Am 5.11.2012 wurde von Herrn Karl-Hermann Leukert folgender Beitrag in der Berliner Zeitung veröffentlicht:

In Couleur: Die Corpsbrüder bei ihrem Treffen. Foto: Gerd Engelsmann

In Couleur: Die Corpsbrüder bei ihrem Treffen. Foto: Gerd Engelsmann

Berlin – Wer Studentenverbindung hört, denkt an an Pflichtmensur, Burschenschaften und vermeintlichen Rechtspopulismus. Dabei gibt es allein in Berlin rund 50 traditionelle Verbindungen. Die ältesten unter ihnen, die sogenannten Corps, haben sich jetzt getroffen.

Im Festsaal des Hotels Marriot am Potsdamer Platz tummeln sich Hunderte von Corpsbrüdern in „Couleur“. Man sieht Fahnen, farbige Bänder, Burschenmützen, die manchmal auch „Stürmer“ oder „Tönnchen“ heißen. Und Bier, viel Bier, nur Bier! Vorne stehen die „Chargierten“ in „vollem Wichs“, aufgeregt wie junge Pfadfinder.

Der Dachverband der ältesten Studentenverbindungen in Deutschland, der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV), hat turnusmäßig, basisdemokratisch und streng nach dem Alphabet den Verbandsvorsitz an einen seiner Ableger vergeben: von W wie Würzburg nach B wie Berlin. Das wurde am vergangenen Wochenende zelebriert, als hätte Deutschland die Präsidentschaft im UNO-Sicherheitsrat übernommen.

Der neue Sprecher heißt Georg Bremer, ist Architekturstudent und bekennender Wehrdienstverweigerer, was angesichts der schweren Hiebwaffe an seinem Ledergurt, dem „Paradeschläger“, etwas seltsam wirkt. Für Bremer kein Problem: „Was hat die Bereitschaft, eine Mensur zu fechten, mit meiner Einstellung zum Kriegsdienst zu tun?“ Wie überhaupt der größte Kampf, den Corpsstudenten ausfechten müssen, der Kampf gegen das Klischee zu sein scheint.

Wer Corps hört, denkt an Heinrich Mann und den „Untertan“, an Pflichtmensur und an die Marotte, alles mögliche zu latinisieren, was mitunter zu skurrilen Verrenkungen führt, wie etwa bei der Gründung der Bado-Württembergia Göttingen (1825-1830).

Dabei stehen die über 200 Jahre alten Corps in scharfer Konkurrenz zu den später gegründeten Burschenschaften, deren Mitglieder verächtlich „Buxen“ genannt werden. Präsentieren die Buxen gern ihre Gesichter voller Schmisse, geht es den Corps um Charakterbildung durch innere Überwindung, bei der die Zurschaustellung von Verletzungen als unfein gilt. „Das verhält sich wie Porsche 911 zu Golf GTI“, macht Wendt-Dieter Freiherr von Gemmingen-Steinegg, Nachwuchsreferent im Verband Alter Corpsstudenten (VAC), deutlich – und lässt keinen Zweifel daran, wen er für die 911er hält.

Kontroversen, wie sie bei Burschenschaften stattfinden, etwa über deren unklares Verhältnis zum Rechtsextremismus, wären beim KSCV undenkbar. „Bei uns sind Juden und Moslems ebenso willkommen wie Asiaten oder Schwarzafrikaner“, sagt Corps-Pressesprecher Albrecht Fehlig. Geleitet vom klassischen Idealismus mit strikter Neutralität in politischen Dingen und unbedingter Toleranz gegenüber Andersdenkenden lösten sich viele Studentencorps im Nationalsozialismus lieber selbst auf, als ihre jüdischen Mitglieder rauszuwerfen.

Im Festsaal werden jetzt Reden geschwungen, unterbrochen von Studentenliedern und Trinkritualen wie dem „donnernden Schoppensalamander“. Die Anwesenden erheben sich zu einem „ad exercitium salamandri“, leeren die Bierkrüge in einem Zug, ehe sie sie klappernd auf dem Tisch absetzen. „Realität ist eine Halluzination, welche durch die Abwesenheit von Alkohol entsteht“, zitiert ein Redner Falco. Überhaupt fallen drei Dinge auf: die Gleichheit von Jung und Alt, geschliffene Umgangsformen und ein geradezu zwanghafter Bierkonsum.

Studentenverbindungen gibt es seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Neben den aus den Landsmannschaften hervorgegangenen Corps gründeten sich auch noch Burschenschaften, Turnerbünde, katholische Kartelle und Sängerschaften.

Schlagende Verbindungen sind nur eine Minderheit, wobei auch nur wieder ein gewisser Teil – wie die Kösener Corps – pflichtschlagend ist. Das heißt, die Mitglieder verpflichten sich, eine bestimmte Anzahl von Mensuren zu fechten. In der Regel wird nach einem gleichwertigen Gegner gesucht, der aus einem anderen Corps kommen muss. Während einer Mensur mit bis zu acht Waffengängen muss ein Arzt anwesend sein, schwere Verletzungen kommen heute so gut wie nicht mehr vor.

Die älteste Verbindung der Stadt ist das 1810 gegründete Corps Marchia Berlin. Zusammen mit Guestphalia, Vandalia-Teutonia, Normannia und Borussia bilden sie den Berliner Senioren-Convent, der wiederum Mitglied im Dachverband Kösener Senioren-Convents-Verband ist. Heute gehören dem KSCV 2.000 Studenten aus 104 aktiven Gruppen an. Dazu kommen 13.000 „Alte Herren“.

Nach dem Kommers, der Verbindungsfeier im Hotel, geht es in das Korporationshaus, eine alte Villa in Dahlem. Es ist der zweite Sehnsuchtsort der „Kösener“ nach der schauerlich schön verfallenen Rudelsburg hoch über der Saale. Corpsstudenten sind hoffnungslose Romantiker und das zeigt sich auch in der Ausstattung ihrer Korporationshäuser:

Ehemals prachtvolle Villen, die mit allerlei wilhelminischem Schnickschnack, ausgestopften Füchsen, Fahnen und dem unvermeidlichen Kotzbecken auf dem Klo, „Papst“ genannt, so lässig heruntergekommen wirken, als hätte ein Filmausstatter die Einrichtung künstlich nachaltern lassen. Die Korporierten stehen mit ihren Bierkrügen schneidig herum, als würden sie für ein Rollenspiel posieren – mit der Kaiserzeit als Projektionsfläche.

Die Zugehörigkeit zu einem traditionellen Verband – das ist es, was viele hier an der Corps-Mitgliedschaft reizt. Die Verbindungen werben aktiv um neue Mitglieder, stellen sich wie die Bundeswehr auf Abiturmessen vor, präsentieren sich an Hochschulen.

Was fehlt, sind die Frauen. Schwer zu sagen, welche Rolle sie spielen. Als Nichtmitglieder von den Kommersen ausgeschlossen, will man sie auch nicht zum „schmückenden Beiwerk“ degradieren, so Sprecher Fehlig. Die gern zitierte „Kastrationsangst“ schlagender Männerbünde vor der „Kastriertheit des weiblichen Geschlechts“ (Klaus Theweleit) wirkt heute etwas überstrapaziert. Vielleicht stören sie auch einfach nur beim Trinken.

Dafür stehen am Eingang zur Verbindungsvilla zwei Muskelpakete ohne Couleur. „Aus Sicherheitsgründen“, wie ein alter Herr trocken bemerkt, „es soll ja vorgekommen sein, dass ein Korporierter mehr trinkt als er verträgt.“

Quelle: Berliner Zeitung