Am 16.7.2008 erschien von Volker Ullrich folgender Artikel in der Zeitung „Die Zeit“:

Der Eiserne Kanzler Otto von Bismarck liebte das Studentenleben mehr als das Studium in Göttingen: Er schwänzte Seminare und versoff sein Geld in »flotter Kneiperei«. Was wäre heute aus ihm geworden?

Otto von Bismarck als Student (um 1834) - © Hulton Archive/Getty Images

Otto von Bismarck als Student (um 1834) - © Hulton Archive/Getty Images

Am 10. Mai 1832 schrieb sich der gerade 17 Jahre alte Otto von Bismarck an der renommierten Georgia-Augusta-Universität zu Göttingen ein. Die Stadt zählte damals knapp 10000 Einwohner, darunter rund 800 Studenten. Der frisch immatrikulierte »Studiosus der Rechte und Staatswissenschaften«, der seine Schulzeit in Berlin absolviert hatte, fühlte sich zunächst in der neuen Umgebung alles andere als wohl. »Ich langweile mich auf eine ganz unerhörte, polizeiwidrige Weise; man lebt hier ungemein beschränkt, auf jeden Schritt beobachtet von Pedellen, Polizisten, Landdragonern«, klagte er seinem Bruder Bernhard. Offenbar fürchtete die Obrigkeit neue Unruhen, nachdem Göttinger Bürger und Studenten im Januar 1831 einen lokalen Aufstand gewagt und zeitweilig das Rathaus besetzt hatten.

Schon wenige Monate später klangen Bismarcks Briefe ganz anders. »Ich glaube nicht, dass es irgendwo besser ist als in Göttingen«, schrieb er im Januar 1833. Bismarck hatte sich dem vornehmen Corps Hannovera angeschlossen und genoss das rauf- und trinkfreudige Leben in der schlagenden Verbindung. Vierzehnmal sei er bereits »auf der Mensur« gewesen und habe alle seine Gegner »glänzend abgeführt«, berichtete er stolz dem Bruder. Nur einmal sei er »blutig getroffen« worden: »Man hat mir einen ganz Kleinen angemogelt, just die Nasenspitze gespalten.« Für den Amerikaner John Lothrop Motley, mit dem Bismarck in Göttingen Freundschaft schloss, waren die Fechtveranstaltungen auf dem Paukboden dagegen »ein alberner Gebrauch, der nur in Deutschland möglich ist«.

Die ausschweifenden Vergnügungen, die manche Karzerstrafe zur Folge hatten, kosteten viel Geld – mehr jedenfalls als Bismarck für seinen Unterhalt zur Verfügung hatte. Er mache zu seiner »unendlichen Genugtuung die Beobachtung, dass Schulden sich durch flotte Kneiperei eher vermehren als vermindern«, prahlte er im März 1833 wiederum in einem Brief an seinen Bruder Bernhard.

Sein Studium betrieb Bismarck dagegen eher nachlässig. Im Laufe seiner drei Semester in Göttingen nahm die Zahl der belegten Kollegien kontinuierlich ab. Der einzige Professor, dessen Vorträge er regelmäßig anhörte, war der Historiker Arnold Heeren. Was der 71-jährige Gelehrte über Grundlagen und Triebkräfte der auswärtigen Politik vortrug, hat den jungen Studenten, der mit einer diplomatischen Karriere liebäugelte, offenbar beeindruckt. Einem wesentlich bekannteren Kollegen Heerens, dem liberalen Historiker und Staatswissenschaftler Friedrich Christoph Dahlmann, blieb Bismarck jedoch fern, und auch für die Berühmtheiten der Berliner Universität, etwa den Juristen Friedrich Carl von Savigny oder den Historiker Leopold von Ranke, hat er sich nicht interessiert.

Juristische Vorlesungen besuchte er auch in Berlin, wo er sich im Mai 1834 immatrikulierte, nur selten. Als seine Frau Johanna später einmal beim Anblick des Universitätsgebäudes bemerkte: »Ach, da bist Du wohl täglich gewesen«, antwortete er »ganz wild«: »Niemals!« Das war natürlich eine Übertreibung, beleuchtet aber die starke Abneigung, die Bismarck gegenüber dem universitären Wissenschaftsbetrieb empfand. Was er für die Examina an Wissen brauchte, holte er sich beim Repetitor.

»Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens«, hat er einmal im Kreise seiner Göttinger Corpsbrüder getönt. Tatsächlich wurde Bismarck dann der »erste Mann Preußens«. Im September 1862 berief ihn König Wilhelm I. zum preußischen Ministerpräsidenten, und in dem kleindeutsch-großpreußischen Kaiserreich von 1871 fiel ihm dann wie selbstverständlich die Position des Reichskanzlers zu.

Was heute aus ihm geworden wäre, ist schwer zu sagen. Ob er sich als Politiker der Ochsentour in einer der Parteien unterworfen hätte, darf bezweifelt werden. Eher könnte man sich ihn, der ein äußerst begabter Schreiber war – man lese nur einmal seine Brautbriefe an Johanna –, als Edelfeder in einer Qualitätszeitung oder auch als Verfasser viel gerühmter Romane vorstellen.

Die hier zitierten Briefe Otto von Bismarcks an seinen Bruder Bernhard sind bisher unveröffentlicht. Sie wurden freundlicherweise von Dr. Michael Epkenhans von der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh zur Verfügung gestellt.

Quelle: Die Zeit