In der Zeitschrift Campus der Bundeswehrhochschule München, Ausgabe 3/20013, veröffentlichten die Redakteure Mathias Ulrich, Nils Werner folgenden Artikel über das Corps Germania München:

In München gibt es reichlich Studentenverbindungen – alle mit gleichen Vorurteilen. Vier Redakteure der CAMPUS haben sich beim Corps Germania umgesehen und nachgefragt.

Auf Tuchfühlung: Mathias Ulrich testet die Paukbrille. Auch so verstand er sich mit den Brüdern von Corps Germania sehr gut.

Auf Tuchfühlung: Mathias Ulrich testet die Paukbrille. Auch so verstand er
sich mit den Brüdern von Corps Germania sehr gut.

Egal wie sehr man es versucht: So ganz ohne Vorurteile ist ein Besuch in einer Studentenverbindung wohl nicht möglich. Zumindest nicht für mich. Ehrlich gesagt, war mein Wissen darüber bis dahin ziemlich mager. Zuletzt hatte ich in den Medien immer wieder von Burschenschaften gehört, die mit rechtsradikalem Gedankengut in Verbindung gebracht wurden. Und Burschenschaften sind ja Studentenverbindungen, oder? Mein restliches Wissen beruhte auf amerikanischen Serien. Verbindung mit griechischen Buchstaben auf den Pullovern rufen im Vorbeigehen: „Omega Psi“ – oder so was. Entsprechend gespannt war ich, Leute eines Corps (ebenfalls eine Studentenverbindung) kennenzulernen.

Mit Pullover fehl am Platz

Die Begrüßung war freundlich. Björn, einer der „alten Herren“, bot uns sogleich das Du an. Während er uns den Ablauf des Abends erklärte, kamen andere Verbindungsbrüder aus verschiedenen Türen, begrüßten uns freundlich und verschwanden wieder. Nur einer – wie sich später herausstellte der Senior – blieb stehen und bot uns etwas zu trinken an. Inzwischen war klar geworden: Ich bleibe der einzige mit Kaputzenpullover. Das erste Klischee schien sich zu bestätigen: Ein Hemd gehört zur Grundausstattung eines Verbindungsmitgliedes, ebenso Halbschuhe. Später erfuhr ich, dass zum Corpsburschenband sogar Kragenpflicht besteht. Grundsätzlich ist der Lookwih typisch „BWL-Studenten“. Während man uns die Bilder an den Wänden erklärte und Stolz auf die Geschichte des Gebäudes einging, betrat eine Frau den Raum. Moment. War das hier nicht ein reiner Männerbund? Was hatte ”Weibsvolk“ hier verloren? Doch die Reaktion der Verbindungsmitglieder fiel anders aus als erwartet: Küsschen links, Küsschen rechts und „Darf ich dir aus der Jacke helfen?“ Man sah mir wohl meine Verwunderung an, denn sogleich erfuhr ich, dass Frauen zwar niemals Mitglieder im Corps werden können, aber durchaus gern gesehene Gäste sind. Eine Verbindung ist, das merkt man schnell, eine sehr traditionelle Gemeinschaft. Ihre Werte und Normen stammen aus einer anderen Zeit und sollen weiter fortgetragen werden. Dies bezieht sich auf Rituale und Formen untereinander, aber auch auf den Umgang mit dem anderen Geschlecht. So manch einer kann sich, meiner schwer altmodischen Ansicht nach, ein Stück abschneiden. Und das, obwohl das schwarze Abendkleid der Dame unweigerlich dafür sorgte, dass ich mich in meinem Pullover vollkommen unwohl fühlte.

Erklärungen mit viel Leidenschaft

Die Führung durch das Haus verlief konfus. Mal erklärte der eine, dann wieder der andere. Aber egal wer sprach, es gab immer einen, der noch mehr wusste und hinzufügte. Ehrlich gesagt erleichterte mich dies! Ich wusste bis dahin nicht, wie streng die Hierarchie in so einer Verbindung ist. Ich merkte: Jeder war stolz darauf ein Mitglied dieser Verbindung zu sein. Zweifel gab es keine. „Wir leben in unserer eigenen Welt“, bestätigt Björn. Dies müsse nicht jedem gefallen, aber ihm gefalle es eben. Manches Verhalten wirkte zwar aufgelegt, aber jeder fühlte sich in seiner Rolle wohl. Insgesamt ist das Corps eine gut funktionierende Gemeinschaft. In ihrer Einstellung zwar sehr konservativ, lohnt es sich nicht, auf Ausländerfeindlichkeit einzugehen, weil es sie schlichtweg nicht gibt. Wer männlich ist und in München studiert, kann Mitglied werden. Mein Einblick war sicherlich nicht sehr tiefgründig, aber ausreichend um sagen zu können, dass es auch mal locker zugeht. Ich kann nur jedem empfehlen, sich sein eigenes Bild zu machen. An diesem Abend wurde manch einer meiner negativen Vorurteile aus der Welt geschafft.

(Mathias Ulrich)

Eine lange Tradition

Die Gründung des Corps Germania geht, wie viele andere, zurück in das 19. Jahrhundert – der Zeit der Reichsgründung. Patriotisches Gedankengut gepaart mit revolutionärem Zeitgeist brachte, nebst Industrialisierung, viele Veränderungen in das noch uneine Deutschland. Studenten und Professoren fanden zusammen und begonnen, für die deutsche Einheit zu demonstrieren. Das Corps Germania allerdings wurde erst am 14. November 1863 gegründet, als Reaktion auf den Kampf um die Einigung Schleswig-Holsteins. Bernhard Wieck und sieben weitere Studenten riefen die Burschenschaft Germania ins Leben. Ihr Burschenband trug die Farben Schwarz, Gold und Rot. Bezeichnend für ihren Bund war damals schon die strenge Auffassung zum Fechten.

Der Wechsel zum Corps

Sie pflegten engen Kontakt zu anderen Verbindungen, besonders zu den Corps und begannen sich diesen anzunähern. So wurde 1865 die Burschenschaft zur Landsmannschaft und 1867 schließlich zum Corps. Der Wandel brachte auch ein neues Burschenband mit sich, Blau, Rot und Gold waren fortan ihre Farben. Die Trikolore in schwarz, gold und rot blieb des Patriotismus wegen als Teil des Wappens erhalten. Mit der Gründung des Polytechnikums München (heute Technische Universität München) 1868, schloss sich Germania mit drei anderen Corps zu einem Convent zusammen. Auch heute wird dieser Kontakt weiter gepflegt, was zu einer engen Zusammenarbeit der Münchner Corps führt. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahmen 31 Corpsbrüder teil, von denen alle die Reichsgründung noch miterlebten. Durch die Einigung Deutschlands blühten die Studentenverbindungen auf und nahmen am gesellschaftlichen Leben der Zeit teil. Der wachsende repräsentative Anteil des Corps führte zu dem Wunsch nach einem eigenen Corpshaus. Architekt des Hauses war Gabriel von Seidl, der am Stadtbild Münchens maßgeblich beteiligt war. Er entwarf unter anderem das Bayerische Nationalmuseum, das Lenbachhaus und das Stachus-Rondell.

Ein Haus für die Germanen

Finanziert wurde der Bau durch die „alten Herren“ Auvera und Sedelmayr, letzterer als damaliger Besitzer der Spaten Brauerei. Seidl konzipierte das Haus direkt als Corpshaus. So war der Kneipsaal schon immer der Kneipsaal und der Paukraum schon immer der Paukraum. Seit Fertigstellung 1907 schmückt es die Stollbergstraße in München. Im Gegensatz zum deutschfranzösischen Krieges, forderte der erste Weltkrieg seine Opfer in den Reihen der Germania. Alle Aktiven meldeten sich freiwillig, 19 von ihnen und ein alter Herr kehrten nicht nach München zurück. Trotz Hyperinflation und Wirtschaftskrise blühte die Germania in der Nachkriegszeit erneut auf, 1921 zählte das Corps 31 aktive Burschen und 11 Füchse.

Das vorzeitige Ende

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte der Blüte des Corps ein Ende. Corps in Deutschland funktionieren nach einem demokratischen Prinzip, das dem erzwungenen Führerprinzip entgegenstand. Aufgrund von wachsenden Regulierungen des nationalsozialistischen Regimes löste sich das Corps am 22. Februar 1936 selbständig auf. Da ein normales Corpsleben nicht mehr möglich war, schloss sich die Germania mit der Vitruvia zu einer Kameradschaft zusammen, in der sie den Krieg überdauerten. Bis Kriegsende verloren 21 Corpsbrüder ihr Leben auf dem Schlachtfeld. Das Corpshaus wurde ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Eine Brandbombe zerstörte das Dach des Ballsaals, ein Blindgänger durchschlug das komplette Haus. Auf Bemühen von acht alten Herren wurde Germania am 10. November 1949 wieder aufgebaut und besteht seitdem. Das Corpshaus musste jedoch mehrfach verteidigt werden. Nach Kriegsende wurde es an den Bayrischen Rundfunk vermietet, der sich entsprechend dort einrichtete. Erst 1953 wurde gerichtlich der „Verband Alter Münchner Germanen“ als Besitzer des Hauses festgesetzt, 1960 wurde es renoviert an das Corps übergeben.

Kampf um die Heimat

Das Corpshaus steht inzwischen seit über hundert Jahren, das Corps selbst feiert dieses Jahr sein 150 Jähriges.

Das Corpshaus steht inzwischen seit über hundert Jahren, das Corps selbst feiert
dieses Jahr sein 150 Jähriges.

Im Zuge der Olympiavorbereitungen sollte das Haus dem Altstadtring weichen. Dies wurde aufgrund der freischwebenden Ballsaaldecke verhindert. Jedoch war einen Kompromiss nötig: Der Garten des Corpshauses musste Neubauten weichen, noch heute wird es von diesen eingeschlossen. Weitere Veränderungen des Hauses drohen jedoch nicht, seit 1980 steht es unter Denkmalschutz. Heute ist das Haus der Germania das einzige Corpshaus in München, das auch als solches gebaut wurde. Die mehr als 20 Mitglieder aller Münchner Hochschulen führen stolz die Traditionen des mittlerweile 150-jährigen Corps fort.

(Nils Werner)

 Pauken bis der Arzt kommt

Nach der Führung durch das Haus, durften wir endlich das Fechten sehen. Schließlich waren wir in einem schlagenden Corps zu Gast. Das Herzstück des Corpshauses ist der sogenannte Paukraum. Hier wird das Fechten trainiert – gepaukt also. Er befindet sich im Keller hinter einer verschrammten, weißen Tür. Ein Blick durch das gesprungene Fenster der Tür zeigt die Ausmaße – viel Platz ist nicht. Gefochten wird mit den Schlägern. Ein harmlos klingendes Wort für eine gefährliche Waffe. „Die Klinge ist sehr scharf und flexibel“, sagt Emil Seidel, Consenior und Fechttrainer des Corps. Gut einen Meter lang ist die Klinge, hinzu kommen Handschutz und Griff.

Übung gibt Sicherheit

Schmerzhaft aber notwendig: Die Paukbrille schützt Augen und Ohren während der Mensur.

Schmerzhaft aber notwendig: Die Paukbrille schützt
Augen und Ohren während der Mensur.

Den Schläger zu führen, ist nicht einfach. Schon die korrekte Haltung stellt für einen Anfänger eine Herausforderung dar. Da nur Hiebe gegen den Kopf geführt werden, hat man den Arm stets darüber zu halten, damit der Schläger quer vor dem Kopf hängt. Mit dem Arm und dem Schläger schützt man so sein Gesicht. Eine ungewohnte Haltung, die viel Kraft in der Schulter und dem Unterarm erfordert. Laut klatscht die Klinge mit enormer Kraft und Geschwindigkeit auf die Übungspuppe, als Seidel die verschiedenen Hiebe zeigt. Spätestens jetzt kann sich jeder vorstellen, was ein Schläger ungeschützt anrichtet. Deshalb trainieren die Paukanten viel – vier Mal pro Woche sind vorgeschrieben. Warum viele häufiger pauken, zeigen vier Fotos an der Wand. Darauf zu sehen sind Corpsbrüder nach einer Mensur – blutüberströmt mit Verletzungen im Gesicht.

Vier Mal Standhaft sein

Die Spitze des Schlägers ist scharf wie ein Rasiermesser.

Die Spitze des Schlägers ist scharf wie ein Rasiermesser.

Mitglieder des Corps Germania müssen mindesten vier Mensuren bestreiten. Hierbei treten zwei Angehörige verschiedener Verbindungen gegeneinander an. In einem festgelegten Abstand stehen sie sich gegenüber und führen bis zu acht Hiebe aus. Eine solche Hiebfolge nennt sich „Gang“. Bei den meisten Mensuren werden 30 bis 40 Gänge gefochten. Als Schutz dient ein Kettenhemd, ein Halsschutz und die sogenannte Paukbrille. Wie unangenehm das Tragen dieser Paukbrille ist, erfuhr Redakteur Matthias Ulrich am eigenen Leib: Auf einem Stuhl sitzend, wurde ihm die stählerne Brille durch drei Corpsmitglieder mit aller Gewalt am Kopf fixiert – schmerzhaft, verhindert aber, dass sie durch einen Hieb verrutscht und damit die Augen verletzbar sind. Alle Vorkehrungen führen zu, dass die Trefferfläche auf den Kopf reduziert wird. So können keine lebenswichtigen Organe verletzt werden. Weil sich die Kontrahenten nicht bewegen dürfen, kann keiner in die Klinge des anderen rennen. „Was nach viel Blut aussieht, ist meistens der mit wenig Blut vermischte Schweiß“, sagt Fechttrainer Seidel. Während einer Mensur achten eine Vielzahl von „Schiedsrichtern“ auf den korrekten Ablauf. Außerdem sind stets zwei Paukärzte anwesend, die die Mensur jederzeit abbrechen können. Dennoch, wer weiß, worauf er achten muss, entdeckt bei jedem Corpsmitglied Narben – Schmisse genannt – am Kopf oder im Gesicht. Früher galten sie als Auszeichnung. Heute, so beteuern alle Mitglieder, gehe es nicht mehr um die Schmisse. Vielmehr soll der Fechter zeigen, dass er trotz der augenscheinlichen Gefahr seinen Mann steht und seinen „Schweinehund“ überwindet. Corpsbrüder werden so auf spätere Hürden und Stresssituationen im Leben vorbereitet und sorgen für sicheres und gelassenes Auftreten. Am Fechten scheiden sich die Geister. Die einen betrachten es als sinnlos und veraltet, andere als Beweis von Mut und Ehre. Dabei hat es einiges mit dem Berufsbild eines Soldaten gemeinsam. Auch ein Soldat begibt sich bewusst in Gefahrensituationen – sogar für Leib und Leben.

(Philipp Riedl)

Eine Woche später

Neben den Corps gibt es einige andere Studentenverbindungen in Deutschland. Akademische Gesangsvereine, Turnverbindungen oder Landsmannschaften sind nur ein Teil des Sammelsuriums, das in München zu finden ist. Die größte Zahl bilden jedoch, neben den katholischen Studentenverbindungen und den Corps, die Burschenschaften. Besuch bei Corps Germania wollte ich mir einen Eindruck der Burschenschaften machen. Schließlich stehen gerade diese oft im negativen Licht der Öffentlichkeit. Um mich von der Realität zu überzeugen, folgte ich der Einladung der Burschenschaft Arminia Rhenania. Zusammen mit zwei Studenten unserer Universität, beide Rhenanen, fuhr ich in die Villa Armania in der Maria-Theresia-Straße. Auf dem Gelände ist ebenfalls ein Studentenwohnheim zu finden, in dem auch Frauen herzlich willkommen sind – eine Mitgliedschaft ist nicht notwendig. Auch hier zeigte sich vor allem die Toleranz der Brüder. Besonders hervorgehoben wurde aber auch der Lebensbund, der eingegangen wird: „Das ist mit einem Hobby absolut nicht vergleichbar. Da gehst du solch eine Verbindung nicht ein“, erklärt Stefan Dobner. Mit rechten Burschenschaften wollen sie nichts zu tun haben, weshalb sie Anfang des Jahres aus der Deutschen Burschenschaft austraten.

(Heiko von Ditfurth)

Quelle: Campus Zeitschrift des studentischen Konvents