Die Journalistin Hana Häufle veröffentlichte folgenden Artikel unter dem Titel „Kippot und Schmisse“ über den Besuch von Corpsstudenten bei der jüdischen Gemeinde in Wien:

Corps-Studenten in der Wiener Gemeinde

Ein ungewohntes Bild bot sich kürzlich in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien: Neben Männern mit Kippot sah man einige Herren mit bunten Mützen und mit Schmissen in den Gesichtern. IKG-Generalsekretär Raimund Fastenbauer hatte Vertreter schlagender Verbindungen zu einem Gedankenaustausch eingeladen.

Die studentischen Corps legen Wert darauf, nicht mit den deutsch-national gesinnten, zum Teil rechtsextremen Burschenschaften gleichgesetzt zu werden. Der Sprecher des Akademischen Corps Symposion, Karl-Georg Heinrich, machte auf die gemeinsame Geschichte von Juden und schlagenden Verbindungen aufmerksam: Mitte des 19. Jahrhunderts seien ein Drittel aller jüdischen Studenten in derartigen Verbänden aktiv gewesen.

Erst durch »das Aufkommen des Antisemitismus« sowie die sogenannten Waidhofener Beschlüsse habe sich das geändert. In seinem Corps seien Juden immer willkommen gewesen, und es gebe bis heute jüdische Mitglieder, so Heinrich.

SCHLECHTES LICHT

Er bedauerte, dass schlagende Verbindungen seit Längerem in der Öffentlichkeit in schlechtem Licht stünden: »Verantwortlich dafür ist die politische Agitation rechtsstehender Burschenschaften, die in Europa eine Minderheit in den schlagenden Verbindungen darstellen und dennoch die Wahrnehmung dominieren.« Die Corps folgten dem Toleranzprinzip, mit dem rassistische Anschauungen nicht vereinbar seien, betonte Heinrich.

Alexander Hartung, Vorsitzender des Verbands Alter Corpsstudenten, hob hervor: »Wir kommen aus dem Geiste der Aufklärung, und dieser wirkt bis heute fort.« Da Corps aber auch immer ein Spiegel der Gesellschaft seien, habe es neben Widerstandskämpfern auch Täter in ihren Reihen gegeben. Man habe die Geschichte der Studentenverbindung aufgearbeitet, sich dazu bekannt und die Opfer um Entschuldigung gebeten, so Hartung.

DIFFERENZIERUNG

Der Rechtsextremismusforscher und Historiker Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands betonte, dass auch bei den schlagenden Verbindungen eine Differenzierung notwendig sei, da sie sich sehr stark voneinander unterscheiden würden: In Österreich seien Burschenschaften deutlich früher antisemitisch, zum anderen viel radikaler gewesen, und nur Letztere trügen eine besondere Verantwortung und Schuld.

Die Fragen aus dem Publikum machten jedoch deutlich, dass trotz aller Unterschiede rechte und liberale Studentenverbindungen optisch schwer auseinanderzuhalten sind. Von Letzteren forderte IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant, sich von rechtsgerichteten radikalen Burschenschaften deutlich zu distanzieren. Fastenbauer appellierte an die Alten Herren auf dem Podium: »Zur Toleranz gehört auch aktives Eintreten gegen Intoleranz. Bei Antisemitismus und Intoleranz darf es keine Neutralität geben.«

Quelle: Jüdische Allgemeine