Am 20. Oktober 2011 veröffentlichte Journalistin Angelika Storm-Rusche folgenden Artikel im Bonner General-Anzeiger:

Beim Bier im Gespräch: Die kolorierte Postkarte zeigt einen offenbar gut gelaunten Corpsstudenten. Repro: Franz Fischer

Beim Bier im Gespräch: Die kolorierte Postkarte zeigt einen offenbar gut gelaunten Corpsstudenten. Repro: Franz Fischer

Passend zum Beginn des Wintersemesters hat das Stadtmuseum Bonn die Ausstellung „Bonner Studentenleben im 19. Jahrhundert – ein Sittengemälde“ im Ernst-Moritz-Arndt-Haus eröffnet. Zur Vernissage erschienen nicht eben wenige Studenten. Junge Männer, versteht sich; denn es geht um ein ausgesprochen männliches Thema der (Bonner) Kulturgeschichte, weil Frauen erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Universitätsstudium zugelassen wurden.

Offenbar erschienen damals die Söhne der gehobenen Bourgeoisie und des Adels als eine so sonderbare Spezies, dass englische und französische Journalisten und Schriftsteller sich ironisch über sie ausließen. Auch der Amerikaner Mark Twain stimmte in den Spott ein. Und selbst ein deutscher Professor aus Jena schrieb eine „Naturgeschichte des deutschen Studenten“, die ebenfalls nicht allzu ernst ausfiel. Seinen Humor bewies er mit dem Pseudonym „Plinius der Jüngste“, dessen Witz allerdings die Kenntnis der römischen Schriftsteller Plinius d. Ä. und d. J. voraussetzt.

Dieser „Jüngste“ beschrieb die studentische Laufbahn von der Immatrikulation bis zur Promotion, die sogar „in absentia“ erteilt werden konnte – ein nicht gerade billiges Privileg. Robert Schumann soll es 1840, Karl Marx 1841 genossen haben. Dass Marx nicht gerade ein mustergültiges Studentenleben geführt hat, lässt sich einer Eintragung ins Karzerbuch ablesen. Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität hatte ihm den Arrest im Karzer wegen nächtlichen Lärmens auf der Straße auferlegt.

Als überaus wichtig erwies sich, wie die Ausstellung belegt, die Aufnahme in eine Verbindung. Wer ihr nicht angehören wollte oder durfte, wurde „Kamel“ genannt. Einerseits war die Mitgliedschaft strengen Ritualen von Fechtübungen und Geselligkeit unterworfen; andererseits verleitete sie zu lockerer Lebensführung in Kneipen und provokantem Benehmen in der Öffentlichkeit. Innerhalb einer Verbindung wurde enge Gemeinschaft gepflegt; zu den anderen Korporationen grenzte man sich streng ab.

Anders als heute wechselten die jungen [Studenten] häufig ihren Studienort. Zum Abschied ließen sie – und diese Lithografien bilden das heitere Zentrum der Ausstellung – sogenannte Semesterbilder drucken. Sie dienten ihnen als Souvenir. Bei der Bonner Borussia, der auch preußische Prinzen angehörten, setzte dieser Brauch 1833 mit einem Bild ein, das die alte Stadtmauer und eine Windmühle zeigt. Spätere Blätter nutzen die Kulisse des Siebengebirges mit der Rosenburg, der Chorruine Heisterbach oder des Rolandsbogens. Eines der letzten Semesterbilder „spielt“ 1865 vor dem Bahnhof Rolandseck.

Wichtiger noch als das Zitat dieser Schauplätze sind die ausgelassenen Corpsstudenten in ihren biedermeierlichen Habiten selbst; sie posieren im Vordergrund mit Bierfass, Bierkrug, gefülltem Flaschenkorb – und Hund. Ohne ihre edlen Hunde, häufig Doggen, ging offenbar gar nichts. Sie, die mit ungewöhnlichen Namen – etwa Schröder – bezeichnet sind, sollten den Wohlstand der Studenten demonstrieren. Eines dieser Semester-Gruppenbilder lässt mit übertriebenen Gesten der Burschen auf ihren ziemlich angeheiterten Zustand schließen. Man wollte sich trinkfest zeigen.

Als Individuen gaben sich die Studenten in lithografierten Porträts und in mit roten Akzenten versehenen schwarzen Tuschesilhouetten. Die damals aufkommende Fotografie setzte dieser studentischen Bildkunst ein Ende. Damit versiegte auch eine angenehme Einnahmequelle etlicher Bonner Künstler.

Stadtmuseum Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Adenauerallee 79, 53113 Bonn, bis 25. März 2012; Mi bis Sa – 13 bis 17, So 11.30 bis 17 Uhr; vom 19. Dezember 2011 bis 3. Januar 2012 geschlossen.

Quelle: General-Anzeiger