am 22. Januar 2011 war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen:

Narben, Biersuff, braune Soße: Studentische Bünde leiden unter vielen Vorurteilen. Ihre Gegner machen keine Unterschiede und greifen immer öfter an. Ein Plädoyer für Toleranz. Von Mac Felix Serrao

Wie eine Villa, in der die Elite von morgen ihre Netzwerke spinnt, sieht das Haus nicht aus. Die blassgelbe Fassade ist mit schwarzen und roten Farbspritzern übersät, die Fenster im Erdgeschoss haben die Bewohner mit Sperrholz verbarrikadiert. Drei Meter über dem Boden hängt ein Plakat von der Wand: „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Das Zitat stammt von George Orwell. Dass der bekennende Sozialist mal an einer Fassade wie dieser zu Wort kommen würde, hätte ihn selbst wohl am meisten verwundert. Aber vielleicht passt das Zitat dennoch perfekt her. Das verschmierte und vernagelte Anwesen gehört der Burschenschaft Hannovera Göttingen. Und wenn es stimmt, was ihre Mitglieder und mit Ihnen die Angehörigen Hunderter anderer deutscher Studentenverbindungen sagen, dann war es um die Freiheit diese eigenartigen kleinen Milieus seit langem nicht so schlecht bestellt wie heute.

Zum ersten Mal überhaupt haben Burschenschaften und Corps, Sänger-, Turner- und Landsmannschaften sowie etliche andere Korporationen gemeinsam die Fälle von Übergriffen durch selbsternannte Antifaschisten und andere Linke gegen ihre Häuser und Mitglieder gesammelt. Die 100-seitige Auswertung „Gewalt gegen Korporationen: Statistische Erhebung für das Jahr 2010“, die nächste Woche vorgestellt werden soll und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, belegt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt.

„In den letzten Jahren die Gewalt gegen Studentenverbindungen rapide zugenommen“, sagte Frank Grobe, ein Alter Herr der Burschenschaft Teutonia Aachen. Der 43-jährige Historiker hat die Daten für den Convent deutscher Akademikerverbände (CDA), eine übergeordnete Arbeitsgruppe, ausgewertet. Allein von Januar bis November kam es demnach bundesweit zu 100 Übergriffen, die meisten in den Universitätsstädten Göttingen, Bonn, Innsbruck und Marburg. Die Dunkelziffer soll „deutlich höher“ liegen. Mit acht Attaken in einem Jahr am stärksten betroffen: die Burschenschaft Hannovera.

Jeder zweite Fall wat lauf der Statistik Sachbeschädigung. Mal flogen faule Eier ans Fenster, mal standen morgens plötzlich Nazi-Parolen am Haus. Daneben soll es aber auch elf Fälle von Körperverletzung und fünf Fälle von schwerer Brandstiftung gegeben haben. Dass bei all dem Krawall noch kein Student ernsthaft verletzt wurde oder schlimmer, sei purer Zufall, bilanzieren die Verbindungen: „Der Tod von Korporierten wird billigend in Kauf genommen.“ Das klingt dramatisch. Aber zumindest die Parolen im Netz, auf Plakaten und Häuserwänden lassen an Härte wenig zu wünschen übrig: „Burschenschaft abreißen!“, heißt es beispielsweise auf der Webseite der „J.A.G.“ (Jugend Antifa Göttingen). Ein Graffito, das kürzlich jemand an die Hauswand des Corps Germania Hohenheim sprühte, geht noch weiter: „Burschenschafter zersprengen.“ Das Bild zum Slogan zeigt eine kugelrunde Bombe mit brennender Lunte, darin der Kopf eines Korporierten samt Mütze. Unterzeichnet ist es mit der Signatur „Rosa Aktion“ und den beiden wehenden Fahnen der Antifa.

Sprüche, sicher. Aber wer weiß, was noch alles kommt. Und welcher Aufruf zur Gewalt in welchem Kopf wie weitergesponnen wird. In den USA wird seit dem Anschlag auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords am 8. Januar viel über die vergiftete Rhetorik vor allem des rechten Lagers und seiner medialen Tiefschläger diskutiert. Über virtuelle Landkarten, die Gegner mit Fadenkreuzen markieren. Schaut man sich die Rhetorik der linken Verbindungsfeinde in Deutschland an, erkennt man ähnliche Muster. Da wird nicht nur das vermeintlich elitäre, männerbündlerische Weltbild der Korporierten kritisiert, was an und für sich legitim ist. Das wird kurzerhand jede Verbindung, ob sie auf dem Paukboden ficht oder nicht, ob sie nur deutsche Männer aufnimmt oder nicht, in einen Topf geworfen. Und auf dem steht: Faschist, Frauenfeind, Ekel.

Burschenschaften, aber auch Corps oder Turnscherschaften seinen „offen antisemitisch, rassistisch, nationalistisch und revisionistisch“, schreib die Antifa der Technischen Universität Berlin in ihrem „Reader gegen studentische Verbindungen“. Dass ein solcher Vorwurf auf eine Minderheit zutrifft, die auch innerhalb des Verbindungsmilieus schwer umstritten ist und von vielen ausgegrenzt wird – egal. Das ein Bombengraffito wie das in Hohenheim eine Verbindung trifft, die seit 140 Jahren dem couleurstudentischen Toleranzprinzip verpflichtet ist, als der Achtung aller Konfessionen, sozialen Klassen und Nationalitäten – bestimmt nur Tarnung. „Traditionen sind kein Grund. Nieder mit dem Münnerbund“, dichten die linken Verteidiger einer angeblich offenen und vorurteilsfreien Gesellschaft.

Die Hatz hat Folgen. „Neben Burschenschaften, Landsmann- und Turnerschaften wurden Corpsstudenten sowie Mitglieder von evangelischen, katholischen und überkonfessionellen Verbindungen Opfer von Gewalt“, heißt es in der Statistik der Stundentenbünde. Auf Unterschiede werde nicht geachtet. Nur woher kommt der Hass? Und warum kann er offenbar wieder gedeihen – lange nach der Blütezeit der roten Unis?

Ein Grund ist sicherlich das geringe Ansehen, das Verbindungsstudenten in Deutschland heute haben. Die bunten Jacken, Mützen und Bänder, dazu die nicht überall, aber immer noch oft gepflegten Trink- und Fechtrituale: All das wirkt auf die meisten Nicht-Mitglieder bestenfalls schräg. Sehr treffend fasste der nur im Film korporierte Schauspieler Jan Josef Liefers die Vorurteilt gegen Verbindungsstudenten vor drei Jahren als Münsteraner Tatort-Ermittler Boerne zusammen: „Corps, Burschenschaft, Sängerschaft, ist doch alles dieselbe braune Soße“, rief er. „Wir sitzen da in unseren Erdhöhlen, schwenken Hakenkreuzfahnen und grölen laut das Deutschlandlied, alle 97 Strophen. Allerdings nur, wenn wir nicht gerade kleine Kinder fressen.“

Das war lustig. Und ist leider wahr. Genau so oder so ähnlich blicken viele Deutsche heute auf Couleurstundenten herab. Wer Verbindung hört, denkt an Biersuff im Akkord und tiefe Narben auf gescheitelten Köpfen. Das solche Klischees alle mal irgendwo eine reale Grundlage hatten, aber längst nicht mehr auf alle Korporationen zutreffen, wird gerne ignoriert.

Vergessen ist auch das 19. Jahrhundert, in dem die Aufnahme in eine Korporation von links nach rechts, von Karl Marx (Landsmannschaft der Trierer zu Bonn) bis Richard Wagner (Corps Saxonia Leipzig) für Akademiker selbstverständlich war. Lange vorbei sind auch die Wirtschaftswunderjahre, in denen sich Spitzenpolitiker und Industriekapitäne untereinander an ihren Renommierschmissen er- und anerkannten. Einer der letzten großen Vertreter dieser Art ist Henning Schulte-Noelle. Die linke Wange des 68-jährigen Aufsichtsratschefs der Allianz ziert seit einer Partie für sein Corps Borussia Tübingen eine gute sichtbare Narbe.

Heute sieht es anders aus. Wer mal Verbindungsstudent war – ob aus Familientradition, Geselligkeit oder wegen des billigen Zimmers – und nun öffentlich auftritt, etwas als Politiker, hält sich meist sehr zurück. Auch aus Angst. Erst im vergangenen Juli verursachte der CDU-Politiker Christopf Ahlhaus in Hamburg Aufregung, als bekannt wurde, dass er assoziiertes Mitglied der Turnerschaft Ghibellinia zu Heidelberg war. Als die Grün-Alternative-Liste protestierte, erklärte Ahlhaus, er habe schon lange keinen Kontakt mehr zu der Verbindung uns außerdem gerade darum gebeten, ihn als Mitglied zu streichen. Kurze Zeit später war der aufrechte aufrechte Herr Bürgermeister.

Wohl auch deshalb, weil immer weniger Leute für Studentenverbindungen eintreten, ist die Stimmung heute so, wie sie ist. Da kann jeden dritten Tag eine Korporation angegriffen werden, ob mit Farb- oder Urinbeuteln, Fäusten oder Feuer. Es passiert nichts. Nach dem Motto: Wenn die Villen der Bändchenträger eingesaut werden oder abfackeln, trifft es schon irgendwie die Richtigen.

„Die Antifa ist gar nicht so groß hier, aber sie wird von der Stadt und auch von der Uni akzeptiert“, erzählt der 25-jährige Fuchsmajor der Göttinger Burschenschaft Hannovera bei Kaffee und Plätzchen im kleineren der beiden Kneipsäle des Hauses. Wohl auch deshalb will der Geschichtsstudent, der für den Nachwuchs, die so genannten Füxe, zuständig ist, seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Wie die zehn anderen anwesenden Mitglieder auch.

Und warum kriegt die Hannovera mehr auf die Mütze als alle anderen Verbindungen der Stadt? In ihrem konservativen Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) steht die Verbindung an sich im Ruf relativ liberal zu sein. Und in der legendär hübschen Opernsängerin Jenny Lind hatte sie im 19. Jahrhundert sogar mal eine Frau zum Mitglied. Ein Alter Herr verweist auf das Wesen der Burschenschaft, das sich von anderen Korporationen, etwa Corps, unterscheide: „Wir sind politisch aktiv und bekennend konservativ“, erklärt der pensionierte Bürgermeister, der trotz seines fortgeschrittenen Alters den Rücken auch im Sitzen noch durchdrückt, als hielte ihm einer einen Mensurschläger gegen das Kreuz. Zum anderen, sagt er mit leicht gequältem Grinsen, liege das Haus aus Sicht der Antifa so „schön zentral“.

Beim niedersächsischen Verfassungsschutz bestätigt man das gespannte Klima. Der Kampf gegen die Verbindungen der Stadt gehöre für die Göttinger Antifa seit den 90er Jahren „zum Programm“, erklärt ein Sprecher der Behörde auf Anfrage. Die linksextreme Szene dort sei für ihre Gewaltbereitschaft bekannt und „sehr agil“.

In der verbarrikadierten Villa der Burschenschaft Hannovera teilt man diese Bewertung. „Mit Band gehen wir nur auf die Straße, wenn wir mindestens zu viert oder fünft sind“, sagt der 27-jährige Sprecher und tippt mit dem Zeigefinger an die dünne, grüne-weiß-rote Seidenbahn, die sich unter dem Sakko über die Brust spannt. Alles andere wäre zu gefährlich, meint der Student der Arboristik (des Schutzes städtischer Baumbestände). „Vor einem Jahr haben sie ein paar von uns durch die Stadt gejagt. Erst war da nur einer, der hat dann am Handy telefoniert. Kurz darauf waren es drei, dann fünf, am Ende 20. Wir sind schnell ins Café rein und später unter Polizeischutz nach Hause.“

Die korporierte Kaffeetafel schaut einen Moment lang recht bedröppelt drein. Dann fängt der Fuxmajor an zu lächeln, wohl auch für den anwesenden Verbindungsnachwuchs. Ihre Burschenschaft, sagt er, seit 1848 gegründet worden, im Jahr der deutschen Revolution: „Wir haben uns nicht von Metternich unterkriegen lassen, und die Antifa wird es auch nicht schaffen.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 22.01.2011

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