Über den Deutschen Kaiser und Corpsstudenten Kaiser Wilhelm II. schrieb am 27.08.2008 der Autor Volker Ullrich in der Zeitung „Die Zeit“ folgendes:

Wilhelm II. studierte zehn Fächer in vier Semestern. Vor allem aber studierte er das Bonner Corpsleben. Was wäre heute aus ihm geworden? Eine Spurensuche

Kaiser Wilhelm II. im Alter von 21 Jahren - © Hulton Archive/Getty Images

Kaiser Wilhelm II. im Alter von 21 Jahren - © Hulton Archive/Getty Images

Wenn Kaiser Wilhelm II. über seine Studentenzeit sprach, erfasste ihn großes Pathos. »Es bedarf wohl für Sie nicht besonderer Erwähnung oder Betonung, welche Gefühle Mein Herz durchzittern, wenn Ich Mich im lieben Bonn wieder unter Studenten finde!«, rief er 1901 den Teilnehmern eines Festkommerses in der Beethovenhalle zu.

Im Oktober 1877 war der achtzehnjährige Prinz Wilhelm nach Bonn gezogen, um für zwei Jahre an der dortigen Universität zu studieren. Hatte er auf dem Gymnasium in Kassel unter der strengen Aufsicht seines Erziehers Georg Hinzpeter hart arbeiten müssen, so führte er als Student ein eher unbeschwertes Leben.

Die Stadt am Rhein zählte damals knapp 30 000 Einwohner. Unter den gerade einmal 859 Studenten waren die Angehörigen des Hochadels zahlreich vertreten. Schon Wilhelms Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm, hatte hier studiert, ebenso sein Großvater mütterlicherseits, und so war es ausgemacht, dass sich auch Prinz Wilhelm nach dem Abitur hier einschrieb.

Von einem ernsthaften Studium konnte allerdings angesichts der Kürze der Zeit und der Vielfalt der belegten Fächer keine Rede sein. Wilhelm studierte nur vier Semester lang, hörte Vorlesungen und erhielt Privatunterricht – in Staats- und Völkerrecht, Nationalökonomie, Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Archäologie, allgemeiner Geschichte und sogar in Physik und Chemie. Das Ziel war nicht ein akademischer Abschluss, sondern die Vermittlung von Grundlagenwissen, das ihm später als Regent von Nutzen sein konnte.

Freilich, zu mehr als oberflächlichen Kenntnissen reichte es in den meisten Fällen nicht, zumal der Prinz seine Studien nur sehr nachlässig betrieb – sehr zum Verdruss seiner Mutter, der Kronprinzessin Victoria. Im Mai 1878 schrieb sie ihrem Gemahl: »Zum nachhaltigen Arbeiten müßte man Wilhelm anhalten – da er von Natur aus ein solcher Bummler und Tagedieb ist.« Und im Juni ermahnte sie ihren ältesten Sohn: »Hoffentlich trinkst und rauchst Du bei den Kneipen nicht zu viel.«

Die Sorgen der Mutter waren nicht unberechtigt, denn tatsächlich verbrachte Wilhelm die meiste Zeit nicht in den Hörsälen, sondern bei den Bonner Borussen. Diesem exklusiven Corps war er gleich nach seiner Ankunft in Bonn beigetreten, allerdings nur als Konkneipant. Das heißt, er durfte mittrinken, bald auch »pauken«, also am Fechtunterricht teilnehmen. Mensuren schlagen aber durfte er als Mitglied des königliches Hauses nicht. Seine Behinderung – der linke Arm war seit der Geburt verkrüppelt – hätte es ihm auch schwer gemacht, mit den anderen mitzuhalten.

Trotzdem fühlte er sich in der bierseligen, kraftmeierischen Atmosphäre der Borussen rundum wohl; später hat er die »stählende« Wirkung gepriesen, die von der Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung ausgehe. Das sei »die beste Erziehung, die ein junger Mann für sein späteres Leben bekommen« könne.

Unter den Professoren übte der Historiker Wilhelm Maurenbrecher die größte Anziehungskraft auf Wilhelm aus. Maurenbrecher war ein schrankenloser Bewunderer des Reichskanzlers Otto von Bismarck [Corps Hannovera Göttingen] und ein Verächter aller liberalen Bestrebungen im Kaiserreich. Unter seinem Einfluss wandte sich der in seinen politischen Ansichten noch ganz unreife Prinz von seinen anglophilen, liberal eingestellten Eltern ab – und Bismarck zu. Allerdings sollte seine Verehrung für den leitenden Staatsmann nur bis zu seiner Thronbesteigung 1888 anhalten. Danach tat er alles, um sich des Kanzlers zu entledigen.

»Er ist von großer Lebhaftigkeit, auch in der Auffassung, aber von keineswegs hervorragender Begabung.« Mit diesem Urteil traf der Bonner Kunsthistoriker Karl Justi ins Schwarze. Die nervöse Unruhe, die Prinz Wilhelm schon als Student erfüllte – sie sollte auch zum hervorstechenden Kennzeichen seines »persönlichen Regiments« werden.

Was heute aus ihm geworden wäre? Man kann sich ihn gut als leitenden Manager in einem global agierenden Unternehmen vorstellen. Denn er verfügte über Eigenschaften, die gegenwärtig in Konzernzentralen gefragt sind. Er war interessiert an allen neuen technischen Entwicklungen, beherrschte die englische Sprache mühelos, und er verstand es zu blenden, das heißt seinen Gesprächspartnern auch dort zu imponieren, wo ihm nur minimales Wissen zur Verfügung stand.

Auch besaß er das nötige Maß an Rücksichtslosigkeit. »Wer gegen mich ist, den zerschmettere ich« – diese Leitmelodie seiner Regierung dürfte heute manchem Vertreter des Raubtierkapitalismus wohlgefällig in den Ohren klingen. Auch dass er am Ende für den Scherbenhaufen, den er angerichtet hatte, andere verantwortlich machte und sich ins komfortable Exil nach Holland davonstahl, entspricht dem Verhaltensmuster von manchen Topmanagern, die sich ihre folgenreichen Fehlentscheidungen gern mit üppigen Abfindungen belohnen lassen.

Quelle: Die Zeit