutschland oder Österreich, in der nicht eine Art Stammtisch gegründet worden wäre, an den sich jedes neue Mitglied nicht nur wegen Kost und Logis wenden kann. Parteiübergreifend treffen sich zum Beispiel einmal im Monat die Corpsstudenten des Deutschen Bundestages, darunter auch ehemalige Abgeordnete wie Manfred Kanther oder Parlamentsmitglieder wie Edzard Schmidt-Jortzig (FDP, Corps Hansea Bonn).

Die beiden früheren Kabinettskollegen haben nie richtig über ihr Corpsstudententum gesprochen. Trotzdem sei es natürlich, etwas anderes, wenn man von seinem Gesprächspartner wisse, dass er aktiv gewesen ist, meint Schmidt-Jortzig. Sein Verhältnis zum ehemaligen Bundesinnenminister beschreibt er als persönlich, loyal und immer vertrauensvoll. Damals hat er auch aus dem Umfeld von Kanther erfahren, daß die Berufung eines Korporierten zum Bundesjustizminister diesen beruhigt haben soll. Man spricht eben dieselbe Sprache.

Schmidt-Jortzig hatte es aus der fernen Provinz Anfang der sechziger Jahre nach Bonn verschlagen. Rasch hat er sich für die »freundlichste Verbindung« entschieden, eine Burschenschaft sei nie eine Alternative gewesen. Für die späteren Kieler Hochschullehrer hat die Aussicht, Studienhilfe zu bekommen oder Beziehungen zu knüpfen, überhaupt keine Rolle gespielt. »Wir waren fürchterliche Einzelkämpfer.« Kommilitonen wurden gesiezt, nur den Corpsbrüdern gebührte das freundschaftliche Du. Heute sitzt im Vorzimmer als Referent des FDP-Abgeordneten ein Korporierter. Schon zum zweiten Mal, sagt Schmidt-Jortzig, das sei aber reiner Zufall. Dabei fördert der Alte Herr Corpsbrüder durchaus. »Auch väterlich, um sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.« Regelmäßig besucht er zu Stiftungsfesten sein Corps, geht aber auch zu anderen Verbindungen, etwa in Kiel, um Vorträge zu halten. Daran seien junge Studenten besonders interessiert.

Auch Eberhard Diepgen beantwortet die Frage, ob er von seiner Verbindung beruflich profiiert habe, mit einem klaren Nein. Selbst hat er wenig Gelgenheiten, korporierten Studenten behilflich zu sein, da die Berliner Burschenschaft Saravia nur noch eine Alherrengemeinschaft ist. Ein aktiver Bund exisitert nicht mehr. Der Regierende Bürgermeister von Berlin ist aus drei Gründen 1960 zu einer Burschenschaft gegangen: »Die Erinnerung an das Burschenschaftsfest von 1818, die Studienhilfe und der Freundeskreis.« Seilschaften oder Netzwerke gibt es seiner Meinung nach allerdings nicht.

Mit Vorurteilen wie diesen tun sich Kroprorierte noch immer schwer. Selbstverständlich gibt es ein deutschlandweites Netzwerk. Dass das einem Waffenbruder, der durchs Examen gefallen ist, nichts nützt, liegt auf der Hand. Gerne wird auch auf die korporierten Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 verwiesen, korporierte Nationalsozialisten wie Ernst Kaltenbrunner (Burschenschaft Arminia Graz) werden häufig vergessen. Schmidt-Jortzig glaubt nicht, das von Verbindungen – selbst wenn sie dem rechtsradikalen Spektkum zuzurechnen seien – eine Gefahr ausgehe. Ihre Zahl sei eher gering. Trotzdem scheinen diese Rechtsradikalen der Grund zu sein, weswegen viele nicht gerne darüber reden, dass sie Alte Herren von schlagenden Verbindungen sind. Auch der Frankfurter Finanz- und Personaldezernent Albrech Galser (CDU) und Hessens Landtagspräsident Klaus-Peter Möller (CDU) nicht.

Im deutschen Grenzraum – Verbindungen in Österreich: Jörg Haider und die FPÖ

FRANKFURT. »Corps in weiteren deutschen Kulturkreisen« ist ein Kapitel im »Handbuch des Kösener Corpsstudenten« überschrieben. Gemeint sind vor allem die österreichischen, die sudetendeutschen und baltischen Corps, die sich nach dem Krieg zum Teil in der Bundesrepublik neu konstituierten, aber auch die schlagenden Verbindungen in der Schweiz und sogar in den Vereinigten Staaten (seit 1928). Nirgendwo sonst allerdings spielten und spielen Korporationen eine vergleichbar große Rolle wie im Nachbarland Österreich.

Von jeher genießen die Österreicher den Ruf, sich politisch sehr weit rechts von der Mitte zu orientieren. Das liege, so heißt es, nicht zuletzt daran, dass sich einige österreichische Korporierte bewußt als »Deutsche im deutschen Grenzraum« verstünden. Der »Heim-ins-Reich«-Gedanke spiele etwa bei den Burschenschaften bis heute eine Rolle, glaubt Carsten Zehm, aktiv bei der Burschenschaft Alt-Germania Hannover und Pressewart der Neuen Deutschen Burschenschaft. Einer der Gründe, warum sich sein Verband 1996 von der Deutschen Burschenschaft abgespalten habe.

Kaum ein Politiker hat in der neueren Zeit so eindeutig seine Kontakte zu studentischen Verbindungen genutzt wie Jörg Haider, der zunächst mit seinem Schulfreund Helmut Peter bei der Schülerverbindung Albia in Bad Ischl, später bei der Wiener Burschenschaft Silvania aktiv wurde. Peter trat nach eigenen Angaben aus der Silvania aus, weil sie mit der extrem rechts stehenden Korporation Südmark zusammengelegt wurde. Haider scharte eine Vielzahl von Bundesbrüdern um sich, die mit ihm zur Kernmannschaft der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) gehören und ihm halfen, an ihre Spitze zu gelangen. Norbert Steger, von 1980 bis 1986 FPÖ-Obmann und Vorgänger Haiders, sprach deswegen von einem »Putsch von Burschenschaftern«.

Für die FPÖ sitzen mehrere Korporierte im Nationalrat. Zu den engsten Vertrauten Haiders gehörten bis zu seinem Tod 1998 der stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei Rainer Pawkowicz (Burschenschaft Aldania Wien) und lange Zeit der »Chefideologe« und frühere Grundsatzreferent der FPÖ, Andreas Mölzer (Corps Vandalia Graz), heute »Schriftleiter« der nationalfreiheitlichen Monatszeitschrift »Die Aula« und Chefredakteur der »Kärntner Nachrichten«. (pps)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung