Die Journalistin Sabine Tesche berichtete am 12.03.2008 im Hamburger Abendblatt über den Arzt und Jenenser Thüringer Dr. med. Hubertus-Eberhard Zimmermann folgendes:

Zwei Internisten beraten Notleidende ohne Krankenversicherung ehrenamtlich. Ihr Ziel: Sie wollen ein Fachärzte-Netzwerk aufbauen. Der Eingang zur Malteser Migranten-Sprechstunde ist schwer zu finden. Beim Haus eins des Marienkrankenhauses geht es die Auffahrt runter, ein provisorisches Plastikschild weist den Weg zu den zwei kleinen Praxisräumen. „Unseren Patienten ist es ganz recht, dass wir uns an keinem prominenten Platz befinden“, sagt Dr. Helgo Meyer-Hamme. Zu ihm und seinem Kollegen Dr. Hubertus-Eberhard Zimmermann kommen illegale Migranten, um sich anonym ärztlich beraten zu lassen. Die beiden Internisten arbeiten seit November immer abwechselnd dienstags für vier Stunden ehrenamtlich in der „Malteser Migranten Medizin“ (MMM) – einem Projekt, das bereits in sieben anderen Städten erfolgreich läuft.

Die Patienten von MMM haben aufgrund ihres Aufenthaltsstatus keine Krankenversicherung, sie leben und arbeiten im Verborgenen, haben ständig Angst, aufzufliegen. Die meisten wagen deswegen den Weg zu den Ärzten nur, wenn sie es vor Schmerzen nicht mehr aushalten. Wie die etwa 40 Jahre alte Rumänin, die zusammengekrümmt auf den Stühlen im Flur sitzt. Sie spricht etwas Deutsch, deutet an, dass sie Probleme mit den Nieren hat.

Helgo Meyer-Hamme untersucht sie sorgfältig, misst den Blutdruck und macht einen Urintest. Viel mehr kann er nicht machen, denn die Ausrüstung in den Behandlungsräumen ist sehr rudimentär. Zum Glück stellt sich schnell heraus, dass die Frau „nur“ an Rückenschmerzen leidet, die in den Nierenbereich ausstrahlen. Der Arzt schreibt ihr ein Rezept über ein Schmerzmittel aus.

„Wir können hier zwar eine Erstdiagnose stellen, Rezepte ausschreiben, aber vor allem beraten wir die Patienten. Bei ernsteren Fällen schicken wir sie zu Fachärzten“, erklärt der 65-Jährige, der seit Januar im Ruhestand ist und zuvor eine Arztpraxis in Rahlstedt betrieb. Er und sein Kollege Zimmermann (68) sind gerade dabei, ein Netzwerk von Spezialisten aufzubauen, die sich bereit erklären, Migranten umsonst zu behandeln.

„Praxisärzte zu finden ist nicht so schwer, die können mal einen dazwischenschieben. Ganz schwierig wird es jedoch, wenn ein Patient operiert werden muss. Die Kosten im Krankenhaus sind einfach sehr hoch“, sagt Helgo Meyer-Hamme.

So verhandelt er gerade mit dem Unfallkrankenhaus Boberg wegen eines polnischen Hilfsarbeiters, der nach einem bereits vor einem Jahr operierten Unterschenkelbruch nun eine schleichende Knochenentzündung hat. Wird das Bein nicht bald operiert, droht eine Amputation. Doch die Operation soll mehrere Tausend Euro kosten. Zumindest hat Meyer-Hamme erreicht, dass ein Boberger Oberarzt sich den Polen angeschaut hat.

„Für andere betteln finde ich nicht so schlimm, für mich selber wäre das was anderes“, sagt Zimmermann und lächelt. Er versucht gerade, einen jungen Inder mit Leistenbruch an einen Chirurgen zu vermitteln.

Die beiden Ärzte nehmen kein Geld für die Behandlung, aber ein Spendentopf steht auf dem Schreibtisch. Denn Meyer-Hamme glaubt, dass einige der Patienten gerne einen Obolus geben würden, „weil sie damit vielleicht ihre Dankbarkeit zeigen können“.

Es klopft an der Praxistür. Eine Thailänderin will sich beraten lassen. Sie ist schwanger. Nach einem kurzen Zwiegespräch gibt Meyer-Hamme ihr eine Karte des Familienplanungszentrums in Altona.

Es geht sowohl Meyer-Hamme als auch Zimmermann nicht um das Politikum, das hinter dem Aufenthalt von Illegalen in Deutschland steht. Die beiden evangelischen Christen wollen Notleidenden helfen. „Bei bis zu geschätzten 100 000 Illegalen in Hamburg gab es einfach eine Versorgungslücke“, sagt Andreas Damm, Diözesanleiter des Malteser Hilfsdienstes in der Erzdiözese Hamburg. Als er beim Katholischen Marienkrankenhaus um Unterstützung für MMM bat, stellte die Klinik zwei Räume im Gebäude der Ordensschwestern bereit. Die Schirmherrschaft übernahm Erzbischof Dr. Werner Thissen.

Das Hamburger Projekt greift auf die Erfahrungen vor allem aus Berlin zurück. Dort besteht das MMM seit 2001. Am Anfang gab es auch nur an einem Tag pro Woche eine Sprechstunde, inzwischen kümmert sich eine Ärztin hauptamtlich an vier Tagen um die etwa 3200 Patienten pro Jahr. Die meisten sind jünger als 50 Jahre und häufig schwerer erkrankt als in einer normalen Arztpraxis. 66 Prozent sind Frauen. Viele Patienten kommen mit Zahnschmerzen, Tumor- oder Infektionskrankheiten. Ein Drittel der Migranten stammt aus Süd- und Osteuropa, die zweitstärkste Gruppe aus Afrika. Die Menschen, die zu MMM gehen, seien zurückhaltender und scheuer als seine Rahlstedter Patienten, sagt Internist Meyer-Hamme. „Sie sind weniger anspruchsvoll. Es macht Freude, solchen Menschen zu helfen, man bekommt viel zurück.“

Elend und Armut sind dem Arzt vertraut, seit 1990 fährt er jährlich in die Slums von Kalkutta und behandelt dort für das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ kranke Inder. „Doch ich habe mich schon länger darum bemüht, auch hier in Deutschland ehrenamtlich zu arbeiten.“ Eine Freundin erzählte ihm von MMM, der Kontakt zu den Maltesern kam dann schnell zustande.

Auch Hubertus-Eberhard Zimmermann meldete sich bei der katholischen Organisation, er wollte nach dem Ruhestand weiter ärztlich tätig sein. „Als Kriegsflüchtling aus Ostpreußen haben wir damals 1945 viel Unterstützung der Kirche bekommen, da will ich nun was zurückgeben.“ MMM Hamburg, Marienkrankenhaus, Alfredstr. 9, Sprechstunde ist immer dienstags: 10-14 Uhr.

Quelle: Hamburger Abendblatt

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