Von Gerhard Prause war in der Zeitung „Die Zeit“ am 22.7.1983 folgender Artikel über den Corpsstudenten und späteren Reichskanzler Otto von Bismarck zu lesen:

Ein unveröffentlichter Bismarck-Brief aus dem Jahr 1864 Von Gerhard Prause

Nahezu zweitausend Briefe enthält die neunzehnbändige Friedrichsruher Ausgabe von „Bismarcks Gesammelten Werken. Bei den 1971 teils recht langen Stücken handelt es sich nach dem Willen der Herausgeber nur um solche, „denen der Charakter des Privatbriefes zukommt. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, taucht ein weiterer Privatbrief auf, bisher unveröffentlicht, ein verhältnismäßig kurzes, rasch aufs Papier geworfenes Schreiben, eigenhändig auch die Adresse auf dem zierlichen, nur 15 mal 9 Zentimeter großen, ursprünglich versiegelten Umschlag: „Sr. Hochwürden dem Herrn Pastor Moritz Lauenstein Altenwerder a d. Elbe Königreich Hannover“. Er enthält – und das gibt ihm neben den vielen bekannten Bismarck Briefen besondere Bedeutung – die Antwort des Neunundvierzigjährigen auf eine zentrale Lebensfrage, auf die Frage, ob er glücklich sei.

Der sie gestellt hatte, der Pastor Moritz Lauenstein in Altenwerder an der Elbe bei Harburg, war ein ehemaliger Kommilitone und Corpsbruder Otto von Bismarcks. Gut drei Jahrzehnte lag es nun zurück, daß Bismarck und Lauenstein in Göttingen studiert und die rote Mütze des Corps Hannovera, einer schlagenden Verbindung, getragen hatten. Der Jurastudent Bismarck, der mit siebzehn Jahren auf die Universität gekommen war, hatte allein im ersten Semester fünfundzwanzig Mensuren ausgefochten. Seine juristische Laufbahn, die nach dem Wunsch der Mutter in ein gesichertes Beamtendasein führen sollte, aber verscherzte sich der „tolle Bismarck“, der in Frack und modischen Hemden auch gern in Feinschmeckerlokalen und noch lieber an Spieltischen saß und sich – wie er einmal gestand – von Zeit zu Zeit seiner „alten Freundin, der Flasche“, widmet; als Gerichtsreferendar in Aachen dehnte er einen vierzehntägigen Urlaub eigenmächtig auf mehrere Monate aus.

Der Grund für diese Pflichtvergessenheit lag nicht in seiner unübersehbaren Faulheit, die ihm von seinen Vorgesetzten in Potsdam amtlich bestätigt wurde („Wenn es dem Herrn von Bismarck gelingt, seine persönliche Faulheit zu überwinden, dann ist er zu allen hohen Staatsämtern fähig“), der Grund war die schöne Isabella Lorraine aus England, in die Bismarck sich verliebt hatte. Sie reiste mit ihren Eltern durch Deutschland, und der Referendar, der sie unbedingt heiraten wollte, sie bereits als seine Verlobte ansah und ihre Eltern in seinen Briefen als „meine Angehörigen“ bezeichnete, folgte ihr über Frankfurt, Wiesbaden, Straßburg, Basel in die Schweiz, bis ihm schließlich – so berichtete er einem Freund – „die Prise von einem einarmigen Obristen mit 50 Jahren, vier Pferden und 15 000 Reichstalern Revenuen abgejagt“ wurde.

Doch hatte Bismarck nicht nur seine „Verlobte“ eingebüßt, sondern zugleich viel Geld. Seinem „theuersten Freund“ Savigny gestand er: „Ich habe leider in Wiesbaden exorbitant viel verspielt, über 1700 Taler, die zu ändern Zwecken bestimmt waren Als sich Bismarck, endlich wieder zur Vernunft gekommen, von Bern aus schriftlich bei seiner Dienststelle in Aachen meldete, wurde ihm geantwortet, daß man auf seine Dienste verzichte, und so zog er sich, verdrossen und verschuldet, auf sein Gut Kniephof zurück, um da als. Landwirt zu leben, allerdings keineswegs geruhsam, sondern immer noch als der „tolle Bismarck“, wie er jetzt von den Nachbarn genannt wurde. Aber dann lernte er Marie von Thadden kennen, die die große Liebe seines Lebens wurde (doch nicht mehr frei war). Durch sie kam er mit pietistischem Gedankengut in Berührung. Und daß dies bei Marie und ihrem Kreis mehr war als Äußerlichkeit, daß es Haltung, Festigkeit im christlichen Glauben, unerschütterliches Gottvertrauen war, sah er spätestens, als Marie, erst sechsundzwanzig Jahre alt, sterben mußte. Sie sei dem Tod „mit ungetrübter Heiterkeit entgegengegangen“, schrieb Bismarck seiner Schwester Malwine. Und ihm schien es „beneidenswert“, wie „getrost“ Maries Mann und Vater „diesen Tod als kaum etwas anderes wie eine Vorausreise betrachten, der ein fröhliches Wiedersehn über kurz oder lang folgen muß“.

Durch Marie von Thadden hatte Bismarck Johanna von Puttkamer, ihre Freundin, kennengelernt, und nun tat er, was Marie so sehr gewünscht hatte, er heiratete Johanna, die Marie ihm in einem Brief einmal ab „einen frischen sprudelnden Gesundbrunnen, eine wahre Arznei für uns arme kranke Herzen“ beschrieben hatte, „eine schöne pikante Blume, über die noch kein Gifthauch gegangen ist „Da war Bismarck 32, Johanna 23 Jahre alt. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Marie, Herbert und Wilhelm, genannt Bill.

Kurz vor der Hochzeit war der Gutsherr Baron von Bismarck zum Vertreter der altmärkischen wig Holsteinischen Erbfolgefrage wagte er an der seines Sohnes Bill. Beunruhigt antwortete er am l. Ritterschaft in die Vereinigten Provinzialstände gewählt worden, und damit hatte – mehr zufällig als gewollt – seine politische Laufbahn begonnen. Der konservative Adlige, der zunächst einmal das Recht der Grundherrn zur Parforcejagd auf den Feldern der Bauern verteidigte und dann unerschütterlich gegen Liberalismus und Verfassung stand, machte rasch Karriere. Nach seinem Eintreten gegen die Revolution von 1848 wurde er Mitglied der Zweiten Preußischen Kammer, 1851 Legationsrat und Gesandter am Frankfurter Bundestag, 1859 Gesandter in Sankt Petersburg, 1862 in Paris. Und im September desselben Jahres, als Preußen in einer schweren Verfassungskrise stand, übernahm Bismarck das Amt des Ministerpräsidenten. Er regierte für die Monarchie, und König Wilhelm und andere Konservative sahen in ihm den „Retter in der Not“.

Von da an hatte Bismarck, der dann noch das Ministerium des Äußeren übernahm, keine ruhige Minute mehr. Aber er wurde mit allen Schwierigkeiten fertig, auch als er ohne Budget und ohne Mehrheit regieren mußte und sich immer mehr Gegner machte. In der SchlesSeite Österreichs einen Krieg gegen Dänemark, im Februar 1864, mit dem Erfolg, daß Dänemark auf die Herzogtümer verzichten mußte. Doch die Friedensverhandlungen zogen sich in die Länge, und Bismarck begleitete seinen König nach Karlsbad, Wien, Gastein, Schönbrunn, Baden, wo fast überall Verhandlungen über die Zukunft Schleswig Holsteins und über den Friedensschluß geführt werden mußten. Den ganzen Sommer 1864 klagte Bismarck immer wieder über diese Tretmühle“ und die „ununterbrochne Anstrengung“, über körperliche Mattigkeit, Abgespanntsem, Müdigkeit – und „keine Aussicht auf Ruhe“. Dennoch fand er Zeit, manchmal auf die Jagd zu gehen. Aus Schönbrunn schrieb er seiner Frau (am 25 August): „Habe heute 53 Hühner 15 Hasen und l Kanikel geschossen und gestern 8 Hirsche und 2 Moufflons. Heut bin ich ganz lahm in Hand und Backe von Schießen “

Johanna war zu der Zeit krank, was Bismarck erst wenige Tage später erfuhr, durch einen Brief September aus Baden: „Mein geliebtes Herz, gestern erhielt ich hier Bills Brief vom 27 mit Deiner Nachschrift und warte auf telegr. Antwort über Dein Befinden mit einiger Unruhe; denn so ganz leicht meldest Du Dich nicht krank, und es muß Dich schon hart anfassen, ehe Du zum Stillliegen kommst. Gott wolle Dir bald und völlig helfen. Vor heut Abend kann ich kaum Antwort erwarten, da mein Telegramm in Ermanglung eines Nachttelegraphen erst heut früh um 7 abgegangen ist. Bitte laß die Kinder alle Tage und ausführlich schreiben, wie es Dir geht, ich habe sonst keine Ruhe “

Und nachdem er noch über die Fahrt nach Baden geschrieben, über das Wetter, sein „Heimweh und Sorge um Dich“, seine Beschäftigungen „Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besucher umschwirren mich ohne Unterlaß , kein Mensch läßt mich in Ruhe “

– schloß er: „Grüße herzlich unser Väterchen und die Kinder, und vor allen Dingen werde gesund und schreib mir gleich, wie es geht, denn der Telegr wird docn nur einsilbige Auskunft geben “

Über den Telegraphen kam die Antwort, zum Glück eine beruhigende, erst in der Nacht zum 3. September. Und erst am 5 fand Bismarck Zeit, seiner Frau zu antworten: „Was hat Dir eigentlich gefehlt, mein Enfel? Gott sei Lob und Dank, aß es besser geht; ich war sehr geängstigt, und der Telegraph auf meine erste Anfrage so langsam, daß ich noch Beschwerde führe; fast 40 Stunden nach der Frage kam erst die Antwort.

Wovon aber kam die Krankheit?

Hast Du Aerger, Sorge, Anstrengung gehabt, oder war es ganz aus heiler Haut? Deine Nerven haben Dich sonst nie geplagt, und nun plötzlich so besorglich. Ich bin sehr geneigt, die Schuld bei Doctors, Mineralwasser, und Medicamenten zu suchen “

Zwischen diesen beiden Briefen an seine Frau, in dieser gehetzten Atmosphäre, gestreßt, überarbeitet, nervös und zusätzlich mit Sorgen um Johanna belastet, nahm Bismarck sich die Zeit, seinem ehemaligen Corps Bruder Lauenstein zu antworten. Montz Lauenstein scheint für seinen ältesten Sohn, der offenbar zur Marine wollte – Lauensteins Brief liegt nicht vor , Bismarcks Vermittlung erbeten zu haben. In dem handgeschriebenen Brief vom 3. September 1864 aus Baden antwortete Bismarck:

„Lieber Lauenstein in Eile und Unruhe, wie in jeder Minute seit 2 Jahren, kann ich Dir nur mit wenig Worten für Dein treues Andenken danken und für Deinen künftigen Admiral sagen was ich weiß. Ich zweifle nicht an der leichten Ausführbarkeit und biete gern die Hand dazu, kenne aber die speziellen Vorschriften nicht. Das Beste wird sein, daß Du mir zunächst ein amtliches Gesuch schickst, Alter, Vornamen, bisherigen Bildungsgang Deines Sohnes, allenfalls ein ärztliches Attest über tüchtige Körperbeschaffenheit; ich werde dann die rechte Schmiede ausfindig machen und Dir Nachricht über Geldbedarf und sonstige Bedingungen geben. Am 10 denke ich in Berlin zu sein “

Dann folgt als neuer Absatz: „Du fragst ob ich glücklich bin; ich antworte drauf mit ja, sonst w% re ich undankbar gegen Gottes Gnade, die mich in meinem Hause gesegnet hat an Frau und Kind; in die Freuden dieses Hafens dringt keine Welle iet Außensee, und die Dinge der großen Welt lasse! mich innerlich zu kühl als daß mein Glück von ihren Erfolgen oder Niederlagen abhängig würfe Ich bin gegen meinen Willen in den Staatsdienst gerathen, habe Heimweh nach dem Landleben; um so stärker fühle ich die Pflicht unverdrossen meinen Beruf zu erfüllen, den ich nicht eigenmächtig gewählt und einen Kampf zu kämpfen den ich nicht gesucht habe. Ob ich darin siege oder unterliege, ist Gottes Sache und macht mir wenig Sorge “

Die lapidare Eindeutigkeit überrascht, weil sie von ihm in dieser Frage sonst nie so gegeben wurde: „ ich antworte drauf mit ja“. Möglicherweise war sie von der plötzlichen Sorge um Johanna beeinflußt. Immerhin beschränkt der anschließende Nebensatz, „sonst wäre ich undankbar gegen Gottes Gnade, die mich in meinem Hause gesegnet hat an Frau und Kind“, sein Glück ganz auf den privaten Bereich, in den von außen nichts eindringt oder nichts eindringen soll, nichts von seinem Politiker Dasein, das er sich „nicht eigenmächtig gewählt“, in das er vielmehr gegen seinen Willen geraten sei. Wie aus Dankbar Reit für dieses private Glück, gleichsam als Gegenleistung und wie, um es nicht zu gefährden, empfand er als Pflicht, seinen Beruf unverdrossen zu erfüllen und jenen Kampf zu kämpfen, den, er nicht gesucht habe und dessen Ausgang Gottes $che sei. Dies alles war, wie die Handschrift verrät und was überdies expressis verbis zum Ausdruck gebracht wurde, eilig hingeschrieben. Bismarck schloß den Brief: „Bitte sage mir etwas mehr über Dein eigenes Ergehen wenn Du wieder schreibst, Sehr in Eile Dein v. Bismarck “

Was sein alter Corps Bruder Moritz Lauenstein von sich hätte mitteilen können, ist nicht bekannt. Mit Sicherheit aber dies: Außer dem ältesten Sohn, für den er den Ministerpräsidenten um Vermittlung bat, hatte der 54jährige Pastor noch sechs Söhne und zwei Töchter. Diesen neun Kindern sollten noch zwei weitere folgen. Einer ihrer Nachkommen, Wolf Dietrich Lauenstein in Hittfeld, hat uns dankenswerterweise Bismarcks an seinen Urgroßvater zur Veröffentlichung lassen.

Zum zeitlichen Rahmen, in dem der Brief entstand, ist noch anzumerken, daß die wohl größte Sorge des Politikers Bismarck in jenem Sommer was erst kürzlich von Fritz Stern herausgearbeitet wurde – die Geldbeschaffung war. Der Krieg gegen Dänemark hatte viel gekostet, die Staatskasse war so gut wie leer, und Bismarck sah bereits die Möglichkeit eines neuen Krieges, und zwar gegen Österreich, mit dem es schon Spannungen gab, weil Preußens Annexionsgelüste auf die Eibherzogtümer zunehmend deutlicher wurden. Bismarck, der noch immer ohne Budget regiertet wollte Geld in Form von Staatskrediten aufnehmen, weil er dann nicht auf eine Bewilligung durch den Landtag angewiesen war. Erst nach monatelangem Gerangel mit dem Kabinett setzte er sich durch.

Das Geld wurde von dem Bankier Gerson Bleichröder beschafft, der sich zu jener Zeit auch als Bismarcks privater Geldberater anbot. Im September 1864 besorgte Bleichröder dem Ministerpräsidenten, der stets daran interessiert war, Geld zu verdienen, privat Aktien der Preußischen Bank. Bismarck kaufte für 20 000 Taler (mehr als sein Jahresgehalt, das 15 000 Taler betrug) und verkaufte nach acht Monaten mit einem Gewinn von 1100 Talern.

Der 49jährige Bismarck, der für seine Erfolge in der Schleswig Holstein Frage zum Grafen njsiÜBt wurde, war kein armer Mann mehr. Und Bleichröder half, sein Privatvermögen kräftig zu mehren. Nur zwei Jahre später, Mitte Juli 186%, standen auf Bismarcks Konto bei Bleichröder 194 000 Taler. Hinzu kam kurz darauf die Dotation von 400 000 Talern, die der Landtag ihm als Änet nung für den Sieg über Österreich bewilligt h Zusammen waren das vierzig Jahresgehälter < nach heutigem Kaufwert an acht Millionen Ma Der Einundfünfzigjährige hätte also voll unterstreichen können, was er zwei Jahre zuvor Äf schrieben hatte: „Du fragst ob ich glücklich bm; ich antworte drauf mit j a “

Quelle: Die Zeit