Jan Sternberg veröffentlichte am 5.10.2013 folgenden Artikel in der Beilage „Der 7. Tag“ der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Der Artikel ist mit Fotos von Alexander Korner ergänzt.

Bierexzesse, Seilschaften, Nationalismus und Schmisse: Studentenverbindungen haben keinen guten Ruf. Dabei ist die Szene sehr unterschiedlich — und tief gespalten. Wie lebt es sich im Verbindungshaus? Ein WG-Besuch.

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Die tiefen roten Ledersessel erinnern an einen englischen Club, an den Wänden des Corpshauses prangen Geweihe, Säbel und Reichskanzler Otto von Bismarck in Öl. Im Treppenhaus hängt eine schwarz-weiß-rote Fahne. Im trutzigen Haus der Studentenverbindung Saxonia in Hannovers Nordstadt, erbaut 1911, scheint das Kaiserreich noch zu leben. Nicht überall indes: Im holzgetafelten Ballsaal glitzert eine Diskokugel unterm Kronleuchter.

Studentenverbindungen gelten als Hort verschwiegener Männerbünde mit dem Hang zu Exzessen, alkoholischen und nationalistischen. Die Szene ist. seit Jahren in Aufruhr: die Burschenschaften fechten heftige Flügelkämpfe zwischen konservativ-liberalen und rechts-nationalistischen Gruppen aus. Die Corps wieder distanzieren sich von den Burschenschaften, sie sehen sich als explizit unpolitisch. Den linken Gruppen an den Unis gelten alle Verbindungen gleichermaßen als Feindbild.

Jetzt beginnt das Wintersemester, alle Studierenden auf Wohnungssuche kennen die günstigen Angebote für WG-Zimmer, die sich erst auf Nachfrage als Verbindungshaus entpuppen. Wer lebt hinter den historischen Mauern dieser Hauser – und warum?

Zwei junge Herren mit adretten Frisuren und Sakkos, Albrecht von Moltke und Dietrich Muchamediew, versuchen zu erklären, was sie an diesem Lebensstil reizt. Von Moltke trägt über weißem Hemd und dunklen Sakko das schwarz-weiße Fuchsenband des Corps Saxonia, das Mitglieder auf Probe kennzeichnet. Sein Großvater war auch Corpsstudent, die holzgetäfelte Welt dieser Männerbünde ist dem angehenden Juristen Moltke nicht fremd. Er spricht von Gemeinschaft, von Umgangsformen, die einem hier beigebracht würden. Muchamediew stimmt ihm zu. Er kommt aus Bielefeld, aber geboren wurde er in Kirgisien. Seine Eltern kamen mit ihm nach Ostwestfalen, als er ein kleiner Junge war. Er trägt ein schwarz-weiß-grünes Band. ist aktives Mitglied und Funktionsträger seiner Verbindung. In die Saxonia-Villa kam er, weil er ein günstiges Zimmer in Hannover suchte. 13 Studentenbuden vermietet die Verbindung im Dachgeschoss, mit Gemeinschaftsküche und drahtlosem Internet für insgesamt 160 bis 250 Euro pro Monat.

Im neuen Semester sind alle Zimmer vermietet, die Wohnungsnot ist wie in allen Studentenstädten groß. Die Mieteinnahmen helfen dabei, das Haus zu erhalten. Aber die Angebote günstiger Zimmer in einer Männer-WG, wie sie alle Verbindungen schalten, erfüllen klassischerweise einen anderen, wichtigen Zweck: Über sie können die Verbindungen am einfachsten Kontakte herstellen und Füchse fangen. Ein Fuchs ist ein Neumitglied auf Probe. Wer sich auf eine Anzeige meldet, ist schnell beeindruckt von der holzgetäfelten Herrlichkeit der Saxonia. Von den dunklen Wänden der Kneipe, in der die Aktiven ihre Versammlungen abhalten, beobachtet von allen 900 Vorgängern seit 1852. Kleine Porträts von ihnen säumen die Wände, die ersten Jahrgange als Scherenschnitte, die neueren als Fotografien.

Ein junger Mann ist gerade neu eingezogen, noch tragt er Hawaiihemd statt Sakko und Fuchsenband, noch ist er kein Mitglied der Verbindung. Ihn fasziniert das Ambiente, die Kontakte, sogar das Fechten. Aber seinen richtigen Namen möchte der dunkelhäutige Studienanfänger im Fach Internationales Management lieber nicht nennen. Wenn er in Hannover gefragt wird, wo er wohnt, sagt er meistens lieber noch „In der Nordstadt, mit mehreren zusammen“, als dass er sich als Verbindungsstudent outet. Aber er fühlt sich wohl im Kreise der Saxonia-Corpsbrüder. „Man merkt hier: Die sind alle ambitioniert. die wollen was reißen.“ Für seine spätere Karriere sei solch ein Netzwerk mit Sicherheit nicht schlecht: „Dadurch bekomme ich Anknüpfungspunkte in ganz Deutschland.“

Den Corps geht es wieder richtig gut

Der Comment, das Regelwerk der Corps, schreibt vor: Gäste werden höflich gesiezt, Corpsbrüder werden geduzt, unabhängig von Alter und Stand. „Wenn ich vor einem Unternehmensvorstand stehe, der Korpsstudent war, habe ich gleich einen ganz anderen Zugang“, erläutert Lukas Rebentisch, sogenannter Vorortsprecher der Corps des Weinheimer Verbandes. Das ist einer der zwei Dachverbände der studentischen Korporationen, der Vorsitz wechselt jedes Jahr, zurzeit wird der Verband von Hannover aus geführt.

Werden in den Corps also Seilschaften geknüpft, haben Verbindungsstudenten einen unfairen Startvorteil im Arbeitsleben? Falco Schickerling weist das zurück. Er ist Alter Herr der Saxonia und Rechtsanwalt in Hannover „Wenn wir einen Anwalt einstellen wollen, schaue ich, ob es jemanden im Corps gibt, der zu uns passt“, sagt er. „Aber der muss sich dann ganz normal bewerben.“ Die Vorteile einer Verbindung seien andere: „Der Zweck des Corps ist traditionell, Männer an das Leben heranzuführen. Sie sollen sich in allen Lebenslagen zurechtfinden.“ Die Alten Herren seien dabei Vorbilder und Tippgeber, Wegbereiter allerdings nur eingeschränkt.

Die Grundsätze der Corps stammen wie ihre Rituale aus dem 19. Jahrhundert. Da sammelten sich die studierenden Sprösslinge des Adels in den Corps, nicht in den allzu dubiosen Burschenschaften. Die Kronprinzen der deutschen Kleinstaaten besuchten sie, man trank und stellte das Kabinett für die Zukunft zusammen. Die Zeiten sind lange vorbei, heute redet man von „soft skills“, von einer „sozialen Ausbildung“, gerne auch von Führungsqualitäten. Viele halten das für dubios. „Abseits des Mainstreams und gleichzeitig überangepasst“ seien Verbindungsstudenten, sagt die Gießener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth, deren Forschungsthema die akademischen Männerbünde sind (siehe Interview).

In guter Gesellschaft - mit 900 Vorgängern

In guter Gesellschaft – mit 900 Vorgängern

Standhaft in allen Lebenslagen zu sein – das lernen Verbindungsstudenten nach wie vor in der Kneipe und auf dem Paukboden. Zwar gehören Alkoholexzesse nicht unbedingt zum guten Ton, Trinkrituale wie der „Bierjunge“ (siehe Glossar) werden dennoch gerne gepflegt. Und das Fechten ist und bleibt unverzichtbar. Es ist die ultimative Mutprobe, dreimal mindestens muss bei der Saxonia jeder zu den sogenannten Bestimmungsmensuren in den Ring steigen, geschützt durch Kettenhemd, Halskrause und Paukbrille. 40 Gänge a vier Hiebe werden gefochten, zwei Sekundanten, zwei Ärzte und ein Schiedsrichter stehen dabei, nach gut zehn Minuten ist alles vorbei. Schmisse gibt es selten, und wenn, dann unfreiwillig „Das ist kein Statussymbol mehr“, sagt Alter Herr Schickerling, „sondern heutzutage meist nur noch ein Zeichen dafür, dass die Deckung nicht dicht war.“

„Schlagende Verbindung“ ist ein Reizwort. Was hinter den Mauern der Verbindungshäuser vor sich geht, bleibt normalerweise nach außen verborgen. Die Männerwelt der Couleur-Szene riecht nach Bier, Seilschaften und reaktionärem Muff. Alle Verbindungsstudenten sind Burschenschafter und alle Burschenschafter sind Neonazis, so einfach machen es sich viele. Auch die Corpshäuser in der Nordstadt wurden regelmäßig angegriffen, mit Steinen, Farbeiern oder Buttersäure. Viele Burschenschaften igeln sich ein. Die Corps nicht; sie nutzen ihre Chance, geben sich offen für Presseanfragen, gewähren Zugang.

In derselben Straße wie die Saxonia residiert das Corps Slesvico-Holsatia. Marcel Weste ist stellvertretender Vorortsprecher des Corpsverbandes, er bietet erst einmal ein Hefeweizen an. Weste trägt sogar zwei Bander um den Oberköper geschlungen, das schwarz-rot-goldene seiner ersten Studentenverbindung in Magdeburg, dazu das rot-weiß-blaue der Slesvico-Holsatia in Hannover. Hier studiert Weste, der aus dem Ostharz stammt, Wirtschaftsingenieurwesen. Weste ist seit seiner Schulzeit fasziniert von der Verbindungsszene. Ihn reizen die Geschichte, die Traditionen, die Rituale. „Slesvico-Holsatia sei’s Panier“, steht auf den Schmucktellern in der Schauvitrine auf dem Paukboden. Kopfattrappen aus alten Autoreifen dienen hier, genau wie in der Saxonia, zum Fechttraining. Die Slesvico-Holsatia ist eine pflichtschlagende Verbindung, wie alle Corps. Auch die konservativen Burschenschaften definieren sich über die Mensur. Die wichtigen Unterschiede sind andere.

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Die Corps sind tendenziell konservativ und elitär, aber sie halten sich explizit aus der Parteipolitik heraus. „Unser oberster Grundsatz ist die Toleranz“, erklärt Weste. „Corps und Burschenschaften, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, erklärt Albrecht Fehlig, Pressesprecher aller 160 Corps im deutschsprachigen Raum. Doch die Szene ist zu klein, um sich komplett aus dem Weg zu gehen. Um genügend passende Gegner für die Mensuren zu haben, fechten Burschen und Corpsstudenten gegeneinander. Und beim „Bummeln“, den „Couleurbesuchen“, bei denen man die Biervorräte der anderen Verbindungen dezimiert, war auch Marcel Weste oft genug bei Burschenschaften zu Gast. Wenn dort aber zu später Stunde das Horst-Wessel-Lied angestimmt und die NPD gelobt wurde, habe er sich ganz schnell verabschiedet. Die Burschenschaft Dresdensia-Rugia ist bei den Corps in Hannover „in Verruf“, sagt Weste, jegliche Kontakte seien verboten. Sie ist ein Ableger einer Gießener Burschenschaft, zu der prominente NPD-Mitglieder gehören. Diese wird vom hessischen Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestuft. Über ihren Ableger in Hannover sagt der niedersächsische Verfassungsschutz-Sprecher Frank Rasche, der Behörde seien Verbindungen zur rechtsextremen Szene bekannt.

„Braunbuxen“ nennt der Burschenschaften-Aussteiger Christian Becker die Rechtsextremen mit Verbindungsband. Seit 2012 bloggt er über rechtsextreme Umtriebe in der Szene. 20 Jahre war er Mitglied der Burschenschaft der Alten Raczeks zu Bonn. Er kehrte den Raczeks den Rücken, nachdem diese 2011 auf dem Burschentag in Eisenach den „Ariernachweis“ für Mitglieder gefordert hatten – sie weigerten sich, einen chinesisch stämmigen Studenten als Verbandsbruder zu akzeptieren. Die Affäre warf ein grelles Licht auf die Szene. Burschenschaften seien seit Mitte der neunziger Jahre nicht nur weit nach rechtsaußen gerückt, sondern teilweise gar von Rechtsextremen unterwandert worden, sagt Becker. Die Infrastruktur ist schließlich äußerst reizvoll: Häuser in besten Lagen, Zugang zum akademischen Milieu, Geld und Kontakte. Haben sich die Braunbuxen erst einmal in einer Verbindung festgesetzt, „kriegen Sie die nicht mehr so einfach raus“, sagt Aussteiger Becker.

Herzstück des Verbindungshauses: Die KneipeSeit der „Ariernachweis“-Affäre sind inzwischen 35 Burschenschaften aus dem rechtslastigen Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ ausgetreten. Die Spaltung der Szene wird sich bald verfestigen: Am kommenden Wochenende treffen sich die liberalen und konservativ-liberalen Burschen zu den traditionellen „Deutschlandgesprächen“ in Jena. Da hören sie nicht nur den Gastvortrag von CDU-Präsidiumsmitglied Erik Bertram, Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS). Sie bereiten auch die Gründung eines weiteren Dachverbandes vor, der den Namen „ Burschenschaftlicher Verband“ tragen soll. Der wird sich weiterhin als politisch konservativ verstehen, sagt Michael Schmidt von der Stuttgarter Burschenschaft Hilaritas. Gänzlich vom völkischen Prinzip will der neue Verband sich auch nicht trennen. „Abstammung ist ein Kriterium“, sagt Schmidt der HAZ. „Das Bekenntnis zum deutschen Patriotismus und den Idealen der Burschenschaften können aber auch Menschen aus anderen Kulturkreisen ablegen“, sagt Schmidt. Vor allem soll jede Verbindung selbst entscheiden können, wen sie aufnimmt. „Und das haben die anderen dann zu respektieren.“

Die Corps haben diese Diskussionen schon lange hinter sich. Bereits in den sechziger Jahren nahm die Saxonia in Hannover den ersten asiatischstämmigen Aktiven auf. Durch den liberalen Zeitgeist geriet die traditionelle Welt der Corps dann vier Jahrzehnte ins Hintertreffen. Nun ändert sich das wieder, glaubt Christian Possienke, Alter Herr der Saxonia und designierter Vorsitzender des Altherrendachverbandes der Weinheimer Corps. Dass sich die studentische Tradition überlebt haben könnte, glaubt er nicht. „Den meisten Corps geht es heute richtig gut, und die Mitgliederzahlen steigen.“

Was ist das denn?

Alter Herr I Mitglieder von Burschenschaften oder Corps, die ihr Studium abgeschlossen haben. Alte Herren finanzieren die Häuser für die Aktiven und sind Ansprechpartner in Uni oder Karrierefragen.

Bier I Zentralbegriff. Studentenverbindungen sind ohne B. nicht vorstellbar.

Bierjunge I Wett-Trinken als Parodie auf Mensur und Duell. Streng nach Form sehr zeitaufwendig mit Ritual und Schiedsrichter durchgeführt, vereinfacht durch simples Wett-Exen.

Burschenschaft I Seit 1815 existierende Form der Studentenverbindung. Burschenschaften waren eine der treibenden Kräfte der gescheiterten Revolution von 1848. Ihre Ideale waren bürgerlich und vaterländisch, später zunehmend deutsch-national. Aktuell ist die Szene der Burschenschaften gespalten: Seit der Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) an den äußersten rechten Rand gerückt ist, sind aktuell 35 Burschenschaften aus der DB ausgetreten. Die Gründung eines neuen Dachverbandes (neben der 1996 abgespaltenen „Neuen Deutschen Burschenschaft“) ist in Vorbereitung.

Buxe I leicht abfällige Bezeichnung für Burschenschafter, gerne von Corpsstudenten verwendet.

Comment I (frz. für „Wie“) Studentisches Regelwerk, das für Corpsstudenten verbindlich ist.

Corps I Studentenverbindungen, deren Traditionen teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen und die sich von Burschenschaften abgrenzen. Im 19. Jahrhundert waren sie eher konservativ und Sammelbecken für adlige Studenten. Heute bezeichnen sie sich im Gegensatz zu Burschenschaften als explizit unpolitisch und tolerant, werden von diesen im Gegenzug als elitär bezeichnet. 160 Corps gibt es im deutschsprachigen Raum, sie sind in zwei Dachverbanden organisiert. Hier hat das Historische keine ideologischen Gründe.

Corpshund I Als Statussymbol hielten sich Corpsstudenten, die es sich leisten konnten, riesige Hunde. Auch Otto von Bismarck hielt bereits als Korpsstudent in Göttingen seine Doggen.

Fuchs / Fux I Neues Mitglied einer Verbindung in der Probezeit, vergleichbar mit dem „Prospect“ bei Motorradclubs. Muss eine „Fuchsenaufgabe“ erledigen, um vollwertiges Mitglied zu werden.

Kneipe I Festveranstaltung einer Studentenverbindung (größere Feste heißen „Kommers“). Sie findet in einem bestimmten Raum eines Verbindungshauses statt, in der Mitte stehen große Tische, an den Wänden hängen Scherenschnitte und Porträts aller Mitglieder seit Anbeginn. Das dreiköpfige Präsidium der Verbindung (die „Chargierten“) leitet die Veranstaltung, halt Reden und ordnet das Singen von Kommersliedern an.

Krambambuli I Ursprünglich ein intensiv roter Danziger Likör, später auch Bezeichnung für Glühwein oder Feuerzangenbowle. Auch: Kommerslied mit mehr als 100 Strophen.

Mensur I Studentisches Fechten mit scharfen Waffen und umfangreichen Schutzvorkehrungen. Alle Corps und die meisten Burschenschaften sind pflichtschlagend oder fakultativ schlagend. Christliche Studentenverbindungen, Frauen-Verbindungen und einige Burschenschaften sind nicht schlagend.

Paukboden I Übungsraum für das studentische Fechten, entweder unter Anleitung eines Fechtlehrers oder ohne in der täglichen „Paukstunde“.

Paukbrille I Stahl- und Lederbrille, die Augen, Nase und Ohren bei Mensuren schützt.

Salamander / Schoppensalamander I Besonders feierliche Form des Zutrinkens auf einer „Kneipe“ oder einem „Kommers“, besteht aus dem gemeinsamen Trinken, dem gemeinsamen Klappern der Trinkgefäße auf dem Tisch und dem synchronen Aufsetzen der Glaser, durchgeführt zur Ehrung von Gästen.

Schmiss I Bei der Mensur erhaltene Narbe, heute keine Auszeichnung mehr, sondern permanenter Beweis mangelhafter Fechtkünste.

Wichs I traditionelle festliche Bekleidung der Chargierten einer Verbindung zu offiziellen Anlassen.

Jan Sternberg

„Burschenschaftler stehen neben der Gesellschaft“

Warum sind Studentenverbindungen immer noch attraktiv?

Familientraditionen spielen immer noch eine große Rolle, Kontakte zu Kommilitonen auch. Der dritte Grund sind die Wohnmöglichkeiten, die Verbindungen auf 145 Häusern bieten. Die Quote derjenigen, die aus diesen Gründen eintreten und dann wieder austritt, ist aber relativ hoch. Wer allerdings in eine Burschenschaft eintritt, tut das immer auch aus einem politischen Interesse heraus, bei den Corps ist das eher nicht der Fall.

Welche Bedeutung haben die Rituale?

Die Rituale dienen als Erziehungsmittel. ‚Über diese Rituale sollen die Mitglieder im Sinne der Verbindung erzogen werden. Das wird mit großer Ernsthaftigkeit durchgezogen. Dazu gehören Mensuren, Trinkrituale, der gesamte Comment, also ein kompliziertes Regelsystem für das ganze Leben. Wie verhalte ich mich gegenüber Damen, wie grüße ich, wie schreibe ich Briefe, welche Kleidung ist angemessen? Das gilt ein Leben lang, denn eine Verbindung ist ein Lebensbund.

Halten Sie diese Regeln per se schon für problematisch?

Ja, denn einige dieser Regeln sind nicht kompatibel mit den gesellschaftlichen Regeln in unserer Demokratie. Wer zum Vollmitglied in einer Verbindung werden will, muss in der Regel „unbedingten Gehorsam“ schwören. Verbindungen sind extrem hierarchisch aufgebaute Organisationen.

Die Gießener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth forscht seit mehr als zehn Jahren zu akademischen Männerbünden.

Die Gießener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth forscht seit mehr als zehn Jahren zu akademischen Männerbünden.

Warum interessiert das junge Leute noch?

Man hält sich für etwas Exklusives. Auch Trotz spielt ganz oft eine Rolle. Jetzt erst recht, sagen sich viele. Der wegen seiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft „Gothia“ entlassene Berliner Sozialstaatssekretar Michael Bilge wird in der Burschenschaftszene regelrecht verehrt — er hat „zu dem Band gestanden“ und lieber den Posten aufgegeben. Man hält sich für verfolgt und merkt nicht, dass man sich selbst neben, statt in die Gesellschaft stellt.

Interview: Jan Sternberg

Quelle: Der 7. Tag