In der Dezember 2009 / Februar 2010 Ausgabe des Magazins „UNIcompact“ war zu lesen:

Aktive des Corps Franconia Tübingen

Aktive des Corps Franconia Tübingen

Unschlagbar günstige Mieten für Zimmer in bester Lage, schnell Anschluss in einer neuen Stadt und Kameraden fürs Leben finden – dies sind verlockende Angebote, mit denen studentische Verbindungen versuchen Nachwuchs zu werben. Aber was verbirgt sich hinter den Fassaden der schmucken Verbindungshäuser und haben solche Korporationen in Zeiten des social Networkings überhaupt noch einen Sinn? Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

… Zugegebenermaßen, mit ihren steifen Traditionen und Sitten wie dem akademischen Fechten, der sogenannten Mensur, dem Lebensbundprinzip, Ehrgeschwätz und ihrem oft veralterten Weltbild, liegen studentische Korporationen nicht gerade am Puls der Zeit. Sie wirken verstaubt, konservativ und ihnen allen liegt ein gewisses elitäres Gedankengut zugrunde. Es gibt sogar Verbindungen, die Zivildienstleistenden den Beitritt verweigern. Der Autor und Lehrbeauftragte für empirische Sozialforschung Stephan Peters, der selbst einige Jahre in zwei verschiedenen Verbindungen verbracht hat, sieht diese mittlerweile etwas anders: „Akademische Männerbünde untergraben die Chancengleichheit, das verstößt gegen eins meiner Prinzipien, daher erachte ich sie heute vor allem in dieser Hinsicht als zweifelhaft.“

Man fragt sich, ob studentische Verbindungen denn überhaupt noch nötig sind? Mit sozialen Netzwerken wie Facebook, StudiVZ und Xing schafft es heutzutage schließlich jeder ganz nebenbei mit all seinen Freunden und potenziellen Arbeitgebern oder Geschäftspartnern Kontakt zu halten und zu pflegen. Otto Bauer vom Corps Montania Clausthal und Michael Stephan vom Corps Franconia Tübingen haben dazu eine klare Meinung: “Wir nutzen diese Plattformen für unsere Zwecke, aber den zwischenmenschlichen Kontakt können sie nicht ersetzen.“ Und Otto ergänzt: “Die Basis der Verbindung ist eine ganz andere, es geht um lebenslange persönliche Unterstützung und auch um die ganze Atmosphäre.”

Vor allem in wirtschaftlich schwachen Zeiten, wie in der derzeitigen Finanzkrise, kann sich die Mitgliedschaft in einer Verbindung für das Berufsleben besonders auszahlen. Kritiker sprechen hierbei von Seilschaften. “Wer sagt, dass eine Verbindung nur wie eine bessere WG ist, der lügt. Natürlich werden Seilschaften gepflegt, vor allem bei den Corps“, sagt Stephan Peters. Nicht mehr aktive Mitglieder einer Verbindung, die sogenannten Alten Herren und die Burschen stehen nämlich in engem Kontakt miteinander. Oft haben nicht mehr aktive Mitglieder einflussreiche Positionen, sind in der Wirtschaft und Verwaltung tätig, Universitätsprofessoren, Staatsanwälte oder Richter. Mit ihrem Einfluss und ihren Kontakten verhelfen sie dann den Sprösslingen beim raschen Aufstieg auf der Karriereleiter, die wiederum ihren eigenen Schützlingen den Berufseinstieg erleichtern. Dies ist ein ewiger Kreislauf und erklärt, warum oft höher gestellte Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, dem Rechtswesen, der Politik und Kultur aus studentischen Verbindungen hervorgehen. Die Liste erfolgreicher und teilweise bekannter Korporierter ist ellenlang. Thomas Gottschalk, Edmund Stoiber, der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und der CDU-Politiker Heiner Geißler sind nur einige Beispiele. “Es fällt vielleicht mal beim ein oder anderen die klassische Bewerbung weg, wenn ein alter Herr ein Verbindungsmitglied für eine freigewordene Position vorschlägt“, rechtfertigt Corpsstudent Otto Bauer das System, “aber Alumni-Vereine funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Man verschafft sich durch Networking einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt und profitiert von den bereits Berufstätigen.”

Ein typisches Verbindungsschlösschen

Ein typisches Verbindungsschlösschen

Rechts? Oder nur konservativ?

Studentische Verbindungen gibt es schon seit es Universitäten gibt. Die ersten Verbindungen waren sogenannte Landsmannschaften, deren Mitglieder sich als Burschen bezeichneten. Diesen Begriff leiteten sie vom Wort “Burse” ab, einem Ausdruck für eine aus einer gemeinsamen Kasse lebenden Gemeinschaft. Der Vorwurf des Rechtsradikalismus führt heutzutage dazu, dass studentischen Korporationen ihr Ruf vorauseilt. Dabei gibt es durchaus große Differenzen, angefangen bei den verschiedenen Bezeichnungen. “Studentenverbindungen unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, ob sie Farben tragen, Mensuren schlagen, einen expliziten politischen Anspruch proklamieren, einem Dachverband angehören und ob die Mitgliedschaft an konfessionelle, geschlechtsspezifische, auf Staatsangehörigkeit bezogene oder aber an völkische oder kulturelle Kriterien gebunden ist”, schreibt Politologin Dr. Alexandra Kurth in ihrer Dissertation “Männer – Bünde – Rituale”. Die Kameradschaft, die Ehre und das Lebensbundprinzip werden jedoch bei fast allen Verbindungen ganz groß geschrieben. Die meisten Korporationen distanzieren sich vehement von den Vorwürfen des Rechtsradikalismus, betreiben Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit an den Unis und im Bekanntenkreis. “In Verbindungen gibt es nicht mehr rechtsextreme als sonst überall auch. Wegen zwei Fällen werden dann alle deutschen Verbindungen in die Medien gerückt und vorgeführt“, erzählt Corpsstudent Michael.

Burschenschaften sowie ihre Dachverbände sind explizit politisch und gehören zu den zweifelhafteren Verbindungen. Der Deutschen Burschenschaft (DB), der auch die bereits genannte Freiburger Teutonia angehört, werden schon seit Jahren rechtsextreme Züge nachgesagt. Zwischen 2001 und 2007 wurde beispielsweise die Münchner Korporation Danubia in den Bericht des Verfassungsschutzes aufgenommen. Dennoch sind solche Verbindungen die absolute Ausnahme. Viele Burschenschaften seien zwar rechtskonservativ, aber nur die allerwenigsten wirklich rechtsextrem, heißt es.

Ganz anders halten es die Studentencorps, sie sind unpolitisch und bei ihnen darf jeder männliche Student eintreten, ganz egal welcher Herkunft, Gesinnung, Religion oder Hautfarbe er ist. “Zur Zeit stammen zwei Burschen aus Angola und den Vereinigen Arabischen Emiraten“, erzählt Otto. Michael bemerkt bei jungen Studenten ein zunehmendes Interesse für sein Corps: “In den letzten zwei Jahren ist ein Aufwind zu spüren. Als ich damals eintrat, stand es eher schlecht um das Corps und es war nicht klar, wie lange wir noch aktiv sein können.“ Mangelnder Nachwuchs bedeutet nämlich ein Problem, denn Dachverbände können Korporationen vorübergehend suspendieren, das heißt schließen, wenn sie zu wenige aktive Mitglieder haben.

Katholische Verbindungen müssen sich darüber momentan keine Sorgen machen. Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) meldete, dass die Mitgliedsbünde des CV momentan zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder verstärkt Zulauf haben. Während 1995 bis 1998 der CV nur rund 340 Neuzugänge pro Jahr verzeichnete, waren es in den Jahren 2006 und 2007 jeweils ganze 200 Studenten mehr pro Jahr, die in eine katholische Verbindung eintraten. Die Burschenschaften können diesen Trend nicht teilen. Welche Vorteile sehen die Studenten gerade in den katholischen Verbindungen? Wolfgang Braun, Pressesprecher des CV hat darauf eine Antwort: “Bei uns gilt nur die Voraussetzung, römisch-katholischen Glaubens zu sein. Niemand wird gezwungen zu trinken, und der Fechtkampf wird aus religiösen Gründen abgelehnt.” Wirkt eine Verbindung, in der die Mensur von Grund aus abgelehnt wird, weniger abschreckend? Vielleicht finden Studenten in katholischen Verbindungen aber auch genau das, was sie andernorts und vor allem in der Uni vermissen: Christliche Werte, Kontakte und Orientierung.

Leben in einer Verbindung – Party vs. Pflicht

Das Verbindungsleben, ganz gleich welcher Art, bietet in jedem Fall einen Ausgleich zur Anonymität im Hörsaal und zum Lernalltag, besonders seit es die stressigen und vereinnahmenden Bachelor- und Master-Abschlüsse gibt. Burschen höherer Semester unterstützen mit Ratschlägen und Studienmaterial die jüngeren Mitglieder. Feste, Bälle und andere Aktivitäten wirken der Einsamkeit entgegen und lenken ab.  … Otto erzählt hingegen, dass er viele Freunde außerhalb der Verbindung hat. “Wie sehr die Leute sich in der Verbindung engagieren und die Kontakte innerhalb und außerhalb des Corps pflegen, fällt sehr unterschiedlich aus. In den ersten Jahren verbringt man automatisch mehr Zeit mit Corpsbrüdern, da man in dieser Zeit stärker eingespannt ist. Aber meistens ändert sich das danach wieder“, sagt er.

Als “Fuchs”, also noch nicht vollwertiges Mitglied, befindet man sich in der Hierarchie ganz unten. Vom Nachwuchs wird viel soziales Engagement erwartet. Bei Festivitäten müssen “Füchse” zum Beispiel für den Biernachschub sorgen. Das Prinzip lautet häufig “nach unten treten, nach oben buckeln”. Gefeiert wird so gut wie jedes Wochenende. Dabei beginnt man mit dem Trinken an der eigenen Theke, um dann in der Nacht zu benachbarten Häusern weiterzuziehen. Ein Bursche ist verpflichtet, einem Burschen einer anderen Verbindung immer die Türe zu öffnen und Bier anzubieten. “Nicht selten klingelte es nachts um drei Uhr und plötzlich war das Haus voller pöbelnder Besoffener”, erzählt Dennis.

Um Bursche zu werden, muss man als “Fuchs” – zumindest in den schlagenden Verbindungen – eine oder mehrere Mensuren fechten und dafür mindestens ein Jahr lang trainieren. Ab dem Zeitpunkt der sogenannten Burschung ist man vollwertiges Mitglied. Sobald man sein Studium beendet hat und zum Alten Herren wird, ist man lebenslänglich verpflichtet, die Verbindung mit einem regelmäßigen Beitrag finanziell zu unterstützen. Ein Austritt aus einer Verbindung ist auch nach der Burschung noch möglich, kommt aber eher selten vor. Schließlich handelt es sich um einen Lebensbund.

Frauen: Manchmal erwünscht

Frauen: Manchmal erwünscht

Frauen geduldet oder erwünscht?

Die meisten Verbindungen sind männliches Territorial. Wer als Frau einer Korporation beitreten möchte, kann dies bei den wenigen gemischten Verbindungen oder einer der rund 30 deutschen Damenverbindungen tun. In den männlich dominierten Verbindungshäusern sind aber bei Feiern auch Mädchen gerne gesehen. “Es fanden sich immer wieder Mädels, die herumgereicht wurden wie ein Joint”, erzählt Dennis. “Solche Mädchen haben meist einen Vater, der selbst in der Verbindung war beziehungsweise ist und seine Tochter dementsprechend geprägt hat, sich nur mit Jungs aus Verbindungen einzulassen“, fügt er hinzu. Dennis hat außerdem erlebt, dass die Mentoren der Füchse, die sogenannten Leitburschen, mit ihren Schützlingen ins Bordell gingen, da dies die Kameradschaft zusammenschweißen sollte …
Um den “Charakter zu stärken” und “die Tradition aufrecht zu erhalten”, wird in vielen Verbindungen gefochten. Die Mensur kann jedoch nicht mit dem normalen Fechtsport verglichen werden. Beim “Pauken”, wie die Kampftechnik auch genannt wird, ist nur der schlagende Arm in Bewegung, der nicht wie beim Sportfechten Stiche, sondern Hiebe ausführt. Den restlichen Körper muss möglichst ruhig gehalten werden. Zu schweren Verletzungen kommt es heutzutage nicht mehr, da die “Paukanten” durch Stahlbrille, Ohrenschutz, Halskrause, Armprotektor sowie Kettenhemd geschützt sind. Durch den festgelegten Fechtabstand wird zudem gewährleistet, dass der Degen das Gesicht – wenn überhaupt – streift und nicht zerschneidet. Wenn es zu schweren Verletzungen kommt, ist dies meist die eigene Schuld, erzählt Aussteiger Dennis: „Ein alter Herr bei uns trug eine sicher zehn Zentimeter lange, gezackte Narbe im Gesicht. Er hatte sich nicht an die Regeln gehalten und während der Mensur den Kopf weggedreht, um sich zu schützen. Da der Winkel verändert war, hat ihn der Degen vom Kiefer bis zum Auge aufgeschlitzt.“ Gibt man bei der Bildsuche im Internet das Stichwort Mensur ein, bekommt man daher wohl auch einzelne, ziemlich erschreckende Fotos zu sehen. Eine Mensur ist kein sportlicher Wettkampf – Ziel sei es, ohne äußere Anzeichen von Furcht durchzuhalten und Tapferkeit einzuüben. Ein Zurückweichen oder ein Aufschrei aus Schmerz wird als Niederlage angesehen und gewertet, so dass die Mensur unter Umständen als nicht bestanden gilt. “Die meisten versuchen heutzutage auf jeden Fall einen Schmiss zu vermeiden, die häufigsten Verletzungen sind blaue Flecken und Blutergüsse”, sagt Michael. Das bestreiten einer Mensur ist laut eines Urteils des Bundesgerichtshofes “Körperverletzung mit Einwilligung”, und darf nur unter Einhaltung einiger Kriterien stattfinden: Der Kampf darf keinen Duellcharakter haben, alle vorgeschrieben Sicherheitsmaßnahmen müssen eingehalten werden, neben der Schutzausrüstung bedeutet das auch, dass mindestens ein Arzt und für jeden “Paukanten” ein unparteiischer Sekundant, eine Art Schiedsrichter, zur Stelle ist, der bei Verletzungen oder unrechtmäßigem Verhalten eingreifen kann. Heutzutage fechtet man eine Bestimmungsmensur, bei der der Fechtchargierte festlegt, wann ein Paukant bereit zur Mensur ist und wählt einen gleichstarken Gegner aus einer anderen Verbindung aus, denn es dürfen nie zwei Mitglieder der gleichen Verbindung gegeneinander antreten.
Wenn ‚Mann’ die Voraussetzungen erfüllt und sich mit dem Gedanken anfreunden kann, mit seinen Verbindungsbrüdern gleichgeschaltet zu sein und sich selbst beim Bierkonsum noch verbindungsgemäß und vorbildlich zu verhalten, dem bringt die Mitgliedschaft in einer Verbindung sicherlich viele Vorteile, sowie die nötige Unterstützung, Geborgenheit und Abwechslung im Studium. Ob und welcher politischen Richtung man in der jeweiligen Verbindung nachgeht und wie hoch der Druck innerhalb der Gruppe ist, sollte man jedoch vor dem Eintritt prüfen. Freigeister, Individualisten oder auch einfach sehr kritische Menschen werden in einer Verbindung sicher nie glücklich …

Quelle: UNIcompact

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