Am 29.05.2013 veröffentlichten die Autoren Manuel Weskamp und Peter-Philipp Schmitt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgenden Artikel:

Studentenverbindungen waren im „Dritten Reich“ verboten. Trotzdem gründeten Wehrmachtsangehörige 1943 das Corps Guestphalia in Würzburg neu und schlugen Mensuren – eine Form widerständigen Verhaltens.

Im Versteck: Zur Uniform der Wehrmacht tragen die Guestphalen 1944 stolz das grün-weiß-schwarze Band und den weißen Seidenstürmer. In der Mitte mit Pfeife sitzt Ludwig Hauenschild, hinter ihm als vierter von rechts steht Jochen Zimmermann.

Im Versteck: Zur Uniform der Wehrmacht tragen die Guestphalen 1944 stolz das grün-weiß-schwarze Band und den weißen Seidenstürmer. In der Mitte mit Pfeife sitzt Ludwig Hauenschild, hinter ihm als vierter von rechts steht Jochen Zimmermann.

Als Versteck nutzten sie eine kleine Gartenhütte, die sie im Laufe der Zeit zum Corpsheim ausbauten. Schon 1943 trugen sie auch Band und Stürmer, wie die weiße Kopfbedeckung aus Seide der 1935 suspendierten Studentenverbindung Guestphalia genannt wird. Die zwei gekreuzten Schläger, die sie neben die grün-weiß-schwarze Fahne an die Wand ihres Unterschlupfs gehängt hatten, waren mehr als Zierde: Sie zeigten an, dass die Geheimbündler schon im Krieg wieder Mensuren fochten. Der offizielle Name ihrer Verbindung: Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“.

Die Wehrmachtsangehörigen, die zum Teil Mitglieder der SA und der NSDAP waren, wussten, dass sie Kopf und Kragen riskierten. Korporationen waren an den gleichgeschalteten Universitäten verboten. Ein Schmiss im Gesicht durch eine Mensur war zudem für die Wehrmacht ein Akt der Selbstverstümmelung. Gefochten wurde in Würzburg trotzdem – unter größtmöglicher Geheimhaltung: hauptsächlich nachts; eingeweiht und anwesend war nur die unbedingt nötige Anzahl von Personen; Ort und Zeitpunkt wurden den Beteiligten erst wenige Stunden vorher bekannt gegeben. Keine der Mensuren flog durch die Geheime Staatspolizei auf.

Warum widersetzten sich die Studenten den Nationalsozialisten? Eine der wenigen, die noch Auskunft geben kann, ist Margarethe Hauenschild, die unter ihrem Mädchennamen Hundertmark im Mai 1943 ein Medizinstudium in Würzburg aufnahm. Sie war mit den fünf Korporierten befreundet. Später heiratete sie einen von ihnen, Ludwig Hauenschild. Von ihm wurde sie auch in den geheimen Corpsbetrieb eingeweiht. Nur manche Details wie etwa zum Mensurenfechten wurden ihr aus Angst vor der Gestapo verschwiegen.

Der Reiz des Verbotenen

Eine Mensur zu fechten, das hatte, wie sie sagt, auch den „Reiz des Verbotenen“. Eine viel größere Rolle aber habe die Sehnsucht nach Spaß und Entspannung möglichst weit weg von Krieg und der permanenten nationalsozialistischen Beeinflussung gespielt. Margarethe Hauenschild berichtet von vielen gemeinsamen Fahrradausflügen ins Umland von Würzburg, von improvisierten Feiern im Festsaal des Hauses der Studentenverbindung Walhalla, auf deren Grundstück bis heute die Gartenhütte steht, vom Sonnenbaden im Garten und vom Baden im Main. Es war das Verlangen nach Normalität im Krieg. Die Geheimniskrämerei habe „ungemein zusammengeschweißt“.

Ludwig Hauenschild, Jahrgang 1919, gehörte zu einer Gruppe von fünf Gleichgesinnten: Richard Barth, geboren 1918 war der Älteste, Gerhard Kerntke und Josef Biesel waren ein Jahr jünger, Jochen Zimmermann war Jahrgang 1921. Alle fünf waren Hitlerjungen gewesen, alle begannen nach dem Abitur 1938 und dem von den Nationalsozialisten vorgeschriebenen Arbeitsdienst ihr Medizinstudium. In Würzburg kamen sie im Wintersemester 1941/1942 in Kontakt mit der Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“ im Hause der Walhalla an der Mergentheimer Straße 32-34a. Der katholische Studentenverein (K.St.V.) Walhalla, 1864 gegründet und damit eine der ältesten katholischen Studentenverbindungen Deutschlands, war 1938 verboten und enteignet worden.

Die Kameradschaften waren eine Idee der Nationalsozialisten gewesen. Mit ihnen wollten sie anfangs nicht nur alle Studenten kasernieren, um sie besser kontrollieren zu können. Sie sollten auch die aufgelösten Studentenverbindungen ersetzen. Aus vielen ehemaligen Verbindungshäusern wurden Kameradschaftshäuser, in denen politische Schulungen stattfanden. Die angehenden Akademiker wurden nicht nur zu mehrmonatigem Arbeitsdienst – etwa im Straßenbau oder in der Landwirtschaft – zwangsverpflichtet, sie mussten zeitweise zum Beispiel auch an wehrsportlichen Aktivitäten der „Sturmabteilung“ (SA) teilnehmen, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP: Dazu gehörten Kleinkaliberschießen, Marschtraining oder auch Keulenzielwerfen – als Ersatzübung für das Handgranatenwerfen, solange die Wehrpflicht noch verboten war.

Durchaus gewünscht war, dass sich die noch existierenden Alt-Herren-Verbände der ehemaligen Studentenverbindungen den neuen Kameradschaften anschlossen. Die Alten Herren sollten Geldgeber sein, wie Jochen Zimmermann in seinen Erinnerungen über die Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“ schreibt. „Sie sollten aber ohne Einfluss bleiben. Eine echte Übernahme alter Tradition war seitens der Kameradschaft damals in keiner Weise beabsichtigt.“ Die AH-Vereinigungen hätten unter erheblichem politischen Druck gestanden. „Falls sie sich weigerten, im NS-Altherrenbund aufzugehen, mussten sie mit Zwangsauflösung und Enteignung ihres Vermögens rechnen.“

Mit dem Krieg ließ die Überwachung der Universitäten nach

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Zusammensetzung der Studentenschaft stark. Der Prozentsatz der Studentinnen nahm weiter zu (in Würzburg auf mehr als 42 Prozent), da Frauen keinen Wehrdienst leisten mussten. Eine andere große Gruppe bildeten die zum Studium abkommandierten Wehrmachtsangehörigen, meist Medizinstudenten. Sie genossen besondere Privilegien, weil immer mehr Ärzte in der Wehrmacht gebraucht wurden. Andere Studiengänge hingegen verkümmerten regelrecht, weil viele junge Männer durch ihren Kriegseinsatz gar nicht mehr studieren konnten. Fanatische Nationalsozialisten meldeten sich zudem zum Militärdienst und verschwanden so auch aus den Hochschulen. Damit ließ die Überwachung der Universitäten durch den Parteiapparat nach.

Auch die Voraussetzungen für die Kameradschaften änderten sich. In der Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“ erschien 1942 nur ein Fünftel der bis zu 60 Mitglieder noch zu den ein bis zwei Mal in der Woche stattfindenden Kameradschaftsabenden. Die vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) als besonders wichtig propagierte politische Schulung fand kaum noch statt. Mit dem Beitritt der fünf befreundeten Wehrmachtsangehörigen Barth, Biesel, Hauenschild, Kerntke und Zimmermann im Wintersemester 1941/42 waren die Tage der politischen Kampfgemeinschaft endgültig gezählt.

In der Kameradschaft übernahmen sie im Wintersemester 1942/1943 die Führung und versuchten, zwischen den Mitgliedern einen festeren Zusammenhalt zu schaffen. Was ihnen genau vorschwebte, wussten sie zunächst wohl selbst nicht. Möglicherweise hatten sie Kameradschafts-Ideale aus dem Militär im Kopf. Erst ein Student, der insgeheim bereits wieder beim Corps Rhenania aktiv war, habe sie auf die Idee gebracht, das Corps Guestphalia zu erneuern, schreibt Zimmermann in seinen Erinnerungen. Die Idee kam also nicht von den Alten Herren der Guestphalia, sondern von einem Mitglied der Kameradschaft „Balthasar Neumann“, aus der das Würzburger Corps Rhenania neu entstanden war.

Oppositionsgeist aus politischem Desinteresse

Bereits in den frühen vierziger Jahren galt Würzburg wieder als Hochburg des Waffenstudententums. Seit 1941 hatten sich mehrere Kameradschaften im Geheimen in Korporationen umgestaltet. Ausgehend von den Kameradschaften der Burschenschaften Arminia und Germania, hatten auch die Kameradschaften der Corps Rhenania und Moenania wieder einen Corpsbetrieb aufgenommen. Schon im Wintersemester 1942/1943 gründeten die vier Verbindungen einen Waffenring, um Mensuren besser planen und ausmachen zu können. 1944 existierte dann in acht von zehn Kameradschaften ein Verbindungsleben. Bis Kriegsende wurden Hunderte Partien gefochten.

Die Neugründung der Guestphalia gestaltete sich schwierig. Anfangs halfen vor allem die Mitglieder des Corps Rhenania. Bei ihnen durften die fünf Freunde Paukzeug fürs Fechten und den Paukboden mit benutzen, die Rhenanen halfen auch beim sogenannten Einpauken und gaben den benötigten Waffenschutz, um mit den Mitgliedern des Waffenrings Partien fechten zu können. So hatten sie als Guestphalen im Sommer 1943 bereits wieder eine Art Corpsbetrieb in der Kameradschaft aufgenommen, ohne jedoch irgendeine Legitimation durch die Alten Herren des Vorkriegs-Corps Guestphalia zu haben. Das sollte sich aber ändern. Die jungen Aktiven bekamen nun nicht nur eigenes Paukzeug, ihnen wurde auch die alte Corpsfahne anvertraut. Um nicht länger auf die Rhenanen angewiesen zu sein, richteten die Guestphalen auf dem ehemaligen Haus der Walhalla ihren eigenen Paukboden ein: In nächtlicher Arbeit schachteten sie dafür die Kegelbahn in einem Anbau gut 20 Zentimeter tief aus, um genügend Raumhöhe zum Fechten zu haben.

Doch der Krieg überschattete immer wieder ihre Bestrebungen. Nach Angaben von Margarethe Hauenschild konnte von einem geregelten Studium 1943 sowieso kaum die Rede sein. Schon in den Semesterferien nach dem Sommer mussten die fünf Soldaten ein weiteres Mal bis zum November in den Kriegseinsatz nach Russland. Dennoch nahm die Wiederbelebung des Corps Formen an. Nach längerer Vorbereitung wurde das Corps Guestphalia am 22. April 1944 in Würzburg offiziell rekonstituiert. Mehrere Alte Herren, die in den zwanziger Jahren das Guestphalenband aufgenommen hatten, waren anwesend. Zu den fünf Freunden hatten sich inzwischen ein weiterer Aktiver sowie sechs Füchse gesellt.

Ähnlich verlief die Entwicklung in den meisten anderen Würzburger Kameradschaften. Der NSDStB [Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund] reagierte erstaunlich nachsichtig. Einer der Gründe: Die Waffenstudenten in Würzburg hatten den Studentenbund einfach unterwandert. Jochen Zimmermann berichtet, man habe die Ämter der Gaustudentenführung auf die verschiedenen Bünder verteilt. „Selbst das ,Amt für politische Erziehung‘ war zeitweise mit einem Waffenstudenten besetzt.“ Und schon im Sommer 1943 sei die Zahl der Aktiven dann so groß gewesen, „dass ein Einschreiten dagegen die Auflösung fast des gesamten Würzburger NSDStB bedeutet hätte, wovor man aus begreiflichen Gründen scheute“. Ihr Selbstbewusstsein zeigten die Korporationen in Würzburg im Sommersemester 1944: Sie veranstalteten einen Kommers auf dem Haus der Rhenanen mit mehr als 100 Waffenstudenten.

Die weitgehende Tolerierung durch die Reichsstudentenführung hatte wohl auch damit zu tun, dass man die Neugründungen nicht als Ausdruck einer „staatsfeindlichen“ Haltung ansah. Tatsächlich artikulierte sich hier auch gewiss kein allgemeiner Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Historiker Michael Grüttner, der die Geschichte der Studentenschaften im „Dritten Reich“ erforscht, sieht allerdings einen „gewissen Oppositionsgeist“, der sich aus einem Überdruss am traditionellen Kameradschaftsbetrieb und aus politischem Desinteresse erklären lasse, vielleicht sei es auch einfach die Freude „am klandestinen Spiel mit dem Feuer“ gewesen.

Mit dem nahenden Kriegsende kam auch der Corpsbetrieb bei Guestphalia wieder zum Erliegen. Sieben Mitglieder des Bundes mussten im Wintersemester 1944/1945 wieder an die Front. Als Würzburg am 16. März 1945 durch einen alliierten Bombenangriff großflächig zerstört wurde, war kein aktiver Guestphale in der Stadt. Es waren Semesterferien.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung