In der Beilage “ ZEIT Campus“ der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte die Autorin Johanna Schoener am 12.04.2011 folgendes:

Waren die Studenten früher wirklich anders als heute? Wir haben im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen in privaten Notizen aus über 130 Jahren Studentenleben nachgesehen.

1933: »Letzte Woche stand am schwarzen Brett: SA-Dienst ist Pflicht« Ernst-Theodor Klemm (1913–2003) studierte Violine an der Musikhochschule in Stuttgart, musste in den Krieg ziehen und wurde später Musikdozent

Freitag, 23. September 1932

Heute Volksfestbeginn. Als ich mich eben in den Maßkrug vertieft hatte, sehe ich eine Gruppe Mädchen an meinem Tisch vorbeikommen. Herta Günzler grüßte mich mit fröhlichem Lachen!

Sonntag, 16. Oktober 1932

Gestern Abend veranstaltete ich einen Gesellschaftstanz. Als Hauptperson lud ich Herta Günzler ein, die uns dann mit ihrer Schwester Traute ihre Gegenwart für den Abend schenkte und ihn dadurch zu einem seltenen Ereignis gestaltete. Das Tanzen mit Herta Günzler ging schon viel besser als das letzte Mal. Manchmal kam ich mir wie in einem schönen Traum vor, wenn ich sie vor mir sah… Mit wallendem blauen Kleid, ihren wundervollen blauen Augen und ihrem prächtigen hellblonden Haar glich sie einer Göttin.

Donnerstag, 13. Juli 1933

Gestern war auf der Hochschule ein politischer Vortrags-Abend, der von allen Studierenden pflichtmäßig zu besuchen war. Referent war der neue nationalsozialistische Dramaturg Herr Lorenz, der im Braunhemd und mit dem Hitlergruß anrückte. Eine wirklich logische Gegenüberstellung der Begriffe »Volk« und »Rasse« konnte ich nicht herausfinden.

Freitag, 17. November 1933

Letzte Woche stand an der Hochschule am Schwarzen Brett »SA-Dienst ist Pflicht« für alle Studierenden bis zum vierten Semester. Ich wurde zum Spielmannszug eingeteilt und musste am Mittwochabend Dienst tun, das heißt bei einer Probe des Spielmannszuges mitarbeiten. In dem Lokal vollführten die etlichen Trommler und Pfeifer einen derartigen Lärm, dass mir Hören und Sehen verging. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, mich zwingen zu lassen wie ein Schuljunge. Es ist keine militärische Ausbildung im eigentlichen Sinne, die Uniform muss ich selbst bezahlen, meine Unterrichtsfächer auf der Hochschule leiden darunter, und zu dem allem werde ich einfach gezwungen. Wir wollen doch keine Wehrmacht! Wir versicherten doch am 12.November der Welt, dass wir abrüsten wollen und dass wir den Frieden wollen!

Sonntag, 11. Februar 1934

Auf dem Bahnhof traf ich Fräulein Günzler; da ich gerade neben ihr herlief, konnte ich nicht anders, als sie anreden. Ich sagte, es sei wieder kalt geworden – und nun staunt der Laie! Sie antwortete nicht bloß mit »Ja«, wie ich es prompt erwartet hatte, sondern sie sagte ganz freundlich: »Ja, und gestern war es so schön warm.« Nach diesem Erfolg stieg ich voll Stolz und Freude auf die Hochschule, um je eine Stunde Musikdiktat und Gehörbildung zu genießen, was mich einigermaßen auf die Erde zurückbrachte nach dieser himmlischen Begegnung am hellen Morgen!

Sonntag, 17. Juni 1934

Gemeinsam haben wir letzte Woche ein Urlaubsgesuch eingereicht, dass wir wegen der Vorbereitung aufs Examen und unserer Anstellung beim Philharmonischen Orchester unmöglich in der Lage seien, in diesem Semester weiterhin SA-Dienst zu machen. Erfreulicherweise wurde diesem Antrag stattgegeben. Sonst weiß ich nicht, ob ich heute noch auf der Hochschule wäre: Das heißt, ich hätte mein Studium ohne Examen aufgegeben.

1865: »Ein bildschönes Jungfräulein kredenzte uns den Gerstensaft« Julius Meisner (1847–1919) studierte Evangelische Theologie in Erlangen und wurde Landpfarrer, seine beiden Ehen blieben kinderlos

Montag, 8. Mai 1865

Furchtbar heiß heute. Früh ins Kolleg gegangen. Beim Zurückgehen um zwölf begegneten uns einige recht hübsche höhere Töchter in losen Sommergewändern. Abends Straßenkneipe.

Samstag, 13. Mai 1865

Früh ging ich ins hebräische Seminar bei Delitsch, wo es viehisch interessant war. Nachmittag machten ich, H. u. Stolzenburg einen famosen Bummel über Razberg, Adlitz, wo wir einkneipten, Adzelsberg, wo wir wiederum einkneipten und vorselbst uns ein bildschönes Jungfräulein den Gerstensaft kredenzte.

Montag, 15. Mai 1865

Ziemlich hübscher Tag. Abends ging ich zum ersten Male in den akademischen Turnverein, wo wir eine eigene Riege bildeten. Wir hatten Pferd und Bock und es nahmen etwa 80 Mann daran teil, darunter auch der Griechenländer Paulites.

Sonntag, 4. Juni 1865

Um vier versammelten wir uns auf der Kneipe und gingen von da vor das Trauerhaus zum feierlichen Begräbnis prof. philosophiae u. theologiae Carl. v. Ramner, 82 Jahre alt. Je ein Chargierter aller Verbindungen und Corps begleitete den vierspännigen Leichenwagen mit brennender Fackel. Die theologische Fakultät erschien in schwarzen, die juristische in roten, die philosophische in blauen, die medizinische in grünen Mänteln und Baretts.

Samstag, 8. Februar 1868

Nach der Stunde bei Walther v. Üchtr. fuhr ich Schlittschuh und hatte ein kleines Abentheuer, in dem ich mich an eine junge gemütliche Dame attachirte, die auf mein Anerbieten, sie Stuhlschlitten fahren zu wollen, sehr bereitwillig einging und sich mit ihrer Schwester von mir nach Haus begleiten ließ. Es waren übrigens wenig hübsche Mädchen.

1990: »Die Demo am Samstag war Spitze« Die unbekannte Verfasserin studierte an der landwirtschaftlichen Sektion in Rostock, über ihr Leben ist sonst nichts bekannt

Freitag, 28. September 1990

Die erste Woche in Rostock war furchtbar. Zwar war es schön, alle Leute wiederzusehen, aber da niemand Lust zum Studium hatte, haben wir uns nur noch gegeneinander aufgeputscht. Bei uns an der Sektion hat sich überhaupt nichts verändert. Woher die den Optimismus nehmen und sagen können, die Landwirtschaft der DDR sei gut dran, ist meine Frage. Irgendwie komme ich mir total verarscht vor. In der Praxis sieht’s doch ganz anders aus!

Freitag, 2. November 1990

Die Demo am Samstag war spitze. Zuerst ging’s zur Landwirtschaftskammer, wo wir Mais »anpflanzten« und mit Gülle begossen. Die Stimmung war prima. Dann ging’s mit der Arche in die Stadt. Dort haben wir das Theaterstück aufgeführt und McDonald’s besetzt.

Die Fete war spitze. Drei Live-Truppen, und wir haben besonders bei der letzten getobt wie die Wilden – so richtig schön ausgelassen. Erst um nach drei sind wir auf die Matte.

Donnerstag, 15. November 1990

Mit der Diplomarbeit in Richtung Umweltschutz und Landschaftsgestaltung scheint es ja gut zu gehen. Heute Abend ist im Club Öko-Abend. Es kommt ein Öko-Bauer und berichtet.

Mittwoch, 28. November 1990

Ich habe mich jetzt entschlossen, mir hier in Rostock ne Bude zu suchen. Freitag war doch Klassentreffen, und die Leute, die ja unser Zimmer als Anlaufpunkt nutzten, haben alle gesagt, dass das Wahnsinn ist, hier mit vier Mann auf 20 Quadratmetern – ist es ja auch!

Bald ist Wahl. Vorhin haben wir gerade »gefachsimpelt«, was wäre, wenn zum Beispiel die PDS gewinnt. Unvorstellbar und unreal. Aber man kann ja mal spinnieren. Der Kohl wird’s schon machen und ein Großdeutschland (und mehr?) errichten. Damit der Welt gezeigt wird, wie gut wir doch sind. Das klingt alles so verdammt nach 1933. Es kotzt mich an! Ob man nie lernt, aus der Vergangenheit zu lernen?

1949: Ich darf sagen: Es geschah in intensiver Liebe Bertel Kneipp* (geboren 1927) studierte Jura, Deutsch, Geschichte und Psychologie in Bern und leitete später eine Berufsberatung

Mittwoch, 26. Oktober 1949

Dies kann ein ausgezeichnetes Quartal werden. Gestern wieder ein historischer Abend: Studentenfilmclub. Ich führe mich mit Selbstverständlichkeit in die Mitarbeit ein und diskutiere so lebhaft mit Ruckstuhl (dem Präsidenten), dass Berger vergisst, dass ich »neu« bin. Anschließend Gespräch mit Berger, neue Resultate: Differenzen zwischen seinem und meinem Sprung: In den – für uns beide noch bevorstehenden – Beziehungen zu Frauen erblickte Klaus Berger die für ihn schwer überwindbare Schwelle im Übergang vom »Schmusen« (Umarmen, Küssen etc.) zum Beischlaf, ich dagegen im Übergang vom »trockenen«, gesellschaftlich-üblichen Kontakt zur ersten körperlichen Annäherung, also der Umstellung der Beziehungs-Sphäre. Der je andere Schritt schien uns dagegen viel weniger problematisch.

Montag, 7. November 1949

Die Begegnung mit Susanne heute im Historischen Seminar: voller Stimmung!

Ein Thema der letzten Wochen und besonders Tage drängt sich immer stärker auf: es ist die Berufsfrage. Meine Berufssituation beunruhigt mich immer tiefer; ich denke ernsthafter denn je an grundlegende Änderungen, zu denen ich mich doch wieder zu schwach fühle. Nach und nach sehe ich die bis anhin in der Ferne aufleuchtende Katastrophe näher kommen. Heute eine Strich-Stunde. An ihrem Schluss notiere ich mir: »1. Dieses Studium kann nicht weitergehen. 2. Wie wäre es nun doch noch mit einem Medizinstudium? 3. Die eingefädelte Müllergelegenheit muss ergriffen werden! Dazu: 4. Gänzliche Enthaltung vom Rauchen. 5. Tina muss sein.«

Donnerstag, 2. März 1950

Es ist geschehen. Was ich so lange, immer inbrünstiger und mit stets wachsender Spannung erwartete – es ist geschehen. Und eines wenigstens darf ich sagen: es geschah in intensiver Liebe…

1996: »Mein Referat ist nicht Fertig, und nebenan stöhnt eine Frau«

Christiane Liefers* (geboren 1970) studierte Ethnologie und Archäologie in Bonn, ist inzwischen verheiratet und arbeitet in einer Organisation, die Studenten ins Ausland vermittelt

Mittwoch, 22. November 1995

Ich glaub, ich steh kurz vor ’ner Krise. Meine Woche besteht aus circa 1–2 Seminaren am Tag, die kleinen Vorlesungen lass ich ausfallen.

Dienstag, 5. Dezember 1995

Ich fühl mich mal wieder furchtbar. Nach knapp vier Stunden fernsehen. Mein Referat läuft am Donnerstag, bin immer noch nicht fertig. Nebenan stöhnt eine Frau. Und ich kann genüsslich zuhören, weil ich weiß, dass es mir gut geht! Ich habe ein gut gehendes Sexualleben.

Freitag, 8. Dezember 1995

So. Da sitz ich hier vor dem, was vom Referat übrig ist. Der Architekturteil war hoffentlich nicht zu banal, die Wandmalereien »hätte ich weglassen können«. Björn meinte, zu wenig auf die Architektur eingegangen. Christoph meinte, ausbaufähig für ’ne Magisterarbeit. Also – keiner hat wirklich gesagt, wie gut es war, was ja dann nur heißen kann, dass es weniger toll gewesen ist.

Mittwoch, 15. September 1999

Heute habe ich mich zum Magister angemeldet. Aber irgendwie geht es mir jetzt nicht besser, sondern eher schlechter. Ich war den ganzen Morgen so nervös, wie vor ner Prüfung oder so, dass ich mir jetzt meine ersten Baldrian/Johanniskraut-Tabletten besorgt habe.

Dienstag, 21. Dezember 1999

Das Kolloquium war jedenfalls ein Erfolg. 45 Minuten Vortrag und keine Minute länger. P. meinte zum Schluss: »Sehen Sie, war doch gar nicht so schlimm, und so rot wie sonst sind Sie ja auch nicht gewesen.« Ich hab es als Lob aufgefasst. Jens war mit und war stolz auf mich. Das tat gut.

Dienstag, 11. Juli 2000

Tja! Ich bin ja nun jetzt M.A.! 2,6 als Endnote, die Magisterarbeit ist eine 3. Nun, egal! Und jetzt? Putzen, räumen, tun!

 

* Die Namen wurden geändert. Außerdem wurden die Tagebucheinträge orthografisch angepasst.

Quelle: DIE ZEIT