Der Journalist Gerhard Wulz veröffentlichte folgenden Beitrag auf der Online-Seite der Main Post:

Mensuren, Saufgelage und Bummelei

In jungen Jahren: Otto von Bismarck.

In jungen Jahren: Otto von Bismarck.

Otto von Bismarck, der spätere erste deutsche Reichskanzler und Namensgeber der „Bismarckheringe“, bezog mit 17 Jahren auf Wunsch seiner Mutter die juristische Fakultät der Universität Göttingen, um dort einen „Brotberuf“ zu erlernen. Göttingen gehörte damals zum Königreich Hannover, das von Großbritannien aus mitregiert wurde, für einen Preußen also Ausland war.

Nun konnte der aufgeweckte, 1,90 Meter große, tatendurstige Bursche sich endlich ohne elterliche Aufsicht austoben. Bald gab er sich dem Studentenleben hin mit Mensuren, Trinkgelagen, Karzerstrafen (Studentengefängnis), Schulden und nur wenigen Besuchen zuhause.

Weltoffener Mann

Seine Freundschaft mit ausländischen Studenten bewahrte den Junkersohn aus Pommern vor Engstirnigkeit und machte ihn, auch über seine vielen Reisen, zu einem weltoffenen Mann. Bismarck war hoch gebildet, sprach mehrere Sprachen und konnte glänzend formulieren.

In Göttingen nahm Otto von Bismarck zunächst Kontakt zu Burschenschaften auf, trat aber nicht bei, da sie ihm zu national gesinnt und zu radikal waren. In seinen Erinnerungen formulierte er seine Gründe so: „…die Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich mit 17 Jahren mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte.“

Gegen die Fürstenhäuser

Die Burschenschaften standen damals immer noch in der Tradition der Freiheitskriege von 1813/1814. Sie kämpften für ein demokratisches einiges Deutschland, hingen zumeist republikanischen Vorstellungen an und lehnten die herrschenden Fürstenhäuser ab. Dies war für Bismarck ein unmöglicher Weg und so schloss er sich dem „unpolitischen“ Corps Hannovera an. Wer Mitglied werden wollte, konnte sich nicht selbst bewerben, sondern musste durch ein Mitglied vorgeschlagen werden. Ähnlich wie heute bei den Schlaraffen, wurde über die Aufnahme „gekugelt“ (engl.: Ballotement).

Bismarck wurde in das Corps aufgenommen und bekleidete schon nach kurzer Zeit das Amt des Fuchsmajors (betreut die neuen Mitglieder, die Füchse), obwohl er, wie in einem Konventsprotokoll vermerkt wird, einen Rüffel bekam, weil „er auf dem letzten Konvent betrunken erschienen war“.

Wie in den meisten Verbindungen üblich, bekam auch Bismarck einen Bierspitz. Ausgerechnet der später so bedeutende Staatsmann und Diplomat wurde in der Biertaufe „Kindskopf“ genannt. Ein weiterer Name war „Kassube“ nach seiner Heimat, der kassubischen Schweiz in Pommern.

Exzellenter Fechter

In seinem Corps wurde Bismarck ein aktiver und exzellenter Fechter. Er nahm in Göttingen an 25 Mensuren teil und erhielt dabei sieben „kommentmäßige Blutige“, also Schmisse. An Duellen beteiligte er sich nur als Sekundant, was jedoch auch strafbar war. Duelle waren zwar verboten, galten aber nicht als „ehrenrührig“ und wurden folgerichtig nur mit Festungshaft, nicht mit Zuchthaus bestraft.

Neben der Teilnahme an verbotenen Mensuren und Duellen sind von Bismarck noch so genannte Dumme-Jungen-Streiche bekannt. So hat er bei einem Besäufnis eine Flasche aus dem Fenster geworfen oder war an der Beschädigung von Straßenlampen beteiligt.

Ein Verfahren bekam Bismarck wegen „Bedrohung mit einem gefährlichen Werkzeug und Hausfriedensbruchs“, nachdem er betrunken einen anderen Studenten auf dessen Bude mit einer Lichtputzschere bedroht hatte.

Wie er selbst zugab, war er in Göttingen ein ausgesprochener Bummelstudent, der im 3. Semester nur noch zwei Stunden belegte, wobei ihn vor allem Geschichte interessierte. Bevor er nach Berlin wechselte, erhielt er ein Abgangszeugnis der Universität: „Hinsichtlich seines Betragens wird bemerkt, daß, außer einigen weniger erheblichen Rügen, zehn Tage Carzer wegen Gegenwart bey einem anderen Duelle und 4 Tage strenger Carzer wegen Überschreitung des für die Gesellschaft der Studierenden vorgeschriebenen Regulativs gegen ihn erkannt worden sind.“

Studentenehrung in Kissingen

Als Reichskanzler Otto v. Bismarck 1890 von Kaiser Wilhelm II. abgesetzt wurde, begann langsam, aber sicher die Verklärung der Person und seines Werkes. In Bad Kissingen, wo er 15 -mal zur Kur weilte, wurde er von der Deutschen Studentenschaft besucht und gefeiert und ihm zu Ehren im „Altenburger Haus“ ein Festkommers abgehalten, an dem er auch teilnahm.

Nach Ansicht des Historikers Reinhart Kosellek müssen wir heute Bismarck zurechtrücken und ihn betrachten, wie er war: hysterisch, geistreich, ein glänzender Stilist und Redner.

Quelle: Main Post