Hanno Rauterberg, Autor der Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlichte am 22.12.2003 den folgenden Artikel:

„Von Körpern und anderen Dingen“ – eine blamable Fotoausstellung in Berlin

Zwischen Gully und Bauchnabel, zwischen Gesicht und Fassade ist nicht mehr zu unterscheiden. In der Dunkelkammer des Fotografen Heinz Hajek-Halke wurden Menschen zu Spachtelmasse, Tapete oder Asphalt, er verschmolz den Körper der Stadt mit dem Körper einer Frau, und die Bilder, die dabei herauskamen, sehen aus wie surrealistische Gemälde. Eine Fahrbahn wird zum nackten Leib, auf dem Zylinderherren auf und ab stolzieren. Oder die Brandwand eines Hauses bekommt einen Teint aufgeschminkt, glitzernde Augen und einen Kussmund, der alle Bauarbeiter, die auf dem Gerüst davor herumturnen, zu verschlingen droht. Die Stadt – ein Ort lustvoller Abgründe.

Zu sehen sind diese Bilder aus den 1920er Jahren derzeit in einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM), die einen besonderen, teils auch absonderlichen Blick auf die Geschichte der deutschen Fotografie des 20. Jahrhunderts wirft. Sie fragt, ähnlich wie Hajek-Halke, nach Architektur- und Körpernormen, nach unmenschlichen Räumen und raumgreifenden Menschen.

Am Anfang geht’s noch klassisch zu: Gezeigt werden August Sander, Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch, die alle drei ihre Kamera wie ein Mikroskop benutzen, mit dem sie forschend die Welt der Menschen und Pflanzen in eine neue, rigorose Ordnung bringen. Das Leitthema der Ausstellung im Hinterkopf, denkt man bei ihren Fotoreihen unwillkürlich an architektonische Musterbücher des 19. Jahrhunderts. Zu besichtigen sind lauter eindrucksvolle Typen: das von Schmissen zerteilte Gesicht eines Corpsstudenten ebenso wie der filigrane Pflanzenstängel mit seiner Turmarchitektur. Immer ist die einzelne Aufnahme Teil einer Serie, das Individuelle geht auf in der Masse.

Muss es einen also wundern, dass nur ein paar Wände weiter unversehens Leni Riefenstahl auftaucht, ihre liegestützenden Hundertschaften, ihre typisierten, mythenerleuchteten Mädchen, die Reigen tanzen und die Hände huldigend zur Sonne heben? Zumindest kann es einem in dieser Ausstellung so vorkommen, als gäbe es keine Unterschiede zwischen früher Avantgarde und den Propagandabildern des Nazi-Regimes.

Dass diese Grenzverwischung durchaus beabsichtigt ist, merkt man bei Lektüre des Katalogs. Dort schreiben die beiden Kuratoren Gabriele Honnef-Harling und Klaus Honnef, dass sie bereits in den Bildern von August Sander eine „klirrende Kälte“ spürten. Ähnlich erschaudern sie auch angesichts der Architektur der Moderne, ja, überhaupt der Bauten des 20. Jahrhunderts: Allesamt reduzierten sie „die Menschen auf Däumlingsformat oder sperren sie in winzige Schachteln“. Kaum ein Wort verlieren die Autoren über die aufklärerischen Ideale der frühen Fotografen oder über die sozialen Anliegen der Bauhaus-Architekten. Die Honnefs interessieren vor allem die formalen Ähnlichkeiten – inhaltliche Unterschiede fallen nicht ins Gewicht.

Unverhohlen erzählen sie denn auch von ihrer „Faszination“ für Riefenstahls Heldenmenschen, reduzieren die Propagandistin auf ihre Ästhetik und behaupten, ihre Bilder hätten keine „besondere politische Stoßrichtung“ gehabt. „Aus nicht stichhaltigen Gründen straft man sie noch immer mit Missachtung“, ähnlich wie die Werke anderer Fotografen des „Dritten Reichs“, die in der Ausstellung ebenfalls gezeigt und aufgewertet werden – so als sei das Menschenbild der Nazis völlig austauschbar und eigentlich auch nicht anders als das der Moderne insgesamt. Von Körpern und anderen Dingen lautet der lakonische Titel der Schau, und tatsächlich scheint man hier die Geschichte von allen Ideen und Idealen befreien zu wollen – sie ist nur noch künstlerische Oberfläche. Für das Deutsche Historische Museum eine geradezu perfide Peinlichkeit.

Gesteigert wird sie noch durch eine gewaltige Ost-West-Kluft. Zwar heißt es, die Ausstellung zeige die gesamte deutsche Fotogeschichte, in Wahrheit allerdings bleibt die DDR gänzlich unterbelichtet, weil sie offenbar dem Ästhetizismus der Honnefs nicht genügt. Erst kürzlich war in der Nationalgalerie zu bestaunen, wie eindrücklich und aufrührend viele der Schwarzweißbilder der damaligen Zeit noch heute wirken. Doch das DHM scheint davon nichts zu wissen, ihm gilt der Westblick als gesamtdeutsch.

Riesige Formate von Klaus Rinke, Jürgen Klauke und Andreas Gursky werden in die viel zu engen und niedrigen Säle gepresst. Und einen wie Wolfgang Tillmans mengt man kurzerhand mit hinein, ohne zu klären, was denn an ihm, der sein gesamtes Fotografenleben in London verbracht hat, eigentlich noch deutsch zu nennen wäre. Es ist eben eine Ausstellung voller Unschärfen und Ungereimtheiten.

Natürlich gibt es auch wunderbare Bilder zu sehen, die grundstürzend abstrusen Fotos von Anna & Bernhard Blume etwa, auf denen sich die beiden Künstler aufmachen, den deutschen Wald zu erobern, die Stämme heraufrobbend, hilflos von Leitern stürzend. Auch bei Gabriele und Helmut Nothhelfer bleibt man stehen, bei einer Dame, fein gemacht fürs Pfingstkonzert im Zoologischen Garten, einsam wartend im Gartencafé, vor sich die dickbauchige Handtasche wie einen Schild, neben sich eine Dose Fanta mit Strohhalm. Solche Bilder haken sich im Kopf fest, Bilder der Verlorenheit und Vereinzelung, auch der Selbstfesselung und Selbstentblößung, die sich der Mensch vom Menschen des 20. Jahrhunderts machte. Nur kommen sie in dieser verwirrten Ausstellung kaum zur Geltung.

Quelle: DIE ZEIT