Hamburg ist Medien-Metropole. Hier entstehen Zeitungen, Zeitschriften und Magazine, werden Tagesschau und Tagesthemen gesendet. Hier arbeiten viele interessante Persönlichkeiten, die die HAMBURGER MORGENPOST jeden Montag vorstellt. Eine Serie von Miklós Pataky.

Er sieht so sanft aus, als ob er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte, aber Vorsicht: Der Chefredakteur der dpa (Deutsche Presse-Agentur), Wilm Herlyn, war in seiner Studentenzeit Mitglied einer schlagenden Verbindung in Würzburg, obwohl er nicht mal einen Schmiß hat. Aber „meine Gegenpaukanten hatten alle einen“. Diese Überlegenheit rührte allerdings nur daher, fügt er in aller Bescheidenheit hinzu, daß er Degenfechten auch schon als Sport betrieben und „daß ich lange Arme hatte“. Allerdings hält er „so was heutzutage für völligen Unsinn“.

Damit war aber die kämpferische Phase im Leben des Wilm Herlyn auch schon vorbei. Danach war er nämlich genauso „harmoniebedürftig“ wie vorher. Und wenn er mal früher als Jugendlicher in Prügeleien verwickelt wurde, war daran eher sein (protestantischer) Glaube schuld. Denn Wilm wuchs bis zum Alter von 15 Jahren im thüringischen Nordhausen in der DDR auf, obwohl er im Januar 1945 in Bielefeld geboren worden war. Sein Vater, ein Stabsarzt, fiel jedoch zum Kriegsende in russische Gefangenschaft, und die Mutter zog mit dem Kind dann zu ihren Eltern nach Thüringen. Als der Vater danach zurückkam, war die Familie schon in der DDR.

Dort gab es einen Religionsunterricht nur auf freiwilliger Basis, und wenn die Jungs aus linientreuen Familien den Wilm mit der Bibel unterm Arm erwischten, setzte es gelegentlich auch mal Schläge. „Aber da habe ich gelernt, daß man für eine Sache stehen muß.“

Später, nachdem die Familie nach Westdeutschland geflohen war, brauchte er nicht mehr so tapfer zu sein, um zu seinen Überzeugungen zu stehen. Er war nun in der Freiheit. Daß er diese Freiheit an einer exponierten Stelle genießen, ausüben und wenn nötig verteidigen würde, mit einem Wort, daß er Journalist werden wollte, stand für Herlyn schon im Internat fest. Wenn auch aus etwas weniger erhabenen Gründen: Er kriegte mit, daß die Pressekonferenzen meistens nicht vor elf Uhr begannen, also mutmaßte er, daß man da nicht früh aufstehen mußte. „Da hab‘ ich mir gesagt, Journalist, das ist ein toller Beruf.“

Um keine Zeit zu verlieren, gründete Herlyn eine Schülerzeitung mit dem verheißungsvollen Titel „Stechmücke“ und schrieb aufmüpfige Leitartikel, „die außer mir selbst zwar niemanden interessierten, aber es machte Spaß“. Nach dem Abitur ging er dann nach Würzburg, wo er neben den Saufgelagen in seinem „Kösener Corps“ Philosophie studierte sowie ein bißchen Geschichte und Politik.

Nach einigen Semestern setzte er sein Studium in Berlin fort, wo er sich an der Uni mit Rudi Dutschke über Politik stritt. Es war die Zeit der Studentenrevolte. Und da gab es den Hochschulkorrespondenten der „Welt“, der sich nicht auf den Campus traute, weil er als Vertreter der Springer-Presse höchst unsanfte Behandlung befürchtete. Er bat also Herlyn, vom Campus zu berichten. Student Herlyn tat es und baute dabei eine Verbindung zur „Welt“ aus, die ihm später, als er mit dem Studium fertig war und Doktor der Philosophie wurde, die Jobsuche ersparte: Die „Welt“ erwartete ihn schon.

Als Mann von „Welt“ kam er dann ziemlich viel in Deutschland rum: Hamburg, Berlin, Bonn, Düsseldorf, zuletzt als Leiter des Korrespondentenbüros Nordrhein-Westfalen. Und dann rutschte Herlyn etwas tiefer (geographisch gesehen natürlich) und wurde geschäftsführender Redakteur bei der „Bunte“ in München, verantwortlich für Politik. Aber nur deshalb, weil sein Mentor, Peter Boenisch, ihn dahin holte. Als allerdings Boenisch nach kurzem Gastspiel die „Bunte“ und Burda wieder verließ, ging auch Herlyn – als erster stellvertretender Chefredakteur zur „Rheinischen Post“.

Dort erreichte ihn dann 1990 der Anruf, von dem so viele Journalisten träumen, ob er nämlich Chefredakteur werden wolle. Und zwar der dpa in Hamburg. Er wollte, und befehligt seit Januar 1991 von der Zentrale am Mittelweg aus rund 1000 Mitarbeiter, die aus Deutschland und der ganzen Welt unentwegt Nachrichten an Zeitungen, Radio- und Fernsehsender liefern, und zusammen einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Mark erreichen.

Der 54jährige Herlyn, der „leider“ nicht mehr zum Schreiben kommt, muß dafür sorgen, daß „der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“ ist. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, was alles auf dieser Welt so geschieht, und daß die Konkurrenz natürlich ebenfalls nicht schläft.

Auch Wilm Herlyn schläft nicht viel, weil er auch abends oft unterwegs sein muß, um die dpa auf verschiedenen Partys und Veranstaltungen zu vertreten. Aber da gibt es selbst für den Chef kein Pardon: Der richtige Mann am richtigen Ort…
Und so hat der Vater von zwei Kindern für seine Hobbys, mit Freunden zusammensein und lesen, fast nie Zeit, höchstens im Urlaub, wozu er übrigens auch kaum Zeit hat. Aber er trägt es mit der Sanftheit eines Weisen. Nur den Degen, den sollte man lieber nicht gegen ihn ziehen.

Quelle: Hamburger Morgenpost