Am Freitag, 20. Mai 1994, erschien in der Lokalausgabe für den Landkreis Naumburg der Mitteldeutschen Zeitung / NAUMBURGER ZEITUNG der Artikel „CORPSSTUDENTEN / Treffen“ von den Redakteuren Hans-Joachim Blüher und Gudrun Schröder.

Anläßlich der Rückkehr der Kösener Corpsstudenten fand eine festliche Veranstaltung in der Naumburger Marienkirche statt. MZ-Foto: Wißenbach

Anläßlich der Rückkehr der Kösener Corpsstudenten fand eine festliche Veranstaltung in der Naumburger Marienkirche statt. MZ-Foto: Wißenbach

Naumburg/Bad Kösen/MZ. In der Naumburger Marienkirche fand gestern nachmittag ein Festakt aus Anlaß des 1. Kösener Congresses seit 1935 in der Stadt, die dem Kösener Senioren Convents Verband (KSCV) den Namen gab, statt. Vertreter der fast 20 000 Corpsstudenten, die im KSCV und im Verband Alter Corpsstudenten (VAC) organisiert sind, nahmen teil. Im Verlauf der Veranstaltung wurde an vier junge Kösener und Weinheimer Corpsstudenten die Friedrich-von-Klinggräff-Medaille für herausragende Studienabschlüsse und gesellschaftliches Engagernent durch den Vorsitzenden des Stiftsvereins Alter Corpsstudenten, Dr. Philipp Fabry, verliehen.

In seiner Ansprache nannte es der Vorortsprecher des KSCV, Oliver Senger, eine glückliche Tatsache, daß der Studentenverband nach rund 60 Jahren nun wieder an die Stätte seiner Gründung zurückgekehrt. sei. Als Kösener Corpsstudenten habe man aber auch ganz einfach keinen anderen Weg gesehen, um ausströmend vorn Geburtsort der Vereinigung den Idealen und Zielen gerecht werden zu können. Teilhaben und etwas gegen die Orientierungslosigkeit der gegenwärtigen Zeit tun, Meinungstoleranz pflegen und sich an den Grundwerten aufrichten, das sei das Ziel, um den Ideen der Vereinigung einen tiefgreifenden Inhalt zu geben. Diese Aufgaben sollten nach der Würzburger Zeit hier nun mit besonderem Idealismus angegangen werden. Dazu seien selbstbewußte und engagierte Corpsmitglieder gefragt.

Ausgehend von der gegenwärtigen Situation umriß Albert Eckstein, Altherrenvorsteher im Corps Thuringiae Gießen, die Perspektiven der Studentenvereinigung 102 Kösener Corps gibt es in 35 deutschen Universitätsstädten. Die Gemeinschaft befinde sich in Aufbruchstimmung, da sie nun in ostdeutsche Hochschulen zurückkehren und einen Teil der Erziehung übernehmen könne. Nur ein vielstimmiger Chor könne in der Massengesellschaft gehört werden. Als konservativer Verein müsse man die Wertevorstellung prüfen, variieren und verändern. Wichtig sei es, den Dialog von alt zu jung auszubauen, um nicht in Sprachlosigkeit zu verfallen. Das Corpshaus biete eine Chance. Ernsthafte Gedanken müsse es darüber geben, wie geistig und fachlich gefördert werden kann. Ohne eine Elitebildung könne keine Gemeinschaft leben. Hier bestehe der Auftrag, an der Formung dieser Elite mitzuwirken. Die Corps und ihr Leben sollten eine lodernde Flamme für die Jugend sein.

Die anfänglich als Wagnis bezeichnete Rückkehr nach Bad Kösen sei dank engagierter Corpsmitglieder und örtlicher Kommunalpolitiker gelungen, äußerte Dr. Walther Benno Kießel, 1. Vorsitzender des Verbandes Alter Corpsstudenten. Die Stadt habe man wie einen aus der Asche aufgestiegenen Phönix empfunden. Der vorgefundene Idealismus müsse nun erweitert und der corpsstudentisehe Gedanke neu entfacht werden. Dazu habe man die notwendige Glut mitgebracht.

Gestern vormittag fand in der Traditionsstätte für die Studentenvereinigung, der jetzigen Reha-Klinik „Mutiger Ritter“, ein Abgeordnetentag des Verbandes Alter Corpsstudenten statt. Thema war dabei die Verbandsarbeit unter den neuen Gesichtspunkten der Präsenz des KSCV in Bad Kösen. Mit einem Empfang des Bürgermeisters, Dr. Helmut Schache, im kleinen Saal in der Reha-Klinik „Mutiger Ritter“ von Vertretern des KSCV wurde der Donnerstag abend der Corpsstudenten eingeleitet. In seinen Begrüßungsworten hob Schache die traditionsreichen Verbindungen die seit 1989 wieder auflebten, hervor. „Es wächst wieder langsam zusammen, was zusammengehört“. Der erste Congress in Bad Kösen sei ein historischer Tag. Er selbst kenne den KSCV nur vom Erzählen seiner Familie, die die Congresstage mit „großen“ Festen gleichsetzte. Jetzt seien die Aktiven schon anspruchsvoller geworden. Früher hätten sie gleich mal in der Badewanne auf dem Heuboden übernachtet. Als Geschenk wollte Schacher den neuen Bildband über Bad Kösen an verdienstvolle Corpsstudenten überreichen. Leider, so Schache, seien die Bände nicht angeliefert worden.

Senger übergab Schache einen Stich von der Rudelsburg. Es sei ein sehr alter Stich, etwa von 1870, der reproduziert wurde. Einen Kupferstich, der ebenfalls unter anderem die Rudelsburg zeigt, erhielt Schache von Kießel überreicht. Zugleich sei das erste Geld von 250 000 Mark von dem KSCV in Denkmäler investiert worden. „Mit uns haben sie treue und lange Freunde“, sagte Kießel. Wer einen Corpsstudenten zum Freund hat, habe ihn für immer.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung