Der Autor  Max Schlenker  veröffentlichte im Rahmen der Serie „Karlsruhe: Stadtgeschichte – Objekt des Monats im Stadtarchiv“ folgenden Artikel:

Gruppenfoto, vermutlich nach einem Fecht-Duell. StadtAK 8/Alben 420, 9b

Gruppenfoto, vermutlich nach einem Fecht-Duell. StadtAK 8/Alben 420, 9b

Wir blicken auf sieben junge Studenten. Alle tragen die Uniform ihrer Studentenverbindung, des Corps Saxonia Karlsruhe, bis auf den Mittleren. Sein Kopf ist von Blut überströmt, er hat dort zahlreiche Wunden. Man könnte meinen, hier habe sich etwas Schreckliches ereignet, doch die Studenten auf dem Bild scheinen recht gut gelaunt zu sein, sie lächeln. Am besten gelaunt scheint sogar der Student zu sein, der so stark verwundet ist, sein Grinsen ist am stärksten. Doch warum ist dieser junge Mann so gut gelaunt?

Seine Wunden hat er sich bei einem Fechtkampf, der Mensur, zugezogen, den er für seine Verbindung gegen eine andere geschlagen hat. Die Mensur hat eine lange Tradition bei vielen Studentenverbindungen. Bereits im Mittelalter hatten Studenten das Recht, eine Waffe zu tragen, da sie oft einen langen Weg zu ihrer Universität zurücklegen mussten, was diverse Gefahren mit sich brachte. Da ihnen der Umgang mit der Waffe auch gelehrt wurde, entstand daraus bald ein Wettkampf unter den Studenten, der teilweise auch tödlich endete, da bei der Mensur, im Gegensatz zu anderen Fechtarten, nur Hiebe auf den Kopf erlaubt sind. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts arbeitete man daran, einen Schutz für die Studenten zu entwickeln, um Verletzungen zu reduzieren. Dennoch besteht die Ausrüstung eines Paukanten (= der fechtende Student) bis heute nur aus einer Schutzrüstung für den Körper und einer Schutzbrille. Verletzungen und Narben am Kopf sind also keine Ausnahme, doch da allein die Teilnahme an der Mensur als Zeichen von Tapferkeit gewertet wurde, trugen die Studenten ihre Wunden und Narben mit Stolz. Denn da jene Narben, die mit einem Glockenschläger, der Waffe bei der Mensur, verursacht wurden, sehr signifikant waren, konnte jeder erkennen, dass derjenige seine Tapferkeit bei einer Mensur unter Beweis gestellt hatte. Die Studenten kannten sogar Methoden, um die Heilung einer kleinen Wunde so zu verzögern, dass daraus der charakteristi­­sche Schmiss wurde.

Nun ist auch zu verstehen, warum der junge Mann sich so über seine Wunden freut, denn sie sind für ihn ein Symbol seiner Tapferkeit.

Seine Verbindung, die Bruderschaft Saxonia, wurde 1856 von drei ehemaligen Mitgliedern einer Verbindung aus Hannover gegründet. 1913 wurde die Corps-Villa in der Mathystraße 9 erbaut, die bis 1982 genutzt wurde. Nach der Selbstauflösung 1935 im Nationalsozialismus, gründete sie sich 1947 wieder und besteht noch bis heute, ebenso wie die Mensur immer noch Teil der Verbindung ist.

Im Fotoalbum über die Bruderschaft Saxonia aus dem Jahr 1920 finden sich viele Bilder von der Mensur, bei der es zum Teil zwar blutig, aber auch fröhlich zugeht. Außerdem finden sich etliche Bilder von Festen und Feiern in dem Album, was es plötzlich wieder zeitlos und aktuell erscheinen lässt.

Max Schlenker

Quelle: karlsruhe.de