Der Autor Paul Hühnerfeld veröffentlichte am 23. Juli 1953 folgenden Artikel:

Am Abend des 14. Juli betrat der amtierende Rektor der Freien Universität Berlin, Professor Rhode, in Begleitung des Syndikus Gruneer, des Asta-Vorsitzenden Sasse und mehrerer Studenten das Grunewald-Kasino in Berlin; ihm war zu Ohren gekommen, daß den von einer Korporation Bestimmungsmensuren gefochten wurden; Professor Rhode wollte feststellen, ob an diesen Mensuren auch Studenten seiner Universität beteiligt seien.

Die Vorgänge, die nun folgten und die – wer immer die Schuld an ihnen trägt – kein Ruhmesblatt für die Freie Universität Berlin und für die Korporationen sind, stellten sich dem Rektor und den ihn begleitenden Studenten etwa so dar: Gegen halb elf Uhr erschien Seine Magnifizenz im Lokal. Schon im Schankraum traf er auf erregt diskutierende Studenten. Einer von ihnen fragte den Rektor: „Was suchen Sie hier?“ – Die Antwort darauf gab ein Herr aus der Begleitung Professor Rhodes: „Seine Magnifizenz will sich darüber unterrichten, was hier vorgeht.“ – Professor Rhode wollte nun den Saal betreten, aus dem Fechtkommandos erschollen; auf den Tischen eines Vorraums lagen Schläger, Bandagen und ein blutiges Couleurband. Eine Gruppe von etwa zwanzig Studenten nahm eine drohende Haltung ein. Einer von ihnen rief: „Gebt doch mal ein Stuhlbein her …“ Professor Rhode verlangte, den „Leiter der Veranstaltung“ zu sprechen. Statt seiner erschien jedoch der Wirt des Lokals, der den Rektor in höflichem, aber bestimmtem Ton aufforderte, sein Lokal zu verlassen. Professor Rhode kam dieser Aufforderung nach und sagte: „Ich stelle also fest, daß der Rektor der Freien Universität aus einer studentischen Veranstaltung hinausgewiesen wird.“

Audiatur et altera pars: Wie die tagende Verbindung es sah, das kann man einer Erklärung, die Herr Jansen im NWDR abgab (er ist Leiter des „Präsidierenden Corps im Weinheimer Seniorenkonvent“) und einer schriftlichen Stellungnahme der Verbindung entnehmen: Die Geschehnisse am 14. Juli – so erfährt man von dieser Seite – haben eine Vorgeschichte. Eine Störung der Mensuren war von anderen Studenten der Freien Universität seit langem geplant, sollte eigentlich schon am 7. Juli stattfinden, wurde dann aber verschoben und schließlich einen Tag vor dem Konventsschluß (am 15. Juli) in Szene gesetzt. Wir können einen „Plan“ – so sagen die Korporationen – dadurch beweisen, daß sich am Abend des 14. Juli sogar Journalisten und Photographen einfanden; man hatte sie vorher benachrichtigt, damit sie die nun anlaufenden Zwischenfälle in Wort und Bild festhielten. Weiter erklärt die Verbindung, daß sie keine, besondere „studentische Ehrauffassung“ habe; Genugtuung mit der Waffe werde von ihr abgelehnt. Lediglich „Sportmensuren“ würden gefochten. Unter ihren Mitgliedern sei kein Student, der sich bei der Immatrikulation verpflichtet habe, solche Mensuren nicht zu schlagen.

Die Zwischenfälle des Abends stellen sich von dieser Seite aus gesehen so dar: der Rektor sei in den Saal der Gastwirtschaft „eingedrungen“, obwohl dieser Raum von der Korporation zu einer „geschlossenen“ Veranstaltung gemietet worden war. Seine Frage nach dem „Leiter der Veranstaltung“ habe man im allgemeinen Tumult nicht gehört. So sei er durch den Wirt aufgefordert worden, den Saal zu verlassen. Die Verbindung bedauere sehr, daß der Rektor auf diese Weise Fühlung mit ihr aufzunehmen versucht habe; sie bitte für unbedachte Ausdrücke um Entschuldigung, wenn sie auch zu bedenken geben müsse, daß auf der Gegenseite genau so heftige Ausdrücke gefallen und daß – im ganzen gesehen – noch heftigere Auseinandersetzungen nur durch die Besonnenheit der meisten Teilnehmer der Veranstaltung vermieden worden wären. „Bei allem schuldigen Respekt“ vor der Magnifizenz erklären die Veranstalter jedoch, daß dem Rektor „außerhalb der Hochschule“ das Recht, die Namen von Studenten seiner Universität aufzuschreiben, weil sie Mensuren fechten, „nicht zugestanden werden kann“

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Wer im Wintersemester 1945/46 in einem der halbzerbombten Hörsäle einem Studenten im verschlissenen graugrünen Militärmantel prophezeit hätte, in einigen Jahren, gerade wenn er die Universität verlassen habe, würden die nachfolgenden Kommilitonen in buntem Wichs, mit Schläger, Band und Mütze wieder durch die Straßen ziehen –, der wäre zum Narren erklärt worden. Angesichts einer Katastrophe, die zutiefst auch eine Katastrophe unserer Tradition war, erschienen solche Vorstellungen grotesk. Jene studierende Kriegsgeneration hat sich denn auch auf nichts dergleichen eingelassen; sie ist mit einer gewissen einsamen „Stürheit“ den kürzesten Weg zum Examen gegangen; sie war illusionslos, fleißig ungesellig – aber kameradschaftlich. Während sie die studentischen Verbindungen alten Stils ablehnte, hinterließ sie doch den jungen Abiturienten, die nach ihnen kamen, keine einzige Einrichtung, die an die Stelle der alten Korporation hätte treten können. Was Wunder also, daß die jungen Studenten’sich wieder alten Formen des studentischen Gemeinschaftslebens zuwandten – um so mehr, als nun viele „Alte Herren“ auf den Plan traten und die „neuen“ Korporationen materiell und ideell unterstützten. Die Jahre des Studiums sind nun einmal die Jahre, in denen die Studenten am meisten für Gemeinschaft empfänglich sind und ohne eine gewisse Gemeinschaftsbildung auch gar nicht auskommen.

Auch die Rektoren und Professoren, von denen sich die meisten seit Jahren gegen die Korporationen aussprachen, können den Studenten keine anderen Vorschläge zur Gemeinschaftsbildung machen. Dabei’sind ihre einzelnen Stellungnahmen gegen die scharfe Mensur, gegen das Farbentragen und dergleichen oft von einer bemerkenswerten Ungeschicklichkeit gewesen. Und wer kann einschreiten? Wer hat hier eine Kompetenz, etwa eine Rektorenkonferenz? Kann sie den Studenten bei der Immatrikulation einen Verpflichtungsschein vorlegen, keine scharfe Mensur zu schlagen? Kann der amtierende Rektor der Freien Universität Berlin in einen von Studenten gemieteten Saal (außerhalb der Universität) eindringen und die Namen dort fechtender Studenten feststellen – eventuell um sie hinterher zu bestrafen?. Wenn ja –, so könnte der Rektor theoretisch morgen all seinen Studenten daheim das Skatspielen und übermorgen in einem Lokal das Boogie-Woogie-Tanzen verbieten …

Da war der Göttinger Hochschulsenat eine Woche zuvor wesentlich klüger: Bei ihm hatten die Korporationen wegen eines beabsichtigten Fackelzuges angefragt; den hatten Rektor und Senat zwar nicht verboten (das ginge über ihre Kompetenzen) – sie hatten ihn „mißbilligt“. Als er dann trotzdem stattfand und es dabei zu schweren Zusammenstößen kam, sprach einige Tage später Nobelpreisträger Professor Heisenberg zu den Studenten. In maßvollen Worten lehnte er die Korporationen als unzeitgemäß ab und bat die Studenten, nach neuen Formen zu suchen.

Freilich ist auch Professor Rhodes Handlungsweise verständlich: Gerade in Berlin, gerade an der Freien Universität, muß jede auf dem Paukboden erworbene Narbe wie eine Herausforderung wirken.

Der Glaube vieler Studenten, die Korporationen alten Stils könnten ihnen auch heute dasselbe bedeuten, was sie ihren Vätern bedeutet haben, ist eine Täuschung. Doch kann diese Täuschung erst dann allgemein offenbar werden, wenn neue studentische Gemeinschaftsformen gefunden sind. Zu derart unerfreulichen Zusammenstößen wie in Berlin wird es so lange kommen, bis Professoren und Studenten in gemeinsamer Arbeit eine Universitätsverfassung ausgearbeitet haben, die eine aus beiden Parteien gebildete Körperschaft endlich legitimiert, gewisse Dinge zu verbieten oder zu erlauben, und damit das Fundament zu legen für zeitgemäße Lebensformen einer Gemeinschaft.

Quelle: Die Zeit