Am 10. Februar 2013 veröffentlichten die beiden Autoren Fabian Stark und Jonathan Allenberg folgenden Artikel über den Neujahrsempfang des VAC und KSCV:

Der Ballsaal des Adlon. Vorne redet Alexander Hartung, Vorsitzender des Verbands Alter Corpsstudenten. Bild: Jonathan Allenberg/TONIC

Der Ballsaal des Adlon. Vorne redet Alexander Hartung, Vorsitzender des Verbands Alter Corpsstudenten. Bild: Jonathan Allenberg/TONIC

Die Burschenschaften gelten als tradierte, rechte, versoffene Männlichkeits-Cliquen. Sie prägen das Bild aller Studentenverbindungen, auch das der Corps. Denen gefällt das gar nicht – sie wollen beweisen, dass sie anders sind.

Anfang Dezember sagte ich Spiegel Online, bei uns könne gern mal ein Burschenschafter seine Meinung veröffentlichen. Einen Monat später landet eine Mail in meinem Postfach, Betreff: „Corps: Studentenverbindungen im 21. Jahrhundert„. Ja, was machen Studentenverbindungen im 21. Jahrhundert? Was sind „Corps“, hat das was mit den Burschenschaften zu tun?

Es solle einen Empfang geben im Berliner Hotel Adlon, so die Mail, ausgerichtet von den „alten Herren„: ehemalige Studenten, die nun junge Studenten der Corps-Verbindungen finanzieren. Sie werden dort Schampus trinken und inhaltsleere Reden schwingen, in Couleur, mit Krupp im Rücken und affigen Mützen auf dem Kopf – so stellte ich mir das vor. Anschließend solle uns Journalisten, falls denn Zeit und Muße bestehen, ein Taxitransfer zum Verbindungshaus der Borussia nach Grunewald bringen, wo der Abend bierselig ausklingen werde. Es gibt nichts, was TONIC gleichzeitig so nah und so fern sein könnte. Bingo!

An jenem Samstagnachmittag läuft im Foyer des Adlon ein Barpiano, von dem man nicht richtig weiß, ob es echt ist oder vom Band. Die Menschen sind alt. Frauen mit KaDeWe-Beuteln weisen ihren Ehemännern mit einem störrischen Nicken entnervt den Weg in die richtige Richtung, die iMacs an der Rezeption zerstören den Supérieur-Chic der Vergangenheit. Der erste Redner wird später sagen: „Letztes Mal haben wir uns im Hamburger Grand-Élysée-Hotel getroffen. Mit dem Adlon konnten wir eine Schippe drauflegen.“ Ein alter Herr wird rufen: „Jawoll!“

Die „Mitte der Gesellschaft“ trägt ulkige Mützen.

Als Fotograf Jonathan und ich den Ballsaal betreten, fühlen wir uns fehl am Platz. Es wirkt sehr korrekt. Der Saal ist kaum größer als eine Turnhalle, und die alten Herren, die mit Janker und Sekt in Grüppchen stehen, füllen ihren Namen zur Gänze aus. Nur wenige Studenten sind hier. Nils Hempel, 25, Jura-Student von der Corps Marchia Berlin, zieht den Hut. „Sehr erfreut.“ Ebenso tun es Georg Bremer, 26, Architektur-Student von der Corps Borussia Berlin, Georg Lehmberg, 27, Corps Marchia Berlin, und Albrecht Fehlig, alter Herr und Pressesprecher. Sie selbst sprechen sich mit Nachnamen an: Hempel, Bremer, Lehmberg, Fehlig. Händeschütteln, Vorstellung, Händeschütteln, das Vergnügen ist ganz meinerseits. Sie reden schneller, als ich Stift und Block ziehen kann. Welche Fragen wir denn hätten, wer denn übrigens der sei, man könne sicher mit ihm reden, haben Sie schon einen Sekt, Jugendmagazin? – Toll! Die freundliche Aufmerksamkeit wird zum Stress, doch sie abzuwehren, wäre sicher nicht geboten.

„Silentio!“ Alexander Hartung steht auf dem Podest, er ist Vorsitzender der alten Herren, Unternehmer und Jurist, heute wohnhaft in der Schweiz. Der Hauptredner setzt an, der Saal schweigt.

„Corpsstudenten stehen heute in der Mitte der Gesellschaft,“ sagt Hartung und fragt, wer beim gegenwärtigen „Strom an die Unis“ die „wirklichen Führungskräfte“ ausbildet. Er erwartet auf die Frage keine Antwort, sondern schiebt nach: „Wir werden gebraucht.“ Die Corps seien weltoffen und tolerant: „Es gibt eine große Zahl von Corps mit Migrationshintergrund.“ Der junge Hempel sagt später, es gebe bei ihnen Schwule, Schwarze, Muslime, Juden. Und Hartung spricht von Aufklärung, Humanismus und den Bildungsidealen Alexander von Humboldts. Die Corps böten ein Netzwerk, Wohnort, Atmosphäre und „last but not least: Corps machen Spaß!“ Das wüssten sie, aber nicht die Öffentlichkeit, nicht die Medien. Pressesprecher Fehlig tippt mich an: „Damit seid ihr gemeint!“

Archaische Männerbünde, rechtsextrem und versoffen?

Als Hartung seine Zuhörer adressieren will, sagt er: „Geehrte Herren! – Ich meine: Verehrte Damen, meine Herren! Das ist die Macht der Gewohnheit.“ Der Saal lacht.

Um Eines aber ist es Hartung besonders ernst: Während die Corps politische neutral und vor allem nicht radikal seien, würden andere ein geschlossenes politisches Lager bilden. Die Lacher schreien vor Hohn, als er einige Male die so genannten Burschenschaften kommentiert, einen anderen Verband von Studentenverbindungen. Hartung wollte seine Corps positiv definieren. Bevor er das tat, grenzte er seinen Verband von anderen ab.

Die Burschenschaften fielen in Vergangenheit durch großdeutsche Fantasien auf und dadurch, dass ihre Mitglieder ihre deutschen Wurzeln darlegen sollten, nachdem Streit um einen chinesischstämmigen Burschi entbrannt war. Die Medien sprachen in Folge dieses Eklats oft vom erforderten „Ariernachweis“, worauf die Burschenschaften sich als Kampagnen-Opfer darstellten. „Was für ein Bild für die Öffentlichkeit!“, mahnt Hartung.

Die Burschenschaften dominieren die Schlagzeilen und stellen damit andere Studentenverbindungen in ihren Schatten. Die Tracht und Kultur, der Bierkonsum, die Tradition, Couleur und Zirkel sind jeweils ähnlich, und so sieht der Laie in Burschenschaften, Corps und Co. einen undifferenzierbaren Brei. Dabei rücken die Burschenschaften andere Studentenverbindungen in düsteres Licht: Alle gelten als archaische, versoffene und rechtsextreme Männerbünde.

Scharfe Klingen für die ganz besondere Selbsterfahrung

Der rote Fuchs und Fehlig, der Pressesprecher, mit einem so genannten Schläger im Fechtraum.

Der rote Fuchs und Fehlig, der Pressesprecher, mit einem so genannten Schläger im Fechtraum.

Dass dem bei den Corps nicht so sei, das wollen uns die jungen Hempel, Bremer und Lehmberg erklären – und dazu setzen wir uns in ein Rondell vor dem Ballsaal. „Burschenschafter“ oder „Buxen“, das seien Schimpfwörter für sie. Hempel sagt, einer von denen habe sich gerade auf Facebook als Gast für die Cocktailparty der Corps nächsten Freitag eingetragen – „Den haben wir explizit ausgeladen. Mit denen wollen wir keinen Kontakt.“

Als bestes Beispiel für den Unterschied dient dann ausgerechnet die Mensur: Bei den Corps müssen bei Turnieren mit scharfer Klinge fechten, der Dachverband der Burschenschaften ist nur fakultativ pflichtschlagend.

Diese Paukbrille, hier vor Hempel, schützt bei der Mensur, dem tatsächlichen Turnier.

Diese Paukbrille, hier vor Hempel, schützt bei der Mensur, dem tatsächlichen Turnier.

Wenn die Corps-Studenten in Partien gegeneinander antreten, ist das Gesicht lediglich durch eine Paukbrille geschützt, Schnittwunden, im Slang „Schmisse„, müssen daher sofort genäht werden. Lehmberg erklärt: „Man übertritt dabei eine Hemmschwelle, man muss ein Risiko eingehen. Diese Selbsterfahrung lehrt uns, wo unsere Grenzen liegen. Manchen Buxen machen den Eindruck, dass sie Schmisse immer noch wie vor 100 Jahren verstehen, als Zeichen von Männlichkeit – einige von ihnen würden es vielleicht als ‚aufrechtes deutsches Waffenstudententum‘ bezeichnen.“ Und solch Symbol sind Schmisse bei den Corps wohl nicht? „Nein, wenn man eine Narbe hat, bedeutet das ja, dass man einen Fehler gemacht hat. Trotzdem finde ich, man sollte sie zwar nicht mit Stolz, aber mit Würde tragen.“ Und wenn man sich besser schützt als nur mit einer Paukbrille? „Dann wäre das Risiko weg und damit auch die Angst und die Selbsterfahrung. Das kann jeder. Außerdem würde auch eine Hemmschwelle wegfallen für Leute, die nur auf Connections aus sind, ohne etwas investieren zu wollen.“ Gibt es für diese Selbsterfahrungdenn keine Alternative, bei der man sich keinen scharfen Schläger auf den Kopf haut, frage ich. „Es gab in den 70er Jahren Verbindungen, die es mit Fallschirmspringen versucht haben, da soll gleich jemand gestorben sein. Etwas Neues müsste schon wesentlich besser sein und den gleichen Effekt bringen. Aber selbst dann ist es hart, eine 200-jährige Tradition in den Wind zu schießen. Das Fechten hat sich bewährt.“

„Es ist ja nun nicht so, dass Frauen ausgeschlossen werden.“

„Bewährt“ hat sich manches und wurde darum beibehalten. Spricht man mit den jungen Corps über mögliche Änderungen, beginnt die Antwort oft mit: „Das ist sehr hypothetisch, aber…“ Ich frage: „Wie erklärt ihr, dass ihr auch 2013 keine Frauen zulasst?“

Bremer antwortet: „Man kennt das ja vom Weggehen abends, dass sich da mal die Jungs und die Mädchen trennen. Die wollen dann auch mal unter sich bleiben. Es gibt auch gemischte Verbindungen für Männer und Frauen. So ist für jeden etwas dabei und jeder kann sich aussuchen, was ihm am besten gefällt. Im Handballverein ist das genauso.“

Auf einmal geht es durcheinander.

Hempel: „Die Diskussionen in manchen Wissenschaften sind schon stark ideologisch geprägt.“

Lehmberg: „Für meine Freundin geht das klar, dass ich hier eben meine Jungs habe.“

Bremer: „Nach einem Wochenende unter Corps lernt man die Damengesellschaft erst wieder richtig zu schätzen.“

Hempel: „Damenverbindungen bestehen ja auch, und die haben großen Zulauf. Die haben eben keine Mensur.“

Lehmberg: „Es ist ja nun nicht so, dass Frauen ausgeschlossen werden. Heute Abend sind sie eingeladen, sie können in unsere Häuser, gerade zu den Bällen sind sie ausdrücklich erwünscht.“

Nur Mitglied werden, das können sie nicht.

Lehmberg verabschiedet sich zu Kumpeln nach Kreuzberg. Er wohnt nicht mehr im Haus der Corps Marchia und steht als nun Inaktiver davor, ein alter Herr zu werden. Bremer, Hempel, Fotograf Jonathan und ich hingegen nehmen ein Großraum-Taxi nach Grunewald ins Haus der Borussia. Sieben Studenten wohnen dort, wo die Party weitergehen soll. Der Portier des Adlon wünscht uns einen schönen Abend.

Ein Adler grüßt im Treppenhaus der Borussia Berlin. Bild: Jonathan Allenberg/TONIC

Ein Adler grüßt im Treppenhaus der Borussia Berlin. Bild: Jonathan Allenberg/TONIC

Das Haus Borussia ist eine Gründerzeitvilla mit Jagdhaus-Charme. Ein ausgestopfter Adler hängt im Treppenhaus, Berliner Lithografien schmücken die Wand, der Tresen, von dem nun das Bier fließt, sieht aus wie einem Brandenburger Gasthaus entwendet. Darüber hängt ein Porträt von Reichskanzler Otto von Bismarck. Halbe Brötchen mit Käse, Schinken und Salami. Wie essen die Corps? Die linke, flache Hand hält eine Serviette, die rechte Hand die Schrippe darüber. Ich empfinde mich als Rüpel, nehme mir schnell ein Papier vom Stapel – welches ich unmerklich in meiner Hand zerknittere.

Man wohnt zusammen, hat gemeinsame Bäder, seine Butze kann man gestalten, wie man will, man kocht in der Gemeinschaftsküche, „Ja!“-Salami und -Gouda liegen dort auf dem Herd. Wo ist der Unterschied zur WG? Hempel bringt es auf den Punkt: „In der WG nimmt einem niemand den Mantel ab.“ Wesentlicher scheint aber, was Lehmberg vorhin im Adlon gesagt hatte: „Man setzt sich Studienziele, und man passt gegenseitig darauf auf, dass sie eingehalten werden. Denn sich selber in den Hintern zu treten ist schwierig.“

„Wer am nächsten Morgen fechten muss, kann sich abends nicht betrinken.“

Der massive Stoffballen im Dachgeschoss dient im Training als Kopf des Gegners.

Der massive Stoffballen im Dachgeschoss dient im Training als Kopf des Gegners.

Hempel, Bremer, der Fotograf und ich sitzen nun an einem Tisch im Erdgeschoss, der „Kneipe“. Jeder hat ein Bier in der Hand. Ab zum Pflichtthema: Saufen. Was ist dran an den Kampftrink-Ritualen, an Studenten, die sich nach jedem Bier einen Finger in den Hals stecken, um dabei nicht besoffen zu werden – Kotzen und Saufen im Wechsel, bis 60 Gläser alle sind? Bremer meint: „Das geht gar nicht. Man kann nicht Bier in Massen trinken, wenn man am nächsten Tag um 6:30 Uhr aufstehen muss und fechten üben, vor der Uni. Das erfordert Disziplin.“

Hempel: „Es gibt das Ritual, dass man Schmolle trinkt, bevor man sich duzt. Da muss man ein Bier in einem Zug trinken. Aber selbst da ist es ein kleines Glas.“

Erst Ende 2012 hatte sich in München ein 22-jähriger Verbindungsstudent zu Tode gesoffen, ein 150 Paragrafen schweres Reglement soll bei den geselligen Abenden der Corps – so sieht es der FOCUS – zur Trinkfestigkeit erziehen. Und auf der Jungstoilette im Keller der Borussia hängt eine bauchige Wanne an der Wand. Kein Wasch-, sondern ein Kotzbecken: der so genannte Papst. Ist der Trinkzwang dennoch Unfug?

Bremer: „Ja, so etwas gibt es bei anderen. Das ist dann aber meist ein Zeichen dafür, dass es der Verbindung schlecht geht. Und oft sind das die, welche die Mensur abgeschafft haben – die brauchen etwas anderes, über das sie sich definieren. Sie sind dann eben nicht die, die gut fechten, sondern die am meisten trinken können. Die Corps würden in so einem Fall die jeweilige Verbindung aus dem Verband werfen.“

Hempel: „Damit kann man aber keine Mädchen beeindrucken. Oder nur wenige.“

„WG gesucht“, nicht reiche Papas: Das ist die Mitte der Gesellschaft.

Zwei Neulinge gesellen sich zu uns, ein fester, ruhiger Rotschopf und ein Schmaler mit schwarzen Haaren. Sie sind erst kürzlich im Haus eingezogen und absolvieren nun ihre Probezeit – das heißt hier: Sie sind noch Füchse. Beide sind über WG-gesucht.de auf das Haus Borussia gekommen, nicht über reiche Papas. Die Mitte der Gesellschaft also. Bevor sie sich mit WG-Castings herumschlagen müssen, nehmen sie lieber die Mensur in Kauf und zahlen dafür nur 100 Euro Miete.

Ob die beiden später vollwertige Mitglieder werden, entscheidet das Corps-Convent, basisdemokratisch. Etwa die Hälfte aller Füchse werden Corps-Studenten, sagt Bremer. Und die, die es nicht werden? „Da ist es auch etwa Hälfte-Hälfte. Entweder wir merken, die passen nicht zu uns, oder sie merken selbst, dass die Corps nichts für sie sind. Das ist dann für alle Seiten kein Problem.“ Doch worin die Kriterien bestehen, bleibt offen. Wohl auch, weil den Corps selbst die Worte fehlen, was für die zählt – Idealismus und Humanismus schieben sie ab auf Rotary und Lions‘ Club. Was wirklich wichtig ist, da sind sich alle einig, ist der „umgekehrte Generationenvertrag“: Neulinge müssen der Organisation treu bleiben und später als alte Herren die jungen unterstützen können.

Erfahren kann man das wohl nur, wenn man selbst Fuchs wird, der den alten Herren, wie Hempel meinte, „auf Augenhöhe gegenübertritt“ und die Tradition weiterträgt.

„Klar gibt es Elitenbewusstsein“, sagte Hempel. „Aber jede Gemeinschaft will Elite sein.“ Und das hat sich bewährt.

Quelle: Tonic Magazin

Anmerkung der Tonic-Redaktion:

Die Corps sind der älteste Verband von Studentenverbindungen in Mitteleuropa und entstanden etwa um 1800 aus Landsmannschaften, Studentenorden und den Ideen des Deutschen Idealismus. Der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV), in dem heute 2 000 aktive Studenten organisiert sind, steht dem Verband Alter Corpsstudenten (VAC) gegenüber, also 13 000 Akademiker und „alte Herren“, welche die jungen finanzieren und Seilschaften bieten.