Am 27. Oktober 2013 wurde folgender Artikel in der Gießener Zeitung veröffentlicht:

Gießen | Nicht jede Studentenverbindung ist eine Burschenschaft

CorpsstudentenEU_Geo_GiessensisIm allgemeinen Sprachgebrauch wird oft für jede Studentenverbindung der Begriff „Burschenschaft“ verwendet. Dies ist nicht nur falsch, sondern wird auch in internen Kreisen nicht gerne gehört. Wir möchten mit diesem Artikel versuchen, etwas Licht in das Dunkel zu bringen.

Zu Beginn des Vormärz gründete sich 1815 die „Urburschenschaft“ in Jena mit dem Ziel alle Studenten in einer Organisation zu einen und eine gemeinsame Nation zu errichten (denn zu diesem Zeitpunkt gab es noch kein Deutschland). Im Laufe der Zeit zersplitterte jedoch diese Gruppierung und nach und nach entstanden neue Organisationsformen des studentischen Lebens. Neben den bereits vorher existierenden Landsmannschaften und Corps bestanden weiterhin die Burschenschaften und es kamen Turnerschaften, Sängerschaften, ja gar nautische Verbindungen und Verbindungen mit den unterschiedlichsten Prinzipien dazu. Verbindungen ähnlicher Gesinnung schlossen sich teilweise zu Kartellen und Dachverbänden zusammen, die gemeinsam das „Schlagen“ (das studentische Fechten), das Konfessionelle, das Politische, das Akademische, die Leibesstärke, die Sangeskunst, die Jagd usw. ausübten. Das Spektrum ist so groß, dass man nicht vereinfacht sagen kann, wer wofür steht und wer wie politisch ausgerichtet ist. Selbst Kuriositäten wie schlagende Sängerschaften sind bekannt. Siehe hierzu unser Buchtipp „Männer-WG mit Trinkzwang“ von Karsten Hohage, der in einer fakultativ schlagenden (also einer nicht pflichtschlagenden) Sängerschaft das Studium durchlebte.

Um es einmal allegorisch darzustellen, sind alle Studentenverbindungen Vereine, die Ballsportarten nachgehen. Schon dabei gibt es so viele verschiedene Muster, die zwar alle den Ball als gemeinsames Spielgerät haben, diesen aber auf völlige andere Art und Weise nutzen und wiederum durch viele unterschiedliche Regeln ihr Spiel bestreiten. Eine der populärsten Ballsportarten ist wohl der Fußball, bei der außer dem Tormann niemand den Ball mit der Hand berühren darf (und auch dieser nur in einer speziell ausgewiesenen Fläche auf dem Spielfeld). Ganz anders beim Handball, wobei der Name der Sportart schon für sich steht, der Tormann den Ball aber sehr wohl aus der Gefahrenzone schießen darf. Ähnlich, aber dennoch mit ganz anderen Regeln behaftet, wäre hier Basketball zu nennen, wobei nicht näher auf das einzelne Regelwerk der verschiedenen Ballsportarten eingegangen werden soll. Wasserball, Volleyball, Federball, Tennis oder Baseball sind eben solche Ballsportarten, die jedoch wiederum ein eigenes komplexes Regelwerk besitzen, welche zwar zum Teil Parallelen oder gar Überschneidungen aufweisen, aber eben nicht exakt das Gleiche sind – Ein Fußballprofi ist nicht zwangsläufig in einer der anderen Sportarten gut.

Um die Flanke zurück zum Thema zu schießen – dieses Beispiel soll lediglich verdeutlichen, dass es viele Gemeinsamkeiten im Verbindungswesen gibt, Regeln, Sitten und dergleichen, aber durchaus unterschiedlicher Natur sind und in den verschiedenen Formen der Studentenverbindungen auch gerade deshalb Probleme auftreten. Denn einig sind sich die Mitglieder von Verbindungen keineswegs, weshalb es absolut zu leicht wäre, alle über einen Kamm zu scheren. Viele tun das, weil sie es sich einfach machen oder es vielleicht nicht besser wissen.

Auch die Gleichstellung innerhalb verschiedener Verbindungsformen, also Landsmannschaften, Corps etc. ist nicht pauschal zum Ausdruck zu bringen. Nur beispielhaft seien hier einige Verbindungstypen grob umrissen. Die Quellen hierzu liegen bei zwei Wikis, die die Definitionen aus unserer Sicht recht gut wiedergeben:

Burschenschaft

Fast allen sich Burschenschaft nennenden Studentenverbindungen gemein ist das Bekenntnis zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815, wobei die Interpretation dieser Prinzipien keineswegs einheitlich ist. Alle heutigen Burschenschaften sind farbentragend, das heißt ihre Mitglieder tragen bei offiziellen Veranstaltungen ein Band in den Farben der Verbindung und eine Studentenmütze, das sogenannte Couleur. Die traditionellen Farben der Burschenschaft sind schwarz-rot-gold, wie sie bereits von der Urburschenschaft geführt wurden (de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft). Aber auch die meisten anderen Verbindungsarten sind farbentragend.

Landsmannschaften

Die Landsmannschaften entstanden im 19. Jahrhundert in Anlehnung an die Tradition der alten Landsmannschaften des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich aus den mittelalterlichen Nationes entwickelten (www.markomannenwiki.de/index.php?title=Landsmannschaft). Sie sind unpolitisch und haben in heutiger Zeit kein landsmannschaftliches Prinzip mehr, da sie Studenten aus aller Welt aufnehmen und so ihre Traditionen weitertragen. Es gilt das Toleranzprinzip sowie das Tragen von Couleur. Das ursprüngliche Ziel war, die damals sehr spezifischen studentischen Sitten und Gebräuche aufzugeben und sich den allgemeinen bürgerlichen Gepflogenheiten im Alltag anzupassen. Das Überlegenheitsgefühl der Studenten gegenüber den Bürger galt als antiquiert (de.wikipedia.org/wiki/Landsmannschaft_(Studentenverbindung)).

Corps

Nach studentengeschichtlichen Begriffen eher „konservativ“, sind sie von jeher der Supranationalität verschrieben. Die ersten Corps entstanden im Ausgang des 18. Jahrhunderts. Jeder an einer deutschen, österreichischen oder schweizerischen Universität immatrikulierte männliche Student kann Corpsstudent werden, ungeachtet seiner Staatsangehörigkeit, sozialen oder ethnischen Herkunft sowie Religionszugehörigkeit. Dadurch unterscheiden sich Corps von anderen Formen studentischer Korporationen, die wie die Deutsche Burschenschaft nur Deutsche oder wie der Wingolfbund und Katholische Studentenverbindungen nur Mitglieder bestimmter Konfessionen aufnehmen. (de.wikipedia.org/wiki/Corps).

Turner- und Sängerschaften

Die Turnerschaften entwickelten sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus akademischen Turnvereinen. Sie sind farbentragend und fördern die sportliche Betätigung ihrer Mitglieder (www.markomannenwiki.de/index.php?title=Turnerschaft). Turnerschaften aber auch Sängerschaften teilen wie die Landsmannschaften die Ansichten zur Antiquiertheit zum Überlegenheitsgefühl gegenüber den Bürgern, sodass sich diese in Ihren Anschauungen recht nahe stehen.

Neben den studentischen Burschenschaften, existieren auch noch im ländlichen Raum Burschenschaften, die wiederum eine ganz eigene Gattung mit eigenen Werten, Prinzipien und Aufgaben darstellen, aber nicht desto trotz gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen.

Die Geo-Giessensis ist keine Burschenschaft, sondern versteht sich als freie akademische Studentenverbindung, die keinem Dachverband angehört, konfessionslos und unpolitisch ist. Deshalb haben wir uns auch zur Aufgabe gemacht studentische Sitten und Gebräuche bewusst anzunehmen, aber gegen Klischeebilder und Vorurteile anzukämpfen.

Das Singen alter Studentenlieder, eine gemeinsame Freizeitgestaltung mit kulturellen, wissenschaftlichen und sozialen Aspekten und das Bestreben nach einem Freundschaftsbund sollten nicht vorverurteilt werden. Unser Bund versteht sich als liberal, weltoffen, tolerant und distanziert sich in jedweder Form von Fremdenhass, Vorurteilen und Diskriminierungen.

Quelle: Gießener Zeitung