Die Autorin Julia Kimmerle veröffentlichte am 23.08.2010 in „DIE ZEIT Studienführer 2010“ folgenden Artikel:

In vielen Hochschulstädten wird es eng auf dem Wohnungsmarkt. So finden Studenten trotzdem die Bleibe ihrer Wahl

Wo wird es schwierig?

Wohncontainer oder die nur drei Meter lange Wohnrolle »Rollit«, die Studenten in Karlsruhe entwickelt haben, werden nur wenige Studenten beziehen müssen. Trotzdem wird es in diesem Jahr nach Einschätzung des Deutschen Studentenwerks in einigen Hochschulstädten noch enger werden – Grund dafür sind vor allem die durch das achtjährige Gymnasium entstehenden Doppeljahrgänge, in deren Folge dieses Jahr und auch in den nächsten Jahren mehr Studienanfänger auf den Wohnungsmarkt drängen als in der Vergangenheit.

Schwierig wird es laut Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Studentenwerks, insbesondere in den großen Städten wie München, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln und Düsseldorf oder an Traditionsstandorten wie Freiburg, Marburg, Tübingen oder Heidelberg. Weil mehr und mehr Studiengänge nur zum Wintersemester beginnen, wird es dann bei Wohnungsbesichtigungen auch voller sein als zum Sommersemester. Gerade in einigen Regionen Ostdeutschlands sei die Situation deutlich entspannter, so Meyer auf der Heyde. Wer flexibel ist, kann sich also gezielt dort bewerben. Während der Wohnungsmarkt etwa in Greifswald schon relativ angespannt ist, sieht es in Dresden, Leipzig, Jena oder Erfurt nach wie vor sehr gut aus.

Wie überzeuge ich Vermieter?

Wohnungssuchende klicken sich im Internet am Tag durch Dutzende Angebote. »Wer sich nur Nummern auf einen Schmierzettel schreibt, bei einem Vermieter anruft und dann vergessen hat, für welche Wohnung er sich interessiert, macht gleich einen schlechten Eindruck«, sagt Babett Schindlbeck vom Wohnungsunternehmen Akelius GmbH. Auch wer beim Besichtigungstermin zu spät kommt oder die Unterlagen nicht vollständig abgibt, vertut Chancen. Wichtig sind Einkommensnachweise. Wer selbst keinen Verdienst hat, kann eine Bürgschaft der Eltern mitbringen. Außerdem werden oft Angaben über den Beruf oder über bestehende Mietschulden verlangt. Wer all diese Unterlagen schon beim Besichtigungstermin bei sich hat, macht einen zuverlässigen Eindruck. »Manchmal geben auch einfach gute Umgangsformen den Ausschlag«, sagt Thomas Tewes vom Kölner Haus- und Grundbesitzerverein. »Bei uns kam ein Student mal in völlig zerrissenen Jeans zum Besichtigungstermin. Der hatte zwar seine Eltern dabei. Trotzdem hat er die Wohnung nicht bekommen – da entscheidet auch beim Vermieter das Bauchgefühl.«

Mietvertrag – worauf achten?

Die erste eigene Wohnung bringt auch den ersten eigenen Mietvertrag mit sich. Bevor man ein solches Dokument unterschreibt, sollte man sich genau mit dem Kleingedruckten auseinanderzusetzen, rät Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund: »Keiner würde sich einen Fotoapparat für 200 Euro kaufen, ohne sich genau zu informieren, was das beste Modell auf dem Markt ist. Bei einer Wohnung nehmen sich die Leute oft weniger Zeit, dabei kostet sie ein Vielfaches!« Ein häufiges Problem für Studenten sind Mietverträge mit Kündigungsausschluss oder -verzicht –das führt dazu, dass man teils für zwei Jahre nicht kündigen kann. Wer mit den juristischen Formulierungen nicht klarkommt oder Paragrafen nicht versteht, sollte sich sachkundigen Rat einholen. Die örtlichen Mietervereine sind auch für Nichtmitglieder gute Anlaufstellen.

Will man mit Freunden zusammenziehen, ist die wichtigste Frage, wie der Mietvertrag gestrickt sein soll. Soll nur einer als Hauptmieter unterschreiben? Oder mietet man die Wohnung gemeinsam – mit gleichen Rechten und Pflichten gegenüber dem Vermieter? In diesem Fall kann es zu Problemen kommen, wenn einer ausziehen will und die anderen bleiben möchten. Denn ein gemeinsamer Vertrag muss auch gemeinsam wieder gekündigt werden. »Wenn im Mietvertrag festgelegt ist, dass der Vermieter an eine Wohngemeinschaft mit wechselnden Mietern vermietet, kann man sich diesen Ärger ersparen. Dann können die Mieter später verlangen, dass der Vermieter dem Austausch einzelner WG-Mitglieder zustimmt«, sagt Ropertz.

Ebenfalls empfehlenswert ist ein Übergabeprotokoll: Kurz vor dem Einzug sollte man noch mal durch die leere Wohnung gehen und genau hinsehen: Hat die Tapete Macken? Gibt es Dellen im Parkett? Haben die Fliesen Trauerränder? Solche Mängel am besten fotografieren und sich vom Vermieter bestätigen lassen. »Machen Sie das direkt beim Einzug und nicht Monate später – sonst kann es sein, dass Sie den Schaden selbst beheben müssen«, sagt Ropertz.

Wie kriege ich ein WG-Zimmer?

»Man sollte bei den Anzeigen ein bisschen zwischen den Zeilen lesen«, empfiehlt Paul Hanslegg, Politikstudent aus Berlin mit langjähriger WG-Erfahrung. Wenn eine WG einen »ruhigen Mitbewohner« sucht, haben aufstrebende DJs mit ihren Bassboxen schlechte Chancen. Ist dagegen von »gechillter Multi-Kulti-WG« die Rede, sollte man bei spontanen Partys oder einem liberalen Verhältnis zur Badezimmerhygiene locker bleiben. Pauls WG hatte sich drei Wochen lang Bewerber eingeladen, um den besten Mitbewohner zu finden – jemanden, der Putzpläne einhält, pünktlich die Miete überweist und länger als drei Monate in Berlin bleibt.

»Wir haben uns dann für eine Studentin entschieden, die einen besonders ruhigen Eindruck gemacht hat, weil ich und meine Mitbewohnerin gerade in der Prüfungsphase sind und keinen Partyveranstalter bei uns ertragen hätten«, sagt Paul. Astrid Schindler, Kunststudentin in Stuttgart, hat ebenfalls gerade eine Mitbewohnersuche hinter sich: »Es bringt einem als Bewerber überhaupt nichts, wenn man sich anbiedert«, sagt sie. Falsche Komplimente über die Einrichtung oder ein erschwindeltes Faible für veganes Gemeinschaftskochen rächen sich später: Entweder bekommt man das Zimmer nicht, weil man durchschaut wird, oder man fühlt sich in der eigenen WG nicht wohl.

Und wie komme ich in ein Wohnheim?

Es gibt zwar rund 240.000 Wohnheimplätze in Deutschland – aber noch mehr Bewerber. »Von unseren 1800 Plätzen werden jedes Jahr nur 350 frei. Aber es kommen jedes Wintersemester etwa 7300 neue Studenten nach Frankfurt – da sind die Wartelisten lang«, sagt Katrin Wenzel vom Studentenwerk Frankfurt. »Ich rate jedem, sich früh darum zu kümmern.« Bewerber können beim Studentenwerk Wünsche angeben, in welchem Wohnheim sie wohnen möchten. »Je offener man diese Bewerbung hält, desto höher sind die Chancen«, sagt Wenzel.

Hat man erst mal einen Platz, kann man später einen Wechsel beantragen, wenn einem das Wohnheim nicht gefällt. Viele Wohnheime haben offene Wartelisten, auf die man sich schon ein halbes Jahr vor Studienbeginn und ohne Studienplatz setzen lassen kann. Wenn man jedoch eine Zusage für ein Zimmer hat, muss man den Zulassungsbescheid vorlegen können. »Sonst verfällt der Listenplatz, und man muss sich erneut bewerben«, sagt Wenzel.

Neben den Wohnheimen des Studentenwerks gibt es private Häuser, meist von kirchlichen Trägern. Hier bewirbt man sich direkt, und es gibt – je nach Träger – unterschiedliche Auswahlkriterien: Für das Wohnheim des Christlichen Vereins junger Menschen (CVJM) in München zum Beispiel können sich nur sozial engagierte männliche Studenten bewerben. Im Studienhaus A. Clarenbach in Bonn werden nur evangelische Theologiestudenten zugelassen, und wer in Hamburg im Corpshaus der Albertina wohnen möchte, muss erst mal Mitglied der Studentenverbindung werden und Fechten lernen.

Quelle: DIE ZEIT Studienführer 2010