Am 04.06.2011 erschien der Artikel „Mark Twain und die scharfen Duelle“ des Autors Armin E. Möller  aus der Westdeutschen Zeitung aus Wuppertal [erschienen am 15.01.2011] nun in der Wormser Zeitung in leicht abgewandelter Form:

BADEN-WÜRTTEMBERG Pro Semester wurden in der blutigsten Ecke Heidelbergs im Gasthaus zum Hirschen Tausend Mensuren geschlagen

Den Amerikaner zog es mit aller Gewalt in die Hirschgasse, 1878 die blutigste Ecke von ganz Heidelberg. „Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich!“, notiert er. Dabei war das nördliche Neckarufer eigentlich alles andere als ein Ort des Schreckens. Von hier aus hatte der Brite Joseph Mallord Turner, damals der berühmteste Maler des Landes, Alt-Heidelberg samt der Schlossruine jenseits des Flusses gemalt. Das Gemälde ist heute Millionen wert. Heidelberg würde es allzu gerne erwerben, hat aber nicht das Geld dafür.

Der Amerikaner genießt die schöne Aussicht über den Fluss hinweg. Er schwärmt von der „idyllischen Lage“ der Hirschgasse und deren Gasthaus zum Hirschen. Aber er kommt, um „beim Anblick klaffender Wunden an Gesichtern und Köpfen einen Schauder“ zu erleben. „Ich sah gerade mit an, wie einem die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde. Der Doktor hatte ungefähr eine Stunde zu flicken – dies sagt genug“. So steht es in den Reisebildern von Mark Twain (Band 6), zusammen mit dieser Entschuldigung: „Der aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich.“

Der gefeierte Autor der Abenteuer Tom Sawyers und vieler Kurzgeschichten ist vom „deutschen Studentenduell“, das er in der Hirschgasse miterlebt, unheimlich fasziniert. Er behauptet zwar, er arbeite – so wörtlich – „im Interesse der Wissenschaft“. Das ist verständlich, wer mag sich schon selbst der puren Sensationsgier bezichtigen? Wissenschaftliche Neugier war folglich ein gute Begründung, das älteste Mensurhaus Deutschlands zu besuchen, um die Fechtkämpfe der schlagenden Verbindungen mit Klingen, die „es mit den schärfsten Rasiermessern aufnehmen“ konnten, aus nächster Nähe zu erleben [akademisches Fechten in der Literatur] .

Das Haus Hirschgasse, das vor 600 Jahren wohl als Wallfahrerherberge gegründet wurde, ist reich an Geschichte und Geschichten. Twain hätte auch über eine tragisch-romantische Begebenheit von 1472 schreiben können. Damals hatte sich hier ein Adliger in ein Mädchen von niedrigerem Stand verliebt. Das konnte nicht gut gehen, führte aber dazu, dass das Wirtshaus in alten Aufzeichnungen erwähnt wird und sich das Hotel Hirschgasse nun mit dem Hinweis „seit 1472“ schmücken kann.

Ernest Kraft, heute der Besitzer des Hotels „Die Hirschgasse Heidelberg“, lebt Geschichte. Das fällt ihm leicht. Der Schankraum – die Mensurstube – glänzt durch eine Sammlung, die an all die Fechtkämpfe erinnert, die hier bis 1979 von Corpsstudenten heftigst ausgetragen wurden – „etwa 1 000 pro Semester!” Die Tische des Hotels, in dem gutbürgerliche Küche serviert wird, sind über 200 Jahre alt.

„An denen haben schon Mark Twain und auch Bismarck gesessen.“ Die Studenten des 19. Jahrhunderts machten sich einen Spaß daraus, ihren Namen tief in die dicken Tischplatten zu ritzen. „Hier steht Bismarck“, sagt Kraft und zeigt auf diesen Namen. „Der Sohn des Eisernen Kanzlers.“ Dass der Fürst den studierenden Filius hier besucht hat, davon geht der Hotelier aus. Auch der Reichskanzler Prinz Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst hat sich hier mit dem Schnitzmesser verewigt.

Neue Namen dürfen nicht hinzukommen: „Bitte beachten Sie, dass es bereits seit 1918 verboten ist, sich auf den denkmalgeschützten Tischen zu verewigen“, warnt ein Hinweis in der Speisekarte zusammen mit der Drohung, andernfalls den Restaurator zu bestellen, dessen Rechnung dann die Frevler zahlen müssen.

Ernest Kraft, Sohn einer deutsch-italienischen Wirtsfamilie, die seit 40 Jahren in der Kurpfalz Gaststätten und Restaurants besitzt, übernahm „die Hirschgasse, das älteste Hotel Heidelbergs“ vor 15 Jahren. Seither hat er sich zum Experten für studentische Verbindungen entwickelt. „Früher waren in Heidelberg die Hälfte aller Studenten corporiert. Heute sind es gerade noch fünf Prozent.“

Worauf es dabei den studentischen Duellanten ankam, schildert Mark Twain am Beispiel eines Studenten, der ihm die Regeln erklärte: „Bald nach Beginn hatte jeder einen schweren Kopfschmiss, beim dritten Gang erhielt der Gegner meines Bekannten einen solchen, während dem letzteren selbst die Unterlippe durchgehauen wurde. Er sah schauerlich aus, und ich will auf eine nähere Beschreibung lieber verzichten. So blieb wider Erwarten der Sieg bei meinem Bekannten.“

Der Raum im Haus, wo der „Paukarzt“ die „Paukenden“ „blutbespritzt von Kopf bis zu Fuße“ nach dem Kampf verarztete – früher Flickstube genannt – ist heute Teil des größeren Speiseraums des Hotels. Aus dem Saal für Degen- und Säbelkämpfe wurde das „Le Gourmet“-Restaurant, in dem scharfe Klingen nur noch zusammen mit Gabeln gegen „Bretonische Felsenrotbarben auf Zitronengnocchi“ oder „Gedämpfte Etoffé-Taubenbrust mit Mais und Schwarzer Nuss“ geführt werden dürfen.

In der Mensurstube wird badisch-rustikal gekocht mit Spezialitäten wie „gegrillter Bauch vom Schwein aus der Region auf dicken Bohnen und körnigem Senf“ oder „Semmelknödel mit Backpflaumenfüllung auf rahmigen Pfifferlingen“.

Bei der Gestaltung der 20 Suiten in diesem wuchtigen Bau altkurpfälzer Bauart und der Gestaltung der dazugehörigen Gartenterrassen ließ Hotelier Kraft seiner Frau Allison freie Hand. Sie entschied sich für den Stil der Britin Laura Ashley, die verspielte, blumige Formen bevorzugte. Die hätten gewiss auch Mark Twain gefallen, war er doch ein Zeitgenosse der englischen Königin Victoria.

Quelle: Wormser Zeitung

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