30.10.1987, die Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlicht folgenden Artikel über den Lyriker und Corpsstudenten Georg Theodor Franz Artur Heym:

Nein, so war es ganz sicher nicht: daß sein Leben noch einmal an ihm vorübergezogen wäre in jenem Augenblick. Da klammerte er sich fest ans brechende Eis, krallte sich mit bloßen Händen ein in die harten Schollen und schrie, schrie um sein Leben. Die Waldarbeiter am Grunewaldufer hörten ihn doch wie sollten sie ihm helfen, in der einbrechenden Dämmerung, ohne Leitern und Stangen? Sie hörten ihn und schauten sich an, ratlos wahrscheinlich, zuckten die Schultern und machten, daß sie fertig wurden bis zum Feierabend und scherten sich weiter nicht drum. Während draußen auf der Havel einer ertränk, schreiend, heftig sich wehrend, verzweifelt gegen das Eis stoßend und sich windend im brennend kalten Wasser, das seine JÜeider füllte und an ihm zerrte.

Da zog nichts mehr vorüber, keine sentimentale, visionäre Sekunde lang, da wollte er nur leben. Und doch war es, als ob in dieser letzten halben Stunde im Leben des Georg Heym [Corps Rhenania Würzburg] noch einmal alles aufschien, was dieses Leben schwer gemacht, das heißt, herausgefordert und gefoltert hatte: die Angst und der Zorn, die kindliche Lebensgier und die Verzweiflungslust.

Der Tod des Vierundzwanzigjährigen an jenem 16. Januar 1912 in der Havel: eine kleine Meldung am nächsten Morgen in der Zeitung. Ein Leben, das im Anfang endete, ein tödlicher Ausflug aufs Eis, natürlich abseits der „für Schlittschuhläufer polizeilich abgesteckten Fahrstraße“, ein Lebensabbruch, wie er tausendfach geschieht in jedem Jahr, an irgendeiner Leitplanke, auf irgendeiner Landstraße, bei irgendwelchen Waghalsigkeiten, zu denen die Räusche der Jugend verfuhren. Banal wie jeder Tod.

Doch einzigartig ist die Spur, die dieses kurze Leben gezogen hatte: ein literarisches Werk, das seinesgleichen nicht findet in der deutschen Litern tur dieses Jahrhunderts. Oder wie das Berliner Unglück in Grunewald so treffend wie schlicht beschloß: „Der ertrunkene Referendar Dr. Georg Heym war auch literarisch hervorgetreten, er hatte vor einiger Zeit einen Band Gedichte Das ewige Leben veröffentlicht, die Spuren einer schönen Begabung zeigten „

Ein Band Gedichte – viel mehr war damals nicht bekannt von Georg Heym. Wer konnte ahnen, was sich da in den Schubladen und Schränken seines Zimmers in der elterlichen Wohnung in Charlottenburg noch alles verbarg? Und ähnlich wie bei dem vollständigen Auftauchen des Kafkaschen Werkkontinents in den fünfziger Jahren war die Überraschung groß, als 1964 der Hamburger Literaturwissenschaftler Karl Ludwig Schneider (zusammen mit einer ganzen Schar von Mitarbeitern) die erste vorläufig endgültige Heym Ausgabe abschloß: fast zweitausend Seiten Gedichte, Novellen, Dramen, Manifeste, Tagebücher – eine schier unglaubliche Produktion für ein so kurzes Leben; allein die Lyrik der letzten zwei Jahre umfaßt fünfhundert Seiten – ohne die Hunderte von Skizzen und Entwürfen, die immer noch nicht veröffentlicht sind.

In der Staats- und Universitätsbibliothek der Hansestadt Hamburg wird der Nachlaß heute aufbewahrt: In großen Pappkästen lagern hier, in Mappen sorgfältig geordnet, etliche Stöße bräunlich gewordenen Papiers, über und über und kreuz und quer beschrieben mit dunkler, fliegender, fliehender Tintenschrift. Gedichtentwürfe, Novellenskizzen, Dramenfragmente – auf große Bögen, aber auch auf die Rückseiten von juristischen Referaten, Leihscheinen, Urkunden, Kondolenzbriefen, Festprogrammen und Werbezetteln gekritzelt. Der Nachlaß eines Graphomanen, eines Menschen, der sich zum Schreiben nicht zwingen mußte – der dazu gezwungen wurde, von wem oder was auch immer.

Blättert man, liest man in diesem Nachlaß, ahnt man plötzlich etwas von dem Druck, unter dem sich dieses Leben zu entfalten versuchte, spürt man noch heute die vielen kleinen Explosionen, die das Werk vorwärtstrieben zu immer kühnerer Sprache – immer eigener sich selber, immer fremder seiner „Großen Zeit“ und kleinen Welt. Da gibt es zum Beispiel das Programm des Festkommers zum hundertjährigen Bestehen der Berliner Universität, mit den Liedertexten des Abends: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ und „Ergo bibamus“ und „Manneskraft lebe! Wer nicht singen, trinken und lieben kann, den schaut der Bursch mit Mitleid an!“ Da gibt es einen Werbezettel des Deutschen Box Clubs, dessen Mitglied Heym war, für ein „Großes internationales Box Meeting: Jimmie Butler, das berühmte Bantamgewicht aus England, gegen Neger Fred Blunt“. Da gibt es den Veranstaltungskalender des zeitung, in der 1910 erstmals Gedichte von Heym erschienen: „Hurra!!! Wir leben noch!!“, eine „große Ausstattungsrevue in 7 Bildern“ im Metropol Theater und „Polnische Wirtschaft – Posse mit Gesang und Tanz“ im Thalia Theater und jeden Tag ein „Großes Militärkonzert“ in der Unions Brauerei auf der Hasenheide.

Da rutscht ein Brief hervor, ein Brief des Kommandeurs des Feldartillerie Regiments No. 72 „Hochmeister“ zu Marienwerder, in dem Oberstleutnant von Herrmann dem Vater „mit Bedauern“ mitteilen muß, „daß die Einstellung ihres Herrn Sohnes als Fahnenjunker im Regiment nicht möglich ist“. Und auf der Rückseite dieses Briefs ein paar Zeilen, wild und weit gezackt: „Hochtürmig, weit gezackt, in Himmel blaßrote Stiegen sie auf mit Dächern und Hörnerschall. Treppen hingen, die gegen den Himmel sprangen, Aber das Licht ging weich herab ihren Fall-der Entwurf für eines der schönsten späten Gedichte Heyms, „Heroische Landschaft“. Und während der Oberstleutnant einleuchtend darlegt, „daß zwar im Augenblick im Regiment einige Offiziersstellen unbesetzt“ seien, der „Offiziersbedarf“ jedoch „durch vorhandene Fähnriche und Fahnenjunker völlig gedeckt“ werde, kritzelt Heym weiter: „Und der Abend begann. Und die Brücken erhoben Über den steinernen Ufern, in dröhnendem Tor, Waren dunkel und schwarz, die in Trauer lohten, Und die Zungen der Schatten krochen die Straße empor „

Was für eine sonderbare Collage! Und zugleich eine exakte Illustration zu den Ausbrüchen im Tagebuch „Geschähe doch einmal etwas – Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren“, schreibt er im Sommer 1910 in seine Kladde, und ein Jahr später: „Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich garnicht denken „

In der Literatur gibt es keine Wunderkinder, niemanden, der mit sieben oder acht Jahren die Technik seiner Kunst so beherrscht wie ein Mozart oder ein Mendelssohn Bartholdy. Allenfalls gibt es Wunderjugendliche – das berühmteste Beispiel ist Rimbaud, der sein „Lebenswerk“ mit zwanzig abschloß. Heym schrieb seine berühmtesten Gedichte etwas später, zwischen seinem 22. und 24. Lebensjahr. Auch er war sicherlich kein Wunderkind. Und so genau wir über seine letzten Jahre Bescheid wissen – so genau, daß wir beinahe jedes Gedicht seiner Entstehungsstunde zurechnen und fast eine Lebenschronik „Tag für Tag“ a la Goethe zusammenstellen könnten – so wenig wissen wir über seine Kindheit, so unscharf bleiben die Jahre bis etwa zu seinem 14. Geburtstag, als die Familie nach Berlin zog.

Jahre in der Provinz: Der Vater, ein Staatsanwalt, wird oft versetzt. Von Hirschberg, wo Georg Heym im Oktober 1887 geboren worden war, nach Posen, später nach Gnesen, dann wieder Posen. Heym hat – außer einigen wenigen flüchtigen Bemerkungen – nichts mitgeteilt über diese Jahre, und es bleibt psychologischer Mutmaßung überlassen, herauszufinden, wie glücklich oder unglücklich sie waren „Ich hätte nie älter werden mögen wie vielleicht 4, 5 Jahr“, notiert Heym einmal in seih Tagebuch, doch ob er damit mehr als nur Heimweh nach Kindheit, nämlich auch das Heimweh nach der eigenen Kindheit meint, bleibt ungewiß.

Die erste Zeit in Berlin ist nur kurz: 1905 muß er wieder zurück in die Provinz, nach Neuruppin. Da er die Oberprima auf dem Joachimsthalschen Gymnasium nicht gepackt hat, wird er an die alte Oberschule der kleinen märkischen Stadt zwangsversetzt. Das Tagebuch, das er schon in Berlin begonnen hat, wird jetzt intensiver geführt, und es spiegelt weidlich die Qualen dieses letzten Schuljahrs „im Exil“, Leiden, die selbst die ersten großen Lieben (hier ist der Plural unumgänglich!), all die Berliner und Neuruppiner Emmis und Nellys und Stenzis und Tonis kaum zu lindern vermögen („Ob ich die Mädchen alle zu hoch einschätze? Ich bin geneigt, das Weib als Göttin aufzufassen. Das sind sie nicht. Aber Rätsel sind sie doch „).

In der Schule das brutale Regiment der humanistisch gebildeten Schleifer; es kommt zu Selbstmorden, auch Heyrn plagen düsterste Gedanken. Es ist jene bedrückende, trostlose, von Sadismus vergiftete Gymnasialatmosphäre der Jahrhundertwende, wie wir sie aus den „Schulromanen“ Hesses und Werfels und vieler anderer kennen, die sich ihr Gymnasiastentrauma von der Seele zu schreiben versuchten.

Immerhin: kleine Fluchten, heimliche Kneipabende mit den Corpsbrüdern der Verbindung und – das Werk „Arnold von Brescia“ heißt die historische Monumehtaltragödie, an der Heym arbeitet, abends zu Hause, das heißt zur Untermiete bei Superintendent Schmidt. Es ist das erste eines guten Dutzends von üppig verplüschten und verquasten Römer, Renaissance- und Revolutionsdramen, an denen Heym zeitlebens bastelte, ohne daß auch nur eines davon je aufgeführt worden wäre; die meisten blieben ohnehin „Fragment“. Doch hier, in der Arbeit an diesem Stück, übt er die Technik der Verdichtung, die Komposition der Bilder, den Rhythmus der Sätze.

Auch Gedichte entstehen in dieser Zeit, noch in Sütterlinschrift artig ins reine geschrieben. Noch durchzogen, seltsam versüßt vom Aroma eines nachempfundenen Jugendstils – George, Hofmannsthal, Rilke, stark verdünnt – und doch schon, im August 1905, neue Töne: „Es fallen drunten Hammerschläge In schwerem Zorn auf Felsen nieder. Aufknirscht im Dampf der Stahl der Säge, Und zucket gierig hin und wieder, Schwerer winden kreischend sich die Kräne, Grau stiebt der Staub und stäuben Späne „. Da ist schon, in diesem Gedicht („De profundis“) des Achtzehnjährigen, der eigene Ton noch eher kraftmeierisch als kraftvoll, noch schief, verspielt („stiebt der Staub und stäuben Späne“) und doch schon ganz erfaßt von der WortBild ballenden Energie, welche die späten Gedichte fast auseinanderreißt, an den Rand des Zerspringens drängt.

Aber noch einmal scheint es, als führte der Weg ein Stück zurück. 1906 immatrikuliert sich Heym als Student der Rechte an der Universität des idyllischen Würzburg. Er wird Mitglied des Corps Rhenania, spielt Student a la Kamerad“, dem es „eine besondere Freude“ bereitet habe, „auf Mensur zu stehen“, wie sich ein Kommilitone noch 1956 gerne an den fidelen Corps Bruder erinnert. Fröhlicher Naturbursche und hochverletzlicher Einzelgänger – welch eine sonderbare Doppelexistenz!

Mensur, Ergo bibamus und Salamander ex!: Studentenleben der Jahrhundertwende, dem auch Heym nicht entgehen konnte, am Anfang gar nicht entgehen wollte: „Manneskraft lebe!“ Erst allmählich wird das Ritual zur Qual, das Grinsen des „flotten Burschen“ zur Maske. Schon in Würzburg mahnt er sich im Tagebuch: „Bald wirds Zeit, Nietzsche seinen Schritt nachzutun. Nur hatte er es viel leichter. Ich lebe zu Hause in korpsstudentischen Kreisen und Anschauungen. Da mit einem Mal hinaus, alles hinter sich abzubrechen – Als Feigling verschrieen zu werden, überall verachtet zu werden, es wäre zuviel “ Es ist dieses „Zuhause“, dem er bis zu seinem Tod im Eis nicht entkommen sollte. Und selbst, als er mit dem Austritt aus der Verbindung am Ende seiner Würzburger Zeit versucht, „Nietzsche, seinen Schritt endlich nachzutun“, bleibt er in den „korpsstudentischen Kreisen und Anschauungen“, im „Zuhause“ gefangen.

Dieses „Zuhause“, das ist vor allem der Vater, den in seinem Tagebuch zu beschimpfen, Georg nicht müde wird. Doch woher der Sohneszorn? Hermann Heym war kaum der Tyrann, als den Georg ihn hinstellt. Und wenn er gegenüber dessen Schreibereien sicherlich auch nicht viel mehr Verständnis aufbringt als Hermann Kafka der nächtlichen Produktion seines Erstgeborenen – so bemühlt er sich doch in vielem rührend, dem Sohn gefällig zu sein. Er war auch wohl eher ein sensibler Mann. Die Hinrichtungen, denen beizuwohnen er als Staatsanwalt verpflichtet war, ertrug er nicht. Ein Jahr lang zog er sich in ein Sanatorium zurück, seinen Aufgaben, den mörderischen Pflichten, die ihm der Staat auferlegte, nicht mehr gewachsen.

Doch um zu begreifen, wie ähnlich er wahrscheinlich dem Vater war, dazu blieb Georg ihm paradox genug – sein Leben lang zu nah. Nie hatte er sich ja von seiner Familie wirklich gelöst, immer wieder war er, nach Würzburg, nach einem kurzen Semester in Jena auch, in die elterliche Wohnung zurückgekehrt. Der Versuch, sich als „meublierter Herr“ zu etablieren, scheiterte schon aus Geldmangel – nach einem Monat kläglich.

Ein Leben im Schoß der Familie – von außen sah das so aus: „Als ich an einem heißen Sommertag in die Wohnung seiner Eltern kam“, berichtet der Freund David Baumgardt, „öffnete mir (die dann einfach zurück. Da saß er nackt, eine blutrote Schärpe nur lose über den Leib gebunden und brummte laut: Immer rin in de jute Stube; ik bin der wandelnde Nagel am Sarge von meiner Familie. Dann zeigte er mir ein Bild Rimbauds, unter das er mit großen Buchstaben Der Göttliche geschrieben hatte; und dazu fragte er mich, – was er öfters zu tun pflegte – ob sein letztes Gedicht, das er mir vorlesen wollte, nicht einen, neuen Ton hätte „

Von innen aber las sich das so: „Ich bin bei den Göttern nahe daran, wahnsinnig zur werden“, schreibt er im Dezember 1910 in sein Tagebuch. „Überhäuft mit einer gräßlichen Arbeit, voll Auswendigpaukens, daß mir der Schädel kracht, von kleinen Miseren jeglicher Art wie in einem Sumpf bedrengt. Quälerei, Elend, die dichterischen Bilder rauchen mir aus den Ohren heraus, statt, daß ich sie zu Papier bringe – Voll Biocitin vollgestopft. Entsetzliche Träume. Keine eigene Wohnung, Sexualverdrängung. Kurzum der ganze Vorhof des großen Tempels der Hysterie „

Biographische Details – und doch wichtig, so wichtig für das Werk, wie es die politischen Ereignisse der Zeit sind. Denn Heym war ja nicht der „Seher“, der „Visionär“, zu dem man ihn – vor allem nach dem Ersten Weltkrieg – stilisierte. Viele auch seiner großen Gedichte wie „Der Gott der Stadt oder „Der Krieg“ sind inspiriert von ganz bestimmten Bildern, die er gesehen hatte („Der Gott der Stadt“ zum Beispiel von einer Zeichnung Heinrich Kleys), oder von den neuesten Meldungen, die gerade die Zeitungsspalten füllten. Das Gedicht „Der Krieg“ etwa entsteht während der Marokko Krise im Sommer 1911, als das deutsche Panzerschiff „Panther“ vor Agadir manövriert, in Schußweite der französischen Besitzungen, und der Ausbruch des Krieges – des Krieges, der ja früher oder später kommen mußte – unmittelbar bevorzustehen schien. Und all seine Revolutionsphantasien (wie auch die Alpträume vom Erstarren und Lebendig begrabenWerden), all die Krüppel und Blinden, Fiebernden, Irren, die durch seine Gedichte und Novellen geistern – sind sie nicht auch Ausgeburten dieses Lebens in der Familiengruft? Nicht älter als „4, 5 Jahr“ wollte er werden – und etwas Kindliches, Kindisches auch, behält er bis zum Schluß. Immer wieder, auch zwischen den großartigen späten Gedichten taucht Schülerblödsinn auf, obszöne Witze, pubertärer Krampf (wie seine ziellose Ruhmsucht), Parodien aber auch des eigenen Pathos, wie in dem Gedicht „November“: „Der wilden Affenscheiße ganze Fülle Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten Auch hierin Echo einer Zeit, in der die Gesellschaft noch aus Untertanen bestand, besser oder schlechter situierten Bürgern, die sich ihrerseits wiederum ihre Untertanen hielten, tief unterhalb der Beletage, da, „wo die schweren Ruder die Schiffe streifen „

Eine Zeit, in der nichts mehr stimmt, – eine Stadt, in der nichts mehr stimmt: Längst ist die neue Reichskapitale eine der größten Industriestädte Europas, längst hat sich die Einwohnerzahl auf zwei Millionen vervielfacht, und längst haben riesige Mietskasernen Karrees Berlin in einen steinernen Moloch verwandelt – doch immer noch ist die Stadt Residenz, noch immer gibt es da ein pompöses Schloß in der Mitte, in dem ein Kaiser „Sein persönliches Regiment führte. Nichts stimmt mehr, die Uhren dieser Gesellschaft, dieses Staates sind stehengeblieben, während die Weltzeit davonzufliegen scheint. Die Jüngeren aber träumen von einem neuen Tempo, denn sie sehen, wie die Technik – und nicht nur die Technik – langsam das alte Gehäuse erschüttert.

Die Geburt des Expressionismus aus dem Geist des Wilhelminismus: Den „gigantischen Stumpfsinn der obligaten Gespräche an der Kommerstafel satt, die „Bier Ethik der akademischen Spießer“ leid, verlassen der Student Kurt Hiller und sieben weitere Freunde, darunter Erwin Loewenson und Jakob van Hoddis, ihre Verbindung, die „Freie Wissenschaftliche Vereinigung“, und gründen 1909 eben „Neuen Club“. Bald schon stößt Heym dazu.

Bei ihren Leseabenden, die sie in einer Mischung aus Ernst und groteskem Witz „Neopathetisches Cabaret“ nennen, sind auch Eise LaskerSchüler, Mynona, Ernst Blaß, Carl Einstein und viele andere der Neuen dabei. Für zwei Jahre, von 1910 bis 1912, wird hier Avantgarde gemacht, dann fliegt der Kreis auseinander, allzulange halten es Dichter ja selten miteinander aus.

Ihr Protest ist „vitalistisch“, nicht „politisch“. Ihr Hausgott heißt Nietzsche, nicht Marx oder Bakunin. Sie besingen „das Leben“, feiern „Orgien der Lebendigkeit“, schmähen Staat und Reichstag als vergreist und sehnen sich nach dem „Aufbruch“, egal wohin. Sie huldigen einer neuen Art von Manichäismus: für das gute Vitale, gegen das böse Senile. Sie gehören zu dem Beginn einer Bewegung, die man später die expressionistische nennen wird. Und es ist, nach über einem halben Jahrhundert Todesschlaf endlich eine neue Kunst. Vieles fließt, schmilzt hier zusammen: Jugendstil und Nacktkörperkultur, Fin de siede Deka denz und Wandervogelgeist, Negerplastik und Barocklyrik. Und über allem Zaratnustra.

Endlich waren die Freunde gefunden, die Gleichgesinnten, nach denen Heym sich immer gesehnt hatte. Endlich konnte es wenigstens probeweise, auf einem (Lese )Abend, gewagt werden: „Nietzsche seinen Schritt nachzutun“.

1911 erscheint bei Rowohlt der Gedichtband „Der ewige Tag, das einzige Buch Heyms zu seinen Lebzeiten. Es ist die erste Summe – und darin Meisterwerke wie der „Berlin“ Zyklus, Der Gott der Stadt“, „Die Dämonen der Städte“. Zum erstenmal wird hier in deutscher Sprache die moderne Großstadt Gedicht – nein, nicht bloß beschrieben, sondern in Bildern zum Leuchten gebracht, zum Bersten, zum Brennen. Der Gott der Stadt, das ist der Geist des Feuers, eine Energie, die sich selbst zerstört: „Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt „

Es ist nichts im Traum Geschautes, sondern das täglich in den Straßen der wilhelminischen Monsterstadt Berlin Gesehene, Erlebte: diese neue Kategorie von Lebensgier, Geschäftstrieb, Agressionslust. Und alles, die Arbeit, die Liebe, der Tod und das Vergnügen geschehen in einem neuen aberwitzigen Tempo: taumelnd, den Boden unter den Füßen verlierend, ein tödlicher Aufbruch aus der Wirklichkeit.

Daneben die Bilder des langsamen Sterbens. Daneben die Metaphern des Stillstands – die Zeit all ihrer falschen Säulen und Stuck Karyatiden, all der Orden- und Ehrentitel, all ihrer „Größe“ entkleidet, wie in dem Gedicht „Die Vorstadt“: „Es spielen Kinder, denen früh man brach die Gliederchen. Sie springen an den Krücken Wie Flöhe weit und humpeln voll Entzücken Um einen Pfennig einem Fremden nach „

Das aber ist nicht mehr die Sozialkritik des Naturalismus. Das „Ganze ist gemeint, nicht ein „Problem“. Gedichte wie „Die Vorstadt“, „Der Blinde“, „Das Fieberspital“ sprechen von der größeren Hoffnungslosigkeit, von einer existentiellen Erstarrung.

Die Kritik erkannte sofort den Rang Heyms. Ihm blieb keine Zeit mehr, noch zu Lebzeiten bekannt zu werden, verkannt wurde er keinen Augenblick lang. Es war vor allem die einzigartige, das Surreale streifende, doch dabei ganz konkret, ja detailversessen bleibende Sprache, ihr Rhythmus – oder sollte man sagen: ihre Magie? , der die Leser, die Kritiker, faszinierte.

Selbst da, wo die Bilderflut der Texte übermächtig anschwillt, da, wo es „kitschig“ wird: Es bleibt eine Unmittelbarkeit, Unberührbarkeit über Heyms Zeilen. Sie sind, wenn Kitsch, dann naiver Kitsch, kein sentimentaler, „Naiv wie ein Sopha“, hatte der Freund Erich Unger Heym einmal nannt. Es ist die Naivität der Einfachheit und Pathos zugleich, die Heyms Verse, zum Beispiel diese Zeilen, so unvergeßlich macht, unvergeßlich wie das Gedicht „To Autumn“ des John Keats: „O weites Land des Sommers und der Winde, Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten. Wo goldener Weizen reift und die Gebinde Des gelben Roggens trocknen in den Mieten “ Meine Produktion“, schreibt der cand iur. Georg Heym am 19. November 1910 in sein Tagebuch, „entwickelt sich jetzt folgendermaßen. Ich setze mich morgens an meinen Arbeitstisch. Ich schlage meine Scheiß ArschScheiß Sau juristische Scheiße auf, es geht dann so eine Weile fön, immer gesenkten Hauptes durch die Scheiße durch, bis ich plötzlich gezwungen werde zu dichten. Meine Fassungskraft für die juristische Scheiße ist eben zu Ende, mein Gehirn ist schon längst wieder mit dichterischen Bildern überfüllt, und ich setze mich hin und schreibe los „

Die „dichterischen Bilder“ – immer drängender, immer unvermittelte auch, stehen sie jetzt nebeneinander. Er schreibt Prosa; die sieben Novellen, die posthum, unter dem Titel „Der Dieb“, bei Rowohlt erscheinen, entstehen erst jetzt „Der fünfte Oktober“ (gemeint ist der 5. Oktober 1789, als das hungernde Volk von Paris nach Versailles aufbricht) ist eine einzige Bäderkette, ein Gedicht in Prosa. Heym erzählt nicht, er stellt Bild an Bild, sein Schreibtisch wird zum Schneidetisch. „Der fünfte Oktober“ erinnert, wie die anderen g etwas konventioneller gearbeiteten Texte des Bug- ches, an die Szenenfolgen, die sorgfältig arrangier rend im Film die Bilder zusammenwachsen zu eijj ner Geschichte, bleibt hier ein Rest Fremdheit, ein § kleiner Schwarzraum zwischen den einzelnen l „Aufnahmen“, bleibt die Komposition bei aller Dynamik der Metaphern seltsam starr.

l Auch in den Gedichten werden die Bilder jetzt c härter aneinander, gegeneinander montiert. Im < Frühjahr 1911 entsteht eines der schönsten der späten Sonette Heyms:

Printemps Ein Feldweg, der in weißen Bäumen träumt, In Kirschenblüten, zieht fern über Feld.

Die hellen Zweige, feierlich erhellt Zittern im Abend, wo die Wolke säumt, Ein düstrer Berg, den Tag mit goldnem Grat, Ganz hinten, wo ein kleiner Kirchturm blinkt. Des Glöckchen sanft im lichten Winde klingt Herüber goldnen Tons auf grüner Saat.

Ein Ackerer geht groß am Himmelsrand.

Davor, wie Riesen schwarz, der Stiere Paar, Ein Dämon vor des Himmels tiefer Glut.

Und eine Mühle faßt der Sonne Haar Und wirbelt ihren Kopf von Hand zu Hand Auf schwarzem Arm, der langsam sinkt, Das starre Tableau der ersten Zeilen bricht auf, der Blick geht in die Weite. Doch die Öffnung des Raums, die Perspektive, mündet in Zerstörung, schwarze Verwesung. Riesige Schatten fressen die Landschaft, der Horizont füllt sich mit Blut.

Doch hinter all dem Aktionismus, all der behaupteten Vitalität, hinter all der Aktion und dem mus noch alle hießen) – ist da nicht auch eine tiefe, ja: Passivität? Ein Wunsch weniger nach Befreiung als nach Erlösung, oder zumindest: im Moment der Befreiung erlöst zu werden? Befreit von diesem Leben, das man doch so hymnisch erfleht? Auch das Schreiben erscheint plötzlich nicht mehr als Kampf um Selbstbestimmung (durchaus auch in einem tieferen politischen Sinne) sondern um Selbstauslöschung „Kann ich schreiben: erlöst“, notiert Heym schon im Herbst 1908 in sein Tagebuch.

Vielleicht ist es diese Passivität, diese eigentliche Lebensunfähigkeit – Unfähigkeit auch, sich aus ihrer politischen Ohnmacht zu befreien , die nicht nur ihn, sondern so viele seiner Generation am Ende sogar den Krieg als „Erlösung“ herbeiwünschen läßt? Nun, immerhin dieser Wunsch ging in Erfüllung.

Heym hat ihn nicht mehr erlebt, aber fast alle die Freunde wurden von ihm und dem, was folgte, vernichtet oder vertrieben: Robert Jentzsch fiel in Frankreich, Jakob van Hoddis wurde 1942 von den Nazis ermordet, auch Hildegard Krohn, seine letzte, vielleicht einzige Liebe, kam in einem Vernichtungslager um. David Baumgardt, Erich Unger, Friedrich Koffka verließen Deutschland und kehrten nicht wieder. Kurt Hiller floh 1934 nach Prag, Erwin Loewenson nach Palästina, den Koffer voller Manuskripte Heyms. Er rettete das Werk und brachte es später nach Deutschland zurück, in das Land, aus dem er so schmählich verjagt worden war. Als 1942 die Frist für Georg Heyms Grabstätte auf dem Charlottenburger Luisenkirchhof ablief, war niemand mehr in Berlin, der sie hätte verlängern können. So wurde das Grab eingeebnet.

Die überlebenden Freunde behielten ihn in Erinnerung, wie sie ihn zuletzt gesehen hatten. Aufgebahrt in der kleinen Leichenhalle des Schildhorner Friedhofs im tief verschneiten Grunewald: Zwischen den grausig verstümmelten Überresten zweier junger Selbstmörder, die kurz zuvor aufgefunden worden waren, lag er da, mit rosigem Gesicht und nur um den Mund einen bitteren Zug als ob er schliefe, an den Füßen noch die Schlittschuhe.

Quelle: DIE ZEIT

 

Datum 30.10.1987 – 07:00 Uhr

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Quelle DIE ZEIT, 30.10.1987 Nr. 45

Kann ich schreiben: erlöst.

Nein, so war es ganz sicher nicht: daß sein Leben noch einmal an ihm vorübergezogen wäre in jenem Augenblick. Da klammerte er sich fest ans brechende Eis, krallte sich mit bloßen Händen ein in die harten Schollen und schrie, schrie um sein Leben. Die Waldarbeiter am Grunewaldufer hörten ihn doch wie sollten sie ihm helfen, in der einbrechenden Dämmerung, ohne Leitern und Stangen? Sie hörten ihn und schauten sich an, ratlos wahrscheinlich, zuckten die Schultern und machten, daß sie fertig wurden bis zum Feierabend und scherten sich weiter nicht drum. Während draußen auf der Havel einer ertränk, schreiend, heftig sich wehrend, verzweifelt gegen das Eis stoßend und sich windend im brennend kalten Wasser, das seine JÜeider füllte und an ihm zerrte.

Da zog nichts mehr vorüber, keine sentimentale, visionäre Sekunde lang, da wollte er nur leben. Und doch war es, als ob in dieser letzten halben Stunde im Leben des Georg Heym noch einmal alles aufschien, was dieses Leben schwer gemacht, das heißt, herausgefordert und gefoltert hatte: die Angst und der Zorn, die kindliche Lebensgier und die Verzweiflungslust.

Der Tod des Vierundzwanzigjährigen an jenem 16. Januar 1912 in der Havel: eine kleine Meldung am nächsten Morgen in der Zeitung. Ein Leben, das im Anfang endete, ein tödlicher Ausflug aufs Eis, natürlich abseits der „für Schlittschuhläufer polizeilich abgesteckten Fahrstraße“, ein Lebensabbruch, wie er tausendfach geschieht in jedem Jahr, an irgendeiner Leitplanke, auf irgendeiner Landstraße, bei irgendwelchen Waghalsigkeiten, zu denen die Räusche der Jugend verfuhren. Banal wie jeder Tod.

Doch einzigartig ist die Spur, die dieses kurze Leben gezogen hatte: ein literarisches Werk, das seinesgleichen nicht findet in der deutschen Litern tur dieses Jahrhunderts. Oder wie das Berliner Unglück in Grunewald so treffend wie schlicht beschloß: „Der ertrunkene Referendar Dr. Georg Heym war auch literarisch hervorgetreten, er hatte vor einiger Zeit einen Band Gedichte Das ewige Leben veröffentlicht, die Spuren einer schönen Begabung zeigten „

Ein Band Gedichte – viel mehr war damals nicht bekannt von Georg Heym. Wer konnte ahnen, was sich da in den Schubladen und Schränken seines Zimmers in der elterlichen Wohnung in Charlottenburg noch alles verbarg? Und ähnlich wie bei dem vollständigen Auftauchen des Kafkaschen Werkkontinents in den fünfziger Jahren war die Überraschung groß, als 1964 der Hamburger Literaturwissenschaftler Karl Ludwig Schneider (zusammen mit einer ganzen Schar von Mitarbeitern) die erste vorläufig endgültige Heym Ausgabe abschloß: fast zweitausend Seiten Gedichte, Novellen, Dramen, Manifeste, Tagebücher – eine schier unglaubliche Produktion für ein so kurzes Leben; allein die Lyrik der letzten zwei Jahre umfaßt fünfhundert Seiten – ohne die Hunderte von Skizzen und Entwürfen, die immer noch nicht veröffentlicht sind.

In der Staats- und Universitätsbibliothek der Hansestadt Hamburg wird der Nachlaß heute aufbewahrt: In großen Pappkästen lagern hier, in Mappen sorgfältig geordnet, etliche Stöße bräunlich gewordenen Papiers, über und über und kreuz und quer beschrieben mit dunkler, fliegender, fliehender Tintenschrift. Gedichtentwürfe, Novellenskizzen, Dramenfragmente – auf große Bögen, aber auch auf die Rückseiten von juristischen Referaten, Leihscheinen, Urkunden, Kondolenzbriefen, Festprogrammen und Werbezetteln gekritzelt. Der Nachlaß eines Graphomanen, eines Menschen, der sich zum Schreiben nicht zwingen mußte – der dazu gezwungen wurde, von wem oder was auch immer.

Blättert man, liest man in diesem Nachlaß, ahnt man plötzlich etwas von dem Druck, unter dem sich dieses Leben zu entfalten versuchte, spürt man noch heute die vielen kleinen Explosionen, die das Werk vorwärtstrieben zu immer kühnerer Sprache – immer eigener sich selber, immer fremder seiner „Großen Zeit“ und kleinen Welt. Da gibt es zum Beispiel das Programm des Festkommers zum hundertjährigen Bestehen der Berliner Universität, mit den Liedertexten des Abends: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ und „Ergo bibamus“ und „Manneskraft lebe! Wer nicht singen, trinken und lieben kann, den schaut der Bursch mit Mitleid an!“ Da gibt es einen Werbezettel des Deutschen Box Clubs, dessen Mitglied Heym war, für ein „Großes internationales Box Meeting: Jimmie Butler, das berühmte Bantamgewicht aus England, gegen Neger Fred Blunt“. Da gibt es den Veranstaltungskalender des zeitung, in der 1910 erstmals Gedichte von Heym erschienen: „Hurra!!! Wir leben noch!!“, eine „große Ausstattungsrevue in 7 Bildern“ im Metropol Theater und „Polnische Wirtschaft – Posse mit Gesang und Tanz“ im Thalia Theater und jeden Tag ein „Großes Militärkonzert“ in der Unions Brauerei auf der Hasenheide.

Da rutscht ein Brief hervor, ein Brief des Kommandeurs des Feldartillerie Regiments No. 72 „Hochmeister“ zu Marienwerder, in dem Oberstleutnant von Herrmann dem Vater „mit Bedauern“ mitteilen muß, „daß die Einstellung ihres Herrn Sohnes als Fahnenjunker im Regiment nicht möglich ist“. Und auf der Rückseite dieses Briefs ein paar Zeilen, wild und weit gezackt: „Hochtürmig, weit gezackt, in Himmel blaßrote Stiegen sie auf mit Dächern und Hörnerschall. Treppen hingen, die gegen den Himmel sprangen, Aber das Licht ging weich herab ihren Fall-der Entwurf für eines der schönsten späten Gedichte Heyms, „Heroische Landschaft“. Und während der Oberstleutnant einleuchtend darlegt, „daß zwar im Augenblick im Regiment einige Offiziersstellen unbesetzt“ seien, der „Offiziersbedarf“ jedoch „durch vorhandene Fähnriche und Fahnenjunker völlig gedeckt“ werde, kritzelt Heym weiter: „Und der Abend begann. Und die Brücken erhoben Über den steinernen Ufern, in dröhnendem Tor, Waren dunkel und schwarz, die in Trauer lohten, Und die Zungen der Schatten krochen die Straße empor „

Was für eine sonderbare Collage! Und zugleich eine exakte Illustration zu den Ausbrüchen im Tagebuch „Geschähe doch einmal etwas – Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren“, schreibt er im Sommer 1910 in seine Kladde, und ein Jahr später: „Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich garnicht denken „

In der Literatur gibt es keine Wunderkinder, niemanden, der mit sieben oder acht Jahren die Technik seiner Kunst so beherrscht wie ein Mozart oder ein Mendelssohn Bartholdy. Allenfalls gibt es Wunderjugendliche – das berühmteste Beispiel ist Rimbaud, der sein „Lebenswerk“ mit zwanzig abschloß. Heym schrieb seine berühmtesten Gedichte etwas später, zwischen seinem 22. und 24. Lebensjahr. Auch er war sicherlich kein Wunderkind. Und so genau wir über seine letzten Jahre Bescheid wissen – so genau, daß wir beinahe jedes Gedicht seiner Entstehungsstunde zurechnen und fast eine Lebenschronik „Tag für Tag“ a la Goethe zusammenstellen könnten – so wenig wissen wir über seine Kindheit, so unscharf bleiben die Jahre bis etwa zu seinem 14. Geburtstag, als die Familie nach Berlin zog.

Jahre in der Provinz: Der Vater, ein Staatsanwalt, wird oft versetzt. Von Hirschberg, wo Georg Heym im Oktober 1887 geboren worden war, nach Posen, später nach Gnesen, dann wieder Posen. Heym hat – außer einigen wenigen flüchtigen Bemerkungen – nichts mitgeteilt über diese Jahre, und es bleibt psychologischer Mutmaßung überlassen, herauszufinden, wie glücklich oder unglücklich sie waren „Ich hätte nie älter werden mögen wie vielleicht 4, 5 Jahr“, notiert Heym einmal in seih Tagebuch, doch ob er damit mehr als nur Heimweh nach Kindheit, nämlich auch das Heimweh nach der eigenen Kindheit meint, bleibt ungewiß.

Die erste Zeit in Berlin ist nur kurz: 1905 muß er wieder zurück in die Provinz, nach Neuruppin. Da er die Oberprima auf dem Joachimsthalschen Gymnasium nicht gepackt hat, wird er an die alte Oberschule der kleinen märkischen Stadt zwangsversetzt. Das Tagebuch, das er schon in Berlin begonnen hat, wird jetzt intensiver geführt, und es spiegelt weidlich die Qualen dieses letzten Schuljahrs „im Exil“, Leiden, die selbst die ersten großen Lieben (hier ist der Plural unumgänglich!), all die Berliner und Neuruppiner Emmis und Nellys und Stenzis und Tonis kaum zu lindern vermögen („Ob ich die Mädchen alle zu hoch einschätze? Ich bin geneigt, das Weib als Göttin aufzufassen. Das sind sie nicht. Aber Rätsel sind sie doch „).

In der Schule das brutale Regiment der humanistisch gebildeten Schleifer; es kommt zu Selbstmorden, auch Heyrn plagen düsterste Gedanken. Es ist jene bedrückende, trostlose, von Sadismus vergiftete Gymnasialatmosphäre der Jahrhundertwende, wie wir sie aus den „Schulromanen“ Hesses und Werfels und vieler anderer kennen, die sich ihr Gymnasiastentrauma von der Seele zu schreiben versuchten.

Immerhin: kleine Fluchten, heimliche Kneipabende mit den Corpsbrüdern der Verbindung und – das Werk „Arnold von Brescia“ heißt die historische Monumehtaltragödie, an der Heym arbeitet, abends zu Hause, das heißt zur Untermiete bei Superintendent Schmidt. Es ist das erste eines guten Dutzends von üppig verplüschten und verquasten Römer, Renaissance- und Revolutionsdramen, an denen Heym zeitlebens bastelte, ohne daß auch nur eines davon je aufgeführt worden wäre; die meisten blieben ohnehin „Fragment“. Doch hier, in der Arbeit an diesem Stück, übt er die Technik der Verdichtung, die Komposition der Bilder, den Rhythmus der Sätze.

Auch Gedichte entstehen in dieser Zeit, noch in Sütterlinschrift artig ins reine geschrieben. Noch durchzogen, seltsam versüßt vom Aroma eines nachempfundenen Jugendstils – George, Hofmannsthal, Rilke, stark verdünnt – und doch schon, im August 1905, neue Töne: „Es fallen drunten Hammerschläge In schwerem Zorn auf Felsen nieder. Aufknirscht im Dampf der Stahl der Säge, Und zucket gierig hin und wieder, Schwerer winden kreischend sich die Kräne, Grau stiebt der Staub und stäuben Späne „. Da ist schon, in diesem Gedicht („De profundis“) des Achtzehnjährigen, der eigene Ton noch eher kraftmeierisch als kraftvoll, noch schief, verspielt („stiebt der Staub und stäuben Späne“) und doch schon ganz erfaßt von der WortBild ballenden Energie, welche die späten Gedichte fast auseinanderreißt, an den Rand des Zerspringens drängt.

Aber noch einmal scheint es, als führte der Weg ein Stück zurück. 1906 immatrikuliert sich Heym als Student der Rechte an der Universität des idyllischen Würzburg. Er wird Mitglied des Corps Rhenania, spielt Student a la Kamerad“, dem es „eine besondere Freude“ bereitet habe, „auf Mensur zu stehen“, wie sich ein Kommilitone noch 1956 gerne an den fidelen Corps Bruder erinnert. Fröhlicher Naturbursche und hochverletzlicher Einzelgänger – welch eine sonderbare Doppelexistenz!

Mensur, Ergo bibamus und Salamander ex!: Studentenleben der Jahrhundertwende, dem auch Heym nicht entgehen konnte, am Anfang gar nicht entgehen wollte: „Manneskraft lebe!“ Erst allmählich wird das Ritual zur Qual, das Grinsen des „flotten Burschen“ zur Maske. Schon in Würzburg mahnt er sich im Tagebuch: „Bald wirds Zeit, Nietzsche seinen Schritt nachzutun. Nur hatte er es viel leichter. Ich lebe zu Hause in korpsstudentischen Kreisen und Anschauungen. Da mit einem Mal hinaus, alles hinter sich abzubrechen – Als Feigling verschrieen zu werden, überall verachtet zu werden, es wäre zuviel “ Es ist dieses „Zuhause“, dem er bis zu seinem Tod im Eis nicht entkommen sollte. Und selbst, als er mit dem Austritt aus der Verbindung am Ende seiner Würzburger Zeit versucht, „Nietzsche, seinen Schritt endlich nachzutun“, bleibt er in den „korpsstudentischen Kreisen und Anschauungen“, im „Zuhause“ gefangen.

Dieses „Zuhause“, das ist vor allem der Vater, den in seinem Tagebuch zu beschimpfen, Georg nicht müde wird. Doch woher der Sohneszorn? Hermann Heym war kaum der Tyrann, als den Georg ihn hinstellt. Und wenn er gegenüber dessen Schreibereien sicherlich auch nicht viel mehr Verständnis aufbringt als Hermann Kafka der nächtlichen Produktion seines Erstgeborenen – so bemühlt er sich doch in vielem rührend, dem Sohn gefällig zu sein. Er war auch wohl eher ein sensibler Mann. Die Hinrichtungen, denen beizuwohnen er als Staatsanwalt verpflichtet war, ertrug er nicht. Ein Jahr lang zog er sich in ein Sanatorium zurück, seinen Aufgaben, den mörderischen Pflichten, die ihm der Staat auferlegte, nicht mehr gewachsen.

Doch um zu begreifen, wie ähnlich er wahrscheinlich dem Vater war, dazu blieb Georg ihm paradox genug – sein Leben lang zu nah. Nie hatte er sich ja von seiner Familie wirklich gelöst, immer wieder war er, nach Würzburg, nach einem kurzen Semester in Jena auch, in die elterliche Wohnung zurückgekehrt. Der Versuch, sich als „meublierter Herr“ zu etablieren, scheiterte schon aus Geldmangel – nach einem Monat kläglich.

Ein Leben im Schoß der Familie – von außen sah das so aus: „Als ich an einem heißen Sommertag in die Wohnung seiner Eltern kam“, berichtet der Freund David Baumgardt, „öffnete mir (die dann einfach zurück. Da saß er nackt, eine blutrote Schärpe nur lose über den Leib gebunden und brummte laut: Immer rin in de jute Stube; ik bin der wandelnde Nagel am Sarge von meiner Familie. Dann zeigte er mir ein Bild Rimbauds, unter das er mit großen Buchstaben Der Göttliche geschrieben hatte; und dazu fragte er mich, – was er öfters zu tun pflegte – ob sein letztes Gedicht, das er mir vorlesen wollte, nicht einen, neuen Ton hätte „

Von innen aber las sich das so: „Ich bin bei den Göttern nahe daran, wahnsinnig zur werden“, schreibt er im Dezember 1910 in sein Tagebuch. „Überhäuft mit einer gräßlichen Arbeit, voll Auswendigpaukens, daß mir der Schädel kracht, von kleinen Miseren jeglicher Art wie in einem Sumpf bedrengt. Quälerei, Elend, die dichterischen Bilder rauchen mir aus den Ohren heraus, statt, daß ich sie zu Papier bringe – Voll Biocitin vollgestopft. Entsetzliche Träume. Keine eigene Wohnung, Sexualverdrängung. Kurzum der ganze Vorhof des großen Tempels der Hysterie „

Biographische Details – und doch wichtig, so wichtig für das Werk, wie es die politischen Ereignisse der Zeit sind. Denn Heym war ja nicht der „Seher“, der „Visionär“, zu dem man ihn – vor allem nach dem Ersten Weltkrieg – stilisierte. Viele auch seiner großen Gedichte wie „Der Gott der Stadt oder „Der Krieg“ sind inspiriert von ganz bestimmten Bildern, die er gesehen hatte („Der Gott der Stadt“ zum Beispiel von einer Zeichnung Heinrich Kleys), oder von den neuesten Meldungen, die gerade die Zeitungsspalten füllten. Das Gedicht „Der Krieg“ etwa entsteht während der Marokko Krise im Sommer 1911, als das deutsche Panzerschiff „Panther“ vor Agadir manövriert, in Schußweite der französischen Besitzungen, und der Ausbruch des Krieges – des Krieges, der ja früher oder später kommen mußte – unmittelbar bevorzustehen schien. Und all seine Revolutionsphantasien (wie auch die Alpträume vom Erstarren und Lebendig begrabenWerden), all die Krüppel und Blinden, Fiebernden, Irren, die durch seine Gedichte und Novellen geistern – sind sie nicht auch Ausgeburten dieses Lebens in der Familiengruft? Nicht älter als „4, 5 Jahr“ wollte er werden – und etwas Kindliches, Kindisches auch, behält er bis zum Schluß. Immer wieder, auch zwischen den großartigen späten Gedichten taucht Schülerblödsinn auf, obszöne Witze, pubertärer Krampf (wie seine ziellose Ruhmsucht), Parodien aber auch des eigenen Pathos, wie in dem Gedicht „November“: „Der wilden Affenscheiße ganze Fülle Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten Auch hierin Echo einer Zeit, in der die Gesellschaft noch aus Untertanen bestand, besser oder schlechter situierten Bürgern, die sich ihrerseits wiederum ihre Untertanen hielten, tief unterhalb der Beletage, da, „wo die schweren Ruder die Schiffe streifen „

Eine Zeit, in der nichts mehr stimmt, – eine Stadt, in der nichts mehr stimmt: Längst ist die neue Reichskapitale eine der größten Industriestädte Europas, längst hat sich die Einwohnerzahl auf zwei Millionen vervielfacht, und längst haben riesige Mietskasernen Karrees Berlin in einen steinernen Moloch verwandelt – doch immer noch ist die Stadt Residenz, noch immer gibt es da ein pompöses Schloß in der Mitte, in dem ein Kaiser „Sein persönliches Regiment führte. Nichts stimmt mehr, die Uhren dieser Gesellschaft, dieses Staates sind stehengeblieben, während die Weltzeit davonzufliegen scheint. Die Jüngeren aber träumen von einem neuen Tempo, denn sie sehen, wie die Technik – und nicht nur die Technik – langsam das alte Gehäuse erschüttert.

Die Geburt des Expressionismus aus dem Geist des Wilhelminismus: Den „gigantischen Stumpfsinn der obligaten Gespräche an der Kommerstafel satt, die „Bier Ethik der akademischen Spießer“ leid, verlassen der Student Kurt Hiller und sieben weitere Freunde, darunter Erwin Loewenson und Jakob van Hoddis, ihre Verbindung, die „Freie Wissenschaftliche Vereinigung“, und gründen 1909 eben „Neuen Club“. Bald schon stößt Heym dazu.

Bei ihren Leseabenden, die sie in einer Mischung aus Ernst und groteskem Witz „Neopathetisches Cabaret“ nennen, sind auch Eise LaskerSchüler, Mynona, Ernst Blaß, Carl Einstein und viele andere der Neuen dabei. Für zwei Jahre, von 1910 bis 1912, wird hier Avantgarde gemacht, dann fliegt der Kreis auseinander, allzulange halten es Dichter ja selten miteinander aus.

Ihr Protest ist „vitalistisch“, nicht „politisch“. Ihr Hausgott heißt Nietzsche, nicht Marx oder Bakunin. Sie besingen „das Leben“, feiern „Orgien der Lebendigkeit“, schmähen Staat und Reichstag als vergreist und sehnen sich nach dem „Aufbruch“, egal wohin. Sie huldigen einer neuen Art von Manichäismus: für das gute Vitale, gegen das böse Senile. Sie gehören zu dem Beginn einer Bewegung, die man später die expressionistische nennen wird. Und es ist, nach über einem halben Jahrhundert Todesschlaf endlich eine neue Kunst. Vieles fließt, schmilzt hier zusammen: Jugendstil und Nacktkörperkultur, Fin de siede Deka denz und Wandervogelgeist, Negerplastik und Barocklyrik. Und über allem Zaratnustra.

Endlich waren die Freunde gefunden, die Gleichgesinnten, nach denen Heym sich immer gesehnt hatte. Endlich konnte es wenigstens probeweise, auf einem (Lese )Abend, gewagt werden: „Nietzsche seinen Schritt nachzutun“.

1911 erscheint bei Rowohlt der Gedichtband „Der ewige Tag, das einzige Buch Heyms zu seinen Lebzeiten. Es ist die erste Summe – und darin Meisterwerke wie der „Berlin“ Zyklus, Der Gott der Stadt“, „Die Dämonen der Städte“. Zum erstenmal wird hier in deutscher Sprache die moderne Großstadt Gedicht – nein, nicht bloß beschrieben, sondern in Bildern zum Leuchten gebracht, zum Bersten, zum Brennen. Der Gott der Stadt, das ist der Geist des Feuers, eine Energie, die sich selbst zerstört: „Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt „

Es ist nichts im Traum Geschautes, sondern das täglich in den Straßen der wilhelminischen Monsterstadt Berlin Gesehene, Erlebte: diese neue Kategorie von Lebensgier, Geschäftstrieb, Agressionslust. Und alles, die Arbeit, die Liebe, der Tod und das Vergnügen geschehen in einem neuen aberwitzigen Tempo: taumelnd, den Boden unter den Füßen verlierend, ein tödlicher Aufbruch aus der Wirklichkeit.

Daneben die Bilder des langsamen Sterbens. Daneben die Metaphern des Stillstands – die Zeit all ihrer falschen Säulen und Stuck Karyatiden, all der Orden- und Ehrentitel, all ihrer „Größe“ entkleidet, wie in dem Gedicht „Die Vorstadt“: „Es spielen Kinder, denen früh man brach die Gliederchen. Sie springen an den Krücken Wie Flöhe weit und humpeln voll Entzücken Um einen Pfennig einem Fremden nach „

Das aber ist nicht mehr die Sozialkritik des Naturalismus. Das „Ganze ist gemeint, nicht ein „Problem“. Gedichte wie „Die Vorstadt“, „Der Blinde“, „Das Fieberspital“ sprechen von der größeren Hoffnungslosigkeit, von einer existentiellen Erstarrung.

Die Kritik erkannte sofort den Rang Heyms. Ihm blieb keine Zeit mehr, noch zu Lebzeiten bekannt zu werden, verkannt wurde er keinen Augenblick lang. Es war vor allem die einzigartige, das Surreale streifende, doch dabei ganz konkret, ja detailversessen bleibende Sprache, ihr Rhythmus – oder sollte man sagen: ihre Magie? , der die Leser, die Kritiker, faszinierte.

Selbst da, wo die Bilderflut der Texte übermächtig anschwillt, da, wo es „kitschig“ wird: Es bleibt eine Unmittelbarkeit, Unberührbarkeit über Heyms Zeilen. Sie sind, wenn Kitsch, dann naiver Kitsch, kein sentimentaler, „Naiv wie ein Sopha“, hatte der Freund Erich Unger Heym einmal nannt. Es ist die Naivität der Einfachheit und Pathos zugleich, die Heyms Verse, zum Beispiel diese Zeilen, so unvergeßlich macht, unvergeßlich wie das Gedicht „To Autumn“ des John Keats: „O weites Land des Sommers und der Winde, Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten. Wo goldener Weizen reift und die Gebinde Des gelben Roggens trocknen in den Mieten “ Meine Produktion“, schreibt der cand iur. Georg Heym am 19. November 1910 in sein Tagebuch, „entwickelt sich jetzt folgendermaßen. Ich setze mich morgens an meinen Arbeitstisch. Ich schlage meine Scheiß ArschScheiß Sau juristische Scheiße auf, es geht dann so eine Weile fön, immer gesenkten Hauptes durch die Scheiße durch, bis ich plötzlich gezwungen werde zu dichten. Meine Fassungskraft für die juristische Scheiße ist eben zu Ende, mein Gehirn ist schon längst wieder mit dichterischen Bildern überfüllt, und ich setze mich hin und schreibe los „

Die „dichterischen Bilder“ – immer drängender, immer unvermittelte auch, stehen sie jetzt nebeneinander. Er schreibt Prosa; die sieben Novellen, die posthum, unter dem Titel „Der Dieb“, bei Rowohlt erscheinen, entstehen erst jetzt „Der fünfte Oktober“ (gemeint ist der 5. Oktober 1789, als das hungernde Volk von Paris nach Versailles aufbricht) ist eine einzige Bäderkette, ein Gedicht in Prosa. Heym erzählt nicht, er stellt Bild an Bild, sein Schreibtisch wird zum Schneidetisch. „Der fünfte Oktober“ erinnert, wie die anderen g etwas konventioneller gearbeiteten Texte des Bug- ches, an die Szenenfolgen, die sorgfältig arrangier rend im Film die Bilder zusammenwachsen zu eijj ner Geschichte, bleibt hier ein Rest Fremdheit, ein § kleiner Schwarzraum zwischen den einzelnen l „Aufnahmen“, bleibt die Komposition bei aller Dynamik der Metaphern seltsam starr.

l Auch in den Gedichten werden die Bilder jetzt c härter aneinander, gegeneinander montiert. Im < Frühjahr 1911 entsteht eines der schönsten der späten Sonette Heyms:

Printemps Ein Feldweg, der in weißen Bäumen träumt, In Kirschenblüten, zieht fern über Feld.

Die hellen Zweige, feierlich erhellt Zittern im Abend, wo die Wolke säumt, Ein düstrer Berg, den Tag mit goldnem Grat, Ganz hinten, wo ein kleiner Kirchturm blinkt. Des Glöckchen sanft im lichten Winde klingt Herüber goldnen Tons auf grüner Saat.

Ein Ackerer geht groß am Himmelsrand.

Davor, wie Riesen schwarz, der Stiere Paar, Ein Dämon vor des Himmels tiefer Glut.

Und eine Mühle faßt der Sonne Haar Und wirbelt ihren Kopf von Hand zu Hand Auf schwarzem Arm, der langsam sinkt, Das starre Tableau der ersten Zeilen bricht auf, der Blick geht in die Weite. Doch die Öffnung des Raums, die Perspektive, mündet in Zerstörung, schwarze Verwesung. Riesige Schatten fressen die Landschaft, der Horizont füllt sich mit Blut.

Doch hinter all dem Aktionismus, all der behaupteten Vitalität, hinter all der Aktion und dem mus noch alle hießen) – ist da nicht auch eine tiefe, ja: Passivität? Ein Wunsch weniger nach Befreiung als nach Erlösung, oder zumindest: im Moment der Befreiung erlöst zu werden? Befreit von diesem Leben, das man doch so hymnisch erfleht? Auch das Schreiben erscheint plötzlich nicht mehr als Kampf um Selbstbestimmung (durchaus auch in einem tieferen politischen Sinne) sondern um Selbstauslöschung „Kann ich schreiben: erlöst“, notiert Heym schon im Herbst 1908 in sein Tagebuch.

Vielleicht ist es diese Passivität, diese eigentliche Lebensunfähigkeit – Unfähigkeit auch, sich aus ihrer politischen Ohnmacht zu befreien , die nicht nur ihn, sondern so viele seiner Generation am Ende sogar den Krieg als „Erlösung“ herbeiwünschen läßt? Nun, immerhin dieser Wunsch ging in Erfüllung.

Heym hat ihn nicht mehr erlebt, aber fast alle die Freunde wurden von ihm und dem, was folgte, vernichtet oder vertrieben: Robert Jentzsch fiel in Frankreich, Jakob van Hoddis wurde 1942 von den Nazis ermordet, auch Hildegard Krohn, seine letzte, vielleicht einzige Liebe, kam in einem Vernichtungslager um. David Baumgardt, Erich Unger, Friedrich Koffka verließen Deutschland und kehrten nicht wieder. Kurt Hiller floh 1934 nach Prag, Erwin Loewenson nach Palästina, den Koffer voller Manuskripte Heyms. Er rettete das Werk und brachte es später nach Deutschland zurück, in das Land, aus dem er so schmählich verjagt worden war. Als 1942 die Frist für Georg Heyms Grabstätte auf dem Charlottenburger Luisenkirchhof ablief, war niemand mehr in Berlin, der sie hätte verlängern können. So wurde das Grab eingeebnet.

Die überlebenden Freunde behielten ihn in Erinnerung, wie sie ihn zuletzt gesehen hatten. Aufgebahrt in der kleinen Leichenhalle des Schildhorner Friedhofs im tief verschneiten Grunewald: Zwischen den grausig verstümmelten Überresten zweier junger Selbstmörder, die kurz zuvor aufgefunden worden waren, lag er da, mit rosigem Gesicht und nur um den Mund einen bitteren Zug als ob er schliefe, an den Füßen noch die Schlittschuhe.

Quelle: DIE ZEIT http://www.zeit.de/1987/45/kann-ich-schreiben-erloest/komplettansicht