Die FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte am 29. November 2010 einen Aufsatz von Herrn Altenbockum auf der 2. Seite mit folgendem Inhalt:

Corps Marchia Berlin

Corps Marchia Berlin

Schlagende Verbindungen haben es im öffentlichen Ansehen nicht leicht. Hamburgs neuer und vielleicht bald ehemaliger Bürgermeister, der CDU-Politiker Ahlhaus, wurde von manchem Grünen gar wie ein Verfassungsfeind behandelt, weil er einer schlagenden Verbindung angehört (wenn auch nur als assoziiertes Mitglied). Dem neuen CDU-Vorsitzenden in Schleswig-Holstein, Christian von Boetticher, widerfuhr Ähnliches: Weil er Alter Herr einer schlagenden Verbindung ist, wurde ihm die Pflege von Seilschaften vorgeworfen. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bezeichnete gleich die ganze Regierung als schlagende Verbindung, worunter er so etwas wie eine Verschwörerbande zu verstehen schien. Gabriel griff damit allerdings nur auf, was vor ihm Gesundheitsminister Rösler in seinem denkwürdigen Auftritt im Bierzelt in Gillamoos im September zum Besten gab: Die Koalition ähnele mitunter einer schlagenden Verbindung, womit der Minister wiederum so etwas wie einen Haudraufsaufhaufen meinte.

In gewisser Weise kommt so viel Beachtung nicht von ungefähr. Die Gründung etlicher Verbindungen, die an ihren Universitäten die ältesten und zu. meist schlagend sind, liegt 200 Jahre zurück. Viele Stiftungsfeste sind deshalb Jubiläumsfeste. Die älteste Studentenverbindung Berlins, das Corps Marchia, feierte jetzt am Wochenende mit einem Festkommers ihm Gründung vor 200 Jahren. Die „Märker“ sind eigentlich noch älter, weshalb sie zu den ältesten Verbindungen überhaupt gehören. Ihre Ursprünge fallen in die Zeit, als die märkisch-preußische Landesuniversität noch in Frankfurt an der Oder lag, wo sich die Marker 1786 im „Märkischen Kränzchen“ zusammenfanden. In Berlin setzten viele von ihnen ihr Studium fort, nachdem sich König Friedrich Wilhelm III. dazu entschlossen hatte, in der Residenzstadt 1810 eine neue Universität zu eröffnen.

Politikern waren solche Verbindungen gar noch, wenn sie schlagend waren, schon damals suspekt. Die „Märker“ mussten sich lange Zeit als „Bierkönigreich Flandern und Brabant“ tarnen, um vor und nach der Revolution von 1848 nicht als Verschwörerbande verfolgt zu werden. Als Verfassungsfeinde galten sie so oder so, weil sie mit der deutschen Kleinstaaterei, Zensur und Überwachungsstaat Schluss machen wollten. Heute verfechten sie buchstäblich das Toleranzprinzip und – was auch schon damals dazugehörte – anspruchsvolle Geselligkeit, die sich von der in Gillamoos ungefähr so sehr oder so wenig unterscheidet wie die CDU von den Grünen.

Quelle: Frankfurt Allgemeine Zeitung

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