In der Tageszeitung DIE WELT erschien am 19.01.2008 folgender Artikel, in dem u.a. auf das Hamburger Corps Irminsul eingegangen wird:

Von einem einheitlichen Straßenbild kann kaum die Rede sein. Von der Rothenbaumchaussee kommend, gibt sie sich anders als an der Isestraße, in die sie mündet. Der Ort des Übergangs vom Mondänen zum Bürgerlichen lässt sich nicht an Straßennummern festmachen: Es ist der Innocentiapark als Mittelpunkt, der die Gegensätze meiner Lieblingsstraße miteinander versöhnt.

Das ist der Grund dafür, dass die Innocentiastraße wie kaum eine andere einen Überblick über das heterogene Harvestehude bietet. Zunächst deuten die Häuser ein eher einheitliches Bild an: Die strahlend weißen Gründerzeitvillen reihen sich hier ebenso aneinander wie die parkenden Luxusautos davor. In den Vorgärten wurde nichts dem Zufall überlassen. Steril wirken sie, geben sie doch kaum etwas von ihren Besitzern preis. Nur gelegentlich fährt ein Auto in gemäßigtem Tempo an mir vorbei. Den pulsierenden Rhythmus der Meile, dort, wo sie zwischen Klosterstern und dem NDR-Rundfunkhaus beginnt, habe ich längst hinter mir gelassen.

Nur wenige Schritte von ihrem Anfang aus brauche ich, und um mich herum verdichten sich die Bäume, die auf den Innocentiapark deuten lassen. An der Ecke Parkallee liegt sie dann direkt vor einem: Hamburgs erste Grünanlage. Zur Linken kann ich noch die blau-silbernschwarze Fahne des Studentencorps Irminsul in der Parkallee flattern sehen. Die Studiosi von damals, deren Erkennungszeichen nicht selten ein Schmiss auf der Wange ist, residierten dort. Und sind der Gegend doch treu geblieben. Schließlich zogen sie nur wenige Meter weiter in die Parkallee, auf die andere Seite des Parks. Zur Rechten gibt sich die Innocentiastraße ebenfalls unnahbar. Unter den Fassaden der prächtigen Bauten reihen sich auch hier teure Edelkarossen aneinander. Doch fällt etwas sofort ins Auge – der vereinzelt auftauchende Mittelklassewagen, der hier öfter zu sehen ist als noch zu Beginn der Straße.

Dreh- und Angelpunkt der Innocentiastraße ist der „Inno-Park“. Drei Hektar Grünfläche, auf denen Jogger ihre Runden drehen und Hundebesitzer ihre tierische Begleitung zwischen spielenden Kindern spazieren führen. Dies ist der Schmelztiegel meiner Lieblingsstraße. Im Frühjahr bietet der Park für mich nicht nur eine praktische Abkürzung auf dem Weg zur U-Bahn Hoheluftbrücke. Er erinnert mich auch daran, dass bald Sommer ist. Dann tummeln sich hier Sonnenanbeter, büffelnde Studenten oder zeichnende Schulklassen. An ihnen vorbei eilen geschäftige Anzugträger zu ihren Terminen.

Wie untrennbar seine Anrainer mit ihrem Inno-Park verbunden sind, zeigte sich nach einem heftigen Sommersturm im Jahr 2004. Kaum in Worte zu fassen sei das Chaos gewesen, das das Unwetter verursacht hatte, sagt Herr Kemna von der Initiative Innocentiapark. Kemna und Co. leisteten Wiederaufbauarbeit. Die Initiative erwirkte auch den Umbau eines baufälligen und mit Graffiti beschmierten Schandflecks – des Toilettenhäuschens: Jetzt wird es als „Klassenzimmer im Grünen“ von der Katholischen Schule Hochallee genutzt.

Ich lasse den Inno-Park hinter mir und gehe Richtung Isestraße. Hier öffnet sich nun deutlich der Blick auf ein anderes Harvestehude: Dort, wo die Brahmsallee in die Innocentiastraße mündet, sehe ich in einiger Entfernung die Grindelhochhäuser in den Himmel ragen. Zögernd weicht an dieser Stelle die geleckte Eleganz der Innocentiastraße einem weniger kühlen, bürgerlichen Charme. Anstelle der nur noch vereinzelt mit Stuck dekorierten Gründerzeitvillen bestimmen nun mehrgeschossige Altbauten das Straßenbild. Hier kehrt sich die Gewichtung zwischen Luxusauto und Mittelklassewagen um, so wird der Porsche vom neuesten Modell des VW-Golf verdrängt.

Hier wohnt eher der bürgerliche Durchschnitt. Ich fühle mich in einem schlichteren, weniger abgehobenen Harvestehude angekommen. Darauf deutet auch „Die Brücke“ – ein Restaurant, direkt an der Mündung der Innocentiastraße in die Isestraße. Sinnbild des Wandels ist hier nicht der Gegensatz zwischen Mondän und Bürgerlich – sondern der zwischen Tag und Nacht.

Quelle: Die Welt