Trotz eines Kommerses im Vorfeld des Fackelzugs, kamen die Corpsstudenten mehrheitlich wohlbehalten am Marktplatz an. Foto: Kreutzer

Trotz eines Kommerses im Vorfeld des Fackelzugs, kamen die Corpsstudenten mehrheitlich wohlbehalten am Marktplatz an. Foto: Kreutzer

In der Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichte Herr Philipp Weber folgenden Artikel:

Weinheim. Ein paar kräftige Windstöße rauschen durch den Wald, lassen die Funken fliegen. Der Geruch von verbranntem Wachs liegt in der Luft, ein Regenschauer ist gerade erst abgeklungen. Doch die Fackeln leuchten, die Bänder und Mützen sitzen, die ersten Lieder ertönen: Rund 700 Corpsstudenten aus 23 Städten haben sich vor der Wachenburg zum Fackelzug versammelt.

Der Zug zum Großen Zapfenstreich am Alten Rathaus ist der Höhepunkt der Weinheim-Tagung, dem alljährlichen Treffen von Mitgliedern studentischer Corps aus dem ganzen Bundesgebiet. Die jungen Männer – allesamt in einem von 58 Corps unter dem Dach des Weinheimer-Senioren-Convents (WSC) organisiert – warten. Einige nutzen die Zeit, um sich in einem Seitenweg zu erleichtern. Der Kommers, welcher dem Fackelzug vorausgeht, hat die eine oder andere Blase doch arg belastet. Auch bei den nachfolgenden Feiern in den Alstadt-Kneipen geht es süffig zu.

Tim Neff, angehender Maschinenbau-Ingenieur und Vorortsprecher des Corps Alemannia Karlsruhe, führt dieses Jahr den Vorsitz (Fachbegriff: „Vorort“) im WSC. Er läuft an der Spitze des Zuges, darf später den Zapfenstreich vornehmen – und fühlt sich in seinem Corps wohl. „Gerade in Zeiten verschulter Bachelor- und Masterstudiengänge haben Corps einen Mehrwert, was die sozialen Fähigkeiten betrifft“, führt er aus, bis ihn der Pressesprecher von vier großen Corpsverbänden unterbricht: „Es ist doch einfach eine Riesensause!“

Der Mann will seinen Namen nur ungern in der Zeitung lesen, dabei ist er ein Kenner der Corpshistorie: Die ältesten sind über 200 Jahre alt, weiß er. Sie sind älter als Burschenschaften, mit denen man nicht verwechselt werden will. „Unsere Ideale wurzeln in der toleranten Welt des 18. und frühen 19. Jahrhunderts.“ Das sei der Unterschied zu Verbindungen, die sich dem Nationalstaat oder einer Konfession verpflichtet fühlten.

Tatsächlich sieht man auch asiatische Gesichter, ein Student mit türkisch-muslimischem Hintergrund war schon Mal Ortssprecher. Fehlen nur noch die Frauen: „Eigentlich gibt es keinen Passus, der die Mitgliedschaft von Studentinnen untersagt“, meint der Sprecher, „allerdings hat noch keine Frau angefragt.“

Die Herzen der Damen will man(n) trotzdem erobern. Dem Zug voraus ziehen zwei „Füchse“ (Neumitglieder), die jeder Frau am Wegesrand eine Rose reichen. Zunächst geht es in steilen Kehren gen Altstadt, am Wegesrand liegen abgebrannte Fackeln. Jeder Stadtabordnung zieht ein Schildträger voraus. Besonders laut singen die Hamburger: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins…“

Johannes Rothert aus Karlsruhe (20), – Berufsziel: Chemieingenieur – , ist zum zweiten Mal im Zug, repräsentiert die fünfte Corpsgeneration seiner Familie. „Das mit der Traditionspflege ist bei der Tagung schon viel, aber man trifft eine Menge Leute.“

Ein Magdeburger hat hingegen Kritik anzufügen: Hier und da sei man auf die große Menge an Teilnehmern – die Wachenburg wird 100, der WSC 150 Jahre alt – nicht vorbereitet gewesen. „Aber wir haben das beste draus gemacht“, so der Agrarwissenschaftler.

Der Rest ist schnell erzählt: Die Corps erreichen die Stadt, die Kinder sind beeindruckt, die „Alten Herren“ (die Ehemaligen) lächeln gerührt. Zapfenstreich, „Helm ab!“ zum Gebet, eine Kapelle spielt gefühlte zwanzig Male einen Tusch. OB Heiner Bernhard spricht ein Grußwort, dankt den Corps für ihre Treue. Süßer Biergeruch wabert über den Platz. Man feiert noch eine Weile – bis Weinheims Taxifahrer die Gäste in die umliegenden Hotels und Pensionen bringen.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung