Die Autorin Iris Hanika veröffentlichte am 11.11.1999 in der  Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel über den Wiedervereinigungskommers 1999 in Berlin.

Von der Köthener Straße aus hat man einen herrlichen Blick auf die Debis-Zentrale am Potsdamer Platz; es funkelt und protzt von dort herüber, dass es eine Lust ist. Alles neu! Alles eine Folge des Mauerfalls vor zehn Jahren! Den Tag, an dem die Mauer sich öffnete, halten die Corpsstudenten für den eigentlichen Tag der Wiedervereinigung, das wird betont, und so halten sie, die Mitglieder der schlagenden Verbindungen, ihren „Wiedervereinigungskommers“ nicht am 3. Oktober, sondern am 9. November ab, und zwar hier in Berlin, in der Köthener Straße.

Der Saal ist zum Bersten voll mit zwei jungen Frauen, von denen gemunkelt wird, sie gehörten vielleicht zu der Frauenverbindung, die es in Berlin gäbe, und etwa vierhundert erwachsenen Männern jeglichen Alters, die alle kleine runde Hütchen ohne und Mützen mit Schirm in vielen verschiedenen Farben auf dem Kopf tragen. Die schirmlosen Kappen heißen „Tönnchen“. Außerdem haben alle eine schmale Schärpe in den Farben ihres Corps umgehängt, ihre „Couleur“. Die jüngsten tragen mit Kordeln bestickte Uniformjacken, weil sie noch „Aktive“ sind, alle anderen sind bloß so korrekt gekleidet.

„Silentium!“ schreit’s von der Bühne. Dort sitzen an einem langen Tisch sechs junge Männer, drei tragen Smokings, drei grüne Uniformen. Hinter ihnen lehnen zehn bunte Fahnen an der Wand, vor ihnen im Saal sitzen an einem quergestellten Extratisch junge Männer in den zu den verschiedenen Fahnen gehörigen Uniformen. Der Kommers wird von einem der Grünberockten für eröffnet erklärt. Er wird Senior genannt oder erster Chargierter. Dann ruft er gleich „Silentium ex!“, da darf man sich wieder unterhalten. Das tun auch alle außer den jungen Männern an den Tischen auf und vor der Bühne. Die sitzen bloß herum, wie auch der Klavierspieler, wenn er nicht zum Liedbegleiten gebraucht wird.

Bei einem Kommers tut man drei Dinge: man singt, man hört Reden an, und man unterhält sich mit seinen Corpsbrüdern. Es beginnt also mit Sichunterhalten, wobei ausschließlich Bier getrunken und heftig geraucht wird. Schon bald befiehlt der Senior das Singen eines Liedes: „Gaudeamus igitur.“ Jede Strophe wird angesagt („zur ersten“, „zur zweiten“) und nach jeder wird unterbrochen und jemand begrüßt. Es endet mit „Vivat et res publica et qui illam regit!“ und „Ein Prost auf dieses schöne Lied! Silentium ex!“

Trinken, Rauchen, Reden. Mein Tischnachbar heißt Hartmut Dehn und ist im Bundesverkehrsministerium für die Wasserstraßen zuständig. Er freut sich, dass ich mich als Frau hierher gewagt habe, denn er möchte gerne, dass die Corps sich den modernen Zeiten öffnen. Seinen Schmiss sieht man nicht gleich, er hat ihn oben am Kopf, wo er von seiner Mütze verborgen wird. Mir gegenüber sitzt der junge Herr Klemm vom Corps Cheruscia und erklärt, dass er keinen Schmiss habe, weil man darauf heute gar keinen Wert mehr lege und sich vielmehr damit begnüge, seine Pflichtpartien zu fechten. Dabei bekomme man aber in der Regel keinen Schmiss, der rühre zumeist von späteren Mensuren her. Herr Dehn hat zehn Partien gefochten. Herrn Klemms Nachbar hat einen großen Schmiss am Kinn und ist Mitglied in drei verschiedenen Corps. Er möchte nicht sagen, wie viele Mensuren er mitgemacht hat. Er beklagt, dass man in Berlin Schwierigkeiten habe, wenn man sich auf der Straße als Corpsbruder zu erkennen gebe, also „Farbe bekenne“.

Nach der ersten Strophe von „Dort Saaleck, hier die Rudolsburg“ hält Achim Günther, der Vorsitzende des Verbandes alter Corpsstudenten, der als Chemiker bei der Bundesanstalt für Materialprüfung im öffentlichen Dienst steht, die erste Rede. Er spricht von den 9. Novembern dieses Jahrhunderts: erst von dem 1989, dann von denen 1918, 1923, 1938. Er sagt, die Prinzipien der Corps seien Lebensbund, Eintreten für Freiheit und Toleranz und Farbe bekennen. Was die Zeit des Nationalsozialismus angeht, so beklagt er, dass im Geschichtsunterricht nicht „im Sinne Leopold von Ranke“ gefragt würde „wie ist es wirklich gewesen?“, sondern alles tabuisiert sei, was mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu tun habe, dabei sei „die Wahrheit dem Menschen zumutbar“. Besonders missfällt ihm, dass man zwar Unterhaltungsfilme von damals zu sehen bekomme, nicht aber die Filme „Jud Süß“, „Kolberg“ und den „Film über das KZ Theresienstadt“, dessen Titel er nicht nennt. (Dieser Film heißt „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ und kann bei der Berliner Landesbildstelle jederzeit entliehen werden.) Achim Günther schließt seine Rede mit einem Zitat aus Marcel Reich-Ranickis Autobiographie, Deutschland sei Adolf Hitler und Thomas Mann, diese beiden Extreme. Natürlich finden dazwischen „Toleranz und Freiheit“, „die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ und der Wunsch, jederzeit Nazi-Propagandafilme anschauen zu können, leicht ihren Platz, es fragt sich nur, von welcher dem Menschen zumutbaren „Wahrheit“ hier die Rede ist. Das passt doch alles gar nicht unter einen Hut, geschweige denn ein „Tönnchen“! Daher die Absicherung durch Zitieren eines Überlebenden des Warschauer Ghettos.

Fröhlichsein und Singen gehen nun weiter mit der zweiten Strophe des Liedes über Saaleck und Rudolsburg. Folgt wieder, was die Corpsstudenten zu ihren Leitprinzipien zählen, „Spaß und Geselligkeit“. Nach dem nächsten „Silentium!“ sind die Gedanken frei, eine Strophe lang, dann tritt ein weiterer Beamter ans Rednerpult, der Corpsbruder (Hanseae Bonn) Edzard Schmidt-Jortzig, heute Juraprofessor in Kiel, vor der vergangenen Bundestagswahl noch Bundesjustizminister. Dass er seine Couleur nicht trägt, fiel meinem Tischnachbarn gleich auf. Während Schmidt-Jortzig sich lange über die Wirtschaft und deren wichtigen Anteil an „großen nationalen Ereignissen“ ergeht, langweilt sich der Saal. Handys klingeln, es wird gehustet und auf den Stühlen hin und her gerutscht, das Silentium jedoch gewahrt. Endlich kann wieder gesungen werden, die nächste Strophe: „Ich denke, was ich will und was mich beglücket, / doch alles in der Still, und wie es sich schicket.“

Ein Jurastudent mit hübschem Gesicht und traurigen Augen fragt mich sehr ernsthaft, ob so ein Corps eine zeitgemäße Sache sei. Am Ende stehen alle auf und singen das Deutschlandlied (dritte Strophe). Kommers ex, silentium ex.

Quelle: FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung