Der Journalist Bernward Althoff veröffentlichte in der Bonner Rundschau den folgenden Artikel:

Säbelhieb wird zum großen Skandal

„Mord in Bonn vor 150 Jahren“ – Die Sonderausstellung zu den deutsch-englischen Beziehungen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg des Stadtmuseums im Arndt-Haus läuft bis Mitte August.

Der elsässische Leibkoch von Prinz Alfred, Daniel Eugen Ott, erhielt ein stattliches Grab auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Der elsässische Leibkoch von Prinz Alfred, Daniel Eugen Ott, erhielt ein stattliches Grab auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Bonn. Da befindet sich ein beschwipster Koch aus dem Elsass namens Daniel Eugen Ott in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1865 zusammen mit Freunden auf dem Weg nach Hause und stößt am heutigen Kaiserplatz auf eine Gruppe gleichfalls angetrunkener Verbindungsstudenten vom hochadligen Corps „Borussia“, unter ihnen der 19-jährige Jurastudent und Soldat Wendt Botho Graf zu Eulenburg.

Da vertragen sie sich noch: Eine Karikatur um 1865 zeigt den preußischen Soldaten mit Pickelhaube und den englischen John Bull.

Da vertragen sie sich noch: Eine Karikatur um 1865 zeigt den preußischen Soldaten mit Pickelhaube und den englischen John Bull.

Ott und seine Kumpanen stimmen vaterländische Lieder mit einem Touch der 48er-Revolution an. Das missfällt den stockreaktionären preußischen Corpsstudenten. Graf Eulenburg stellt sich Ott in den Weg, und dieser ruft patzig aus: „Was wollt ihr verdammten Burschen eigentlich?“ Hui, das hätte er nicht sagen dürfen: einen „Borussen“ mit einem Dutzend „von“ und „zu“ im Namen mit einem bürgerlich-proletarischen Burschenschaftler zu vergleichen. „Wart’, dieser Canaille werd’ ich’s zeigen“, mag sich der junge Graf zu Eulenburg gedacht haben, er zog seinen Säbel und stach Daniel Eugen Ott nieder, der wenig später verblutete.

Diplomatische Verwicklungen

Solch eine Räuberpistole wäre heutzutage lediglich ein Aufmacher in einer Lokalzeitung, vor 150 Jahren aber rauschte es von Berlin über Paris bis nach London und New York im Blätterwald. Es war ein Skandal erster Güte, der 88 Aktenseiten im Preußischen Staatsarchiv füllen sollte und zu ernsten diplomatischen Verwicklungen zwischen Berlin, Paris und London führte.

Über das Wie und Warum informiert nun eine Ausstellung im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, der Dependance des Bonner Stadtmuseums, mit zahlreichen Original-Dokumenten. Titel: „Mord in Bonn vor 150 Jahren – der Koch, die Könige und der letzte deutsche Sommer vor Bismarck“. Die Ausstellung hat Stadtmuseums-Direktorin Dr. Ingrid Bodsch gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler, Universitätslektor und Schriftsteller Dr. James Hawes konzipiert. Sie basiert auf Hawes 2014 veröffentlichtem Sachbuch „Englanders and Huns: How Five Decades of Enmity Led to the First World War“, das auf einer englischen Shortlist der Rubrik „Bestes Sachbuch“ geführt wird.

Prösterchen! Drei Studenten vom Bonner Corps „Borussia“ – in der Mitte der spätere „Totschläger“ Wendt Botho Graf von Eulenburg – bereiten eine süffige Punsch-Bowle (Ausschnitt aus einem historischen Druck mit Szenen aus dem Corpsleben der Borussen). (Fotos: Böschemeyer)

Prösterchen! Drei Studenten vom Bonner Corps „Borussia“ – in der Mitte der spätere „Totschläger“ Wendt Botho Graf von Eulenburg – bereiten eine süffige Punsch-Bowle (Ausschnitt aus einem historischen Druck mit Szenen aus dem Corpsleben der Borussen). (Fotos: Böschemeyer)

Es wäre natürlich nie zu einem solchen Skandal gekommen, wenn Ott nur in einer bönnschen Rievkooche-Bud’ tätig gewesen wäre. War er aber nicht: Daniel Eugen Ott war Privatkoch Seiner Königlichen Hoheit Prinz Alfred von Coburg, Sohn der britischen Königin Victoria. Prinz Alfred studierte damals in Bonn. Der junge Engländer war von den Kochkünsten des jungen Elsässers dermaßen angetan, dass er seine Mutter bat, Ott zum Hofkoch der Coburger Residenz zu ernennen, was diese auch gerne tat. Das war auch der Grund, warum sich Ott im Wirtshaus Wolter vor Freude einen hinter die Binde gegossen hatte.

Und es wäre auch nicht zum Skandal gekommen, wenn Wendt Botho Graf zu Eulenburg der Schwere seiner Tat gemäß rechtskräftig verurteilt worden wäre. Wurde er aber nicht, seine Familie genoss beste Beziehungen zum preußischen Hof und der Regierung in Berlin. Der junge Graf sagte aus, er habe nur seine Standesehre verteidigt und kam mit neun Monaten Festungshaft davon, von denen er nur drei Monate absitzen musste und danach voll rehabilitiert wurde und weiter studierte.

„Infames Verhalten von Preußen“

Dieser Umstand sorgte für Empörung in England, Königin Victoria war zornig und beklagte sich brieflich wie mündlich über das „infame Verhalten Preußens“. Französische Zeitungen waren empört, dass ein preußischer „Boche“ einen französischen Staatsbürger gemeuchelt hatte.

Dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck kam diese Affäre wenig gelegen, befand sich Preußen nach dem Dänischen Krieg 1864 und dem bald folgenden Krieg gegen Österreich 1866 in Europa psychologisch in der Defensive. Beim Gang durch die Ausstellung wird klar, dass Preußen (und später das Deutsche Reich) seit dem Bonner Mord vom August 1865 auf 80 Jahre „verschissen“ hatte. Der deutsche Michel des „Landes der Dichter und Denker“ wurde binnen weniger Wochen von London bis New York und Australien durch das Bild des säbelrasselnden preußischen Junkers ersetzt.

Die Sonderausstellung im Ernst-Moritz-Arndt-Haus kann bis zum 16. August mittwochs bis samstags von 13 bis 17 Uhr und dienstags von 11.30 bis 17 Uhr besucht werden (Adenauerallee 79); weitere Informationen gibt es unter www.bonn.de/.

Quelle: Bonner Rundschau