In der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte der Autor Paul Hühnerfeld am 10.7.1952 in der Ausgabe Nr. 28 folgenden Aritkel:

Auch wer nicht „Niedersachse“ ist, erfährt das Programm dieser Verbindung am Schwarzen Brett in einem Wandelgang der Hamburger Universität. Dort hängt es zwischen vielen anderen Schwarzen Brettern: dem, der Verbindung „Albingia“, der Burschenschaft „Hansea“, dem Aushang des „Corps Thuringia Jena zu Hamburg“ [Anmerkung von corpsstudenten.eu: „Das Corps Thuringia Jena ging nach der Wende 1990 als erste Studentenverbindung an seinen ursprünglichen Hochschulort Jena zurück.“], des „Corps Irminsul“ …

Aber die Wandelhalle der Universität täuscht: Nur die Schwarzen Bretter prangen in den bunten Farben der Verbindungen – die Masse der Studenten ist „farblos“. Genau acht Prozent gehören in Hamburg einer Verbindung an. Freilich ist die Mitgliederzahl im Steigen, freilich ist der Prozentsatz an den älteren Universitäten in den kleineren Städten schon bedeutend höher; aber selbst dort, wo die Korporationen am stärksten sind, zählen sie nicht die Hälfte der Studenten. Deshalb zeigen sich die Probleme der Studenten von heute auch nicht an den „Farbentragenden“, sondern an den „Farblosen“. Die Studierenden von heute sind die zweite Studentengeneration nach dem Kriege. Gewiss: oftmals sind sie nur ein paar Jahre jünger als jene Männer und Mädchen, die 1945 zu studieren begannen und von denen die letzten gerade jetzt ihr Examen machen. Ach, damals: Ich war auf einer Universität, der nur die Kliniken übriggeblieben waren. In jenem Winter 1945/46 war es kalt, nirgendwo wurde geheizt. Nur die Kliniken waren warm. Wir hatten unsere erste Vorlesung morgens um 7 Uhr: „Die Ideenlehre Piatons.“ Nach dem Philosophen schritt der Mathematiker zum Podium, nach dem Mathematiker entrollte ein Assistent Lehrtafeln von menschlichen Organen, die eine medizinische Vorlesung ankündigten. Und danach sprang ein kleiner, weißhaariger Mann im schwarzen Rock auf das Podium: ein katholischer Theologe, siebzigjährig, langer KZ-Haft entronnen und doch jünger als wir alle, wenn er seine „philosophische Abrechnung mit dem Nationalsozialismus“ las. Nicht nur wegen der Wärme sind wir damals von 7 Uhr morgens bis zur orientalischen Teppichkunde um 5 Uhr nachmittags im Hörsaal sitzengeblieben: uns hatte die Leidenschaft des Geistes gepackt, und da wir sie bis dahin noch nicht einmal, dem Namen nach kannten, verfielen wir ihr.

Verbindungen haben wir nicht gehabt, wohl aber haben wir uns alle gekannt. Trat morgens einer um 7 Uhr in den Hörsaal und stellte fest, dass alle Sitzplätze‘ durch ein paar Kollegen schon für Freunde belegt waren, dann winkte einem immer jemand zu, dessen Namen man nicht wusste; und man konnte sich setzen. Trotz all ihres Eifers hat diese Generation keine glänzenden Examen gemacht. Sie hatten zu viel versäumt und nachher während des Studiums zu viel gehungert. Dennoch ist ihr von Eduard Spranger das Zeugnis ausgestellt worden, dass sie „aus der Erfahrung von vierzig Jahren“ gesehen, „die beste war, der ich je begegnet bin: „wenig Wissen, aber edelste menschliche Substanz.“ Der zweite Schub ist heute zwischen 18 und 22 Jahr alt. Die Professoren sagen über diese Studenten viel Gutes; sie wüssten mehr als die vorigen; sie seien von größerer Exaktheit, könnten klarer denken; sie gingen nüchtern und ohne Seitenwege auf ihr Ziel los. Es sei etwas Frisches an diesen Studenten, aber gleichzeitig etwas merkwürdig „Unjugendliches“: es fehle ihnen der Hang zur Torheit, den sie doch als junge Menschen noch haben müssten. Trieben sie aber doch einmal Unfug, so sei er ohne Charme und Witz – einfach grob. Die Richtigkeit dieser Behauptung haben in den letzten Tagen Aachener Studenten bewiesen: in einer sogenannten „Polternacht“ zu Ehren ihres neuen Rektors überfielen sie zwei sechzehnjährige Mädchen, schlugen einen Arbeiter nieder, verletzten die Besitzerin eines Nachtlokals …

Natürlich sind die Randalierenden aus Aachen nicht symptomatisch für die Studentenschaft: aber die Poesielosigkeit, die aus der Anlage ihrer „Streiche“ spricht, haben wohl viele andere Studenten mit ihnen gemeinsam, die selbstverständlich nie die Brutalität zu ihrer Ausführung aufbrächten. Ohne Poesie, ohne jede Romantik zu leben, ist für einen Menschen im gesetzten Alter vielleicht richtig – für jüngere aber kann es eine gefährliche Verkürzung des Fühlens, Wollens und Denkens werden. Der nur Nüchterne ist beileibe nicht derjenige, der einer Vermassung am besten widersteht. Im Gegenteil: Die Mächte, die uns aus unserer eigenen Persönlichkeit vertreiben wollen, machen nicht vor einem nur räsonnierenden Verstand, sondern höchstens vor einem vollen Herzen halt Wer ganz ohne das Irrationale lebt, wird schneller zum Roboter als ein Träumer.

Die Studenten von heute, die sich meistens ohne Zulassungsbeschränkung wieder an den Universitäten immatrikulieren lassen können, drängen weniger zu den Geisteswissenschaften, nicht sehr zahlreich zur Theologie, und sogar die Medizin ist als Modestudium von „gestern“ abgemeldet. Zwei Fakultäten aber werden vor dem neuen Ansturm wohl bald wieder den numerus [clausus einführen müssen: die juristische und die volkswirtschaftliche. Vor allem die letzte ist überlaufen. Ihre Studenten kennen nur ein Ziel: nach dem Examen in der Industrie unterzukommen.

So ergibt sich das groteske Bild, dass die ersten Nachkriegsstudenten – obwohl so unwissend – wahrscheinlich geistiger gewesen sind als die Studenten von heute. Sie hatten sich ein Weltbild zusammengebaut, das zwar in den meisten Fällen wohl fragmentarisch blieb, unabgeschlossen, aber auch offen. Die Professoren wurden damals von der unbeholfenen Leidenschaft der Studierenden angesteckt: sie haben ihnen geholfen, haben sich über sie geärgert, haben sie sogar durchs Examen fallen lassen – aber sie haben sie gekannt und geschätzt. Niemals – höchstens in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg – sind deutsche Professoren so weit von ihrem Podium in den Hörsaal vorgestoßen wie in jenen Jahren. Niemals seit langem waren auch sie so würdig der Rede des Alkibiades, die er auf seinen Lehrer Sokrates hält.

Heute stehen sie zurückhaltender auf ihrem Pult als je. Zum größten Teil ist ihre Arbeitsüberlastung daran schuld. Ein bestimmter Ordinarius der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Hamburg zum Beispiel hat über tausend Hörer in seinem Kolleg, Hunderte in seinen Seminaren. Dieser Ordinarius hat zwei Assistenten, mehr Planstellen sind nicht vorhanden. Es gibt zwar im selben Fach noch einen Extraordinarius und mehrere Privatdozenten, aber die dürfen keine Prüfungen vornehmen. Zu wenig Stellen, eine veraltete Prüfungsordnung, die nur dem Ordinarius das Examensrecht gestattet: und die Studenten werden gezwungen, sich schon frühzeitig auf den überlasteten Professor zu konzentrieren, obwohl der Privatdozent nebenan nur zehn Hörer unterrichtet. Dies Beispiel gilt für alle Universitäten …

Ohne Kontakt mit ihren Professoren, ohne Kontakt untereinander (wenn sie nicht einer Verbindung angehören) — so verläuft das Leben vieler Studenten von heute. Die „Universitätsjahre“ werden nicht mehr zur schönsten Zeit des Lebens, obwohl viele Studenten doch wieder relativ sorglos leben könnten: denn über 70 v. H. von ihnen bestreiten heute das Studium schon wieder aus dem Geldbeutel des Vaters. Die Universitätsjahre werden zur „Fachausbildung“: deshalb sind auch Hochschulwechsel heute so sehen, obwohl es wieder die Möglichkeit dazu gibt.

Der Gefahr dieser Jugend, ins Gestaltlose zu versinken, keine Bindungen mehr einzugehen und anzuerkennen, versuchen die Verbindungen ohne Zweifel entgegenzutreten. Freilich tun sie es oft auf eine Weise, die veraltet ist oder gar reaktionär. Darum ist es nötig, dass andere, die Universität selbst oder Privatleute, den Studenten helfen. Eine solche Hilfe ist das Leibniz Kolleg in Tübingen: 50 bis 60 Studenten wohnen in diesem Haus und versuchen, durch ein studium generale zu neuen studentischen Gemeinschaftsformen zu kommen. Ähnlich ist es im Collegium academicum in Heidelberg, im Aasee-Haus in Münster und im Fridtjof Nansen Haus in Göttingen. In Hamburg hat das Christopherus-Werk, von Kaufleuten ins Leben gerufen, schon vor Jahren Geldmittel zum Bau eines Hauses gesammelt und mit dem Bau inzwischen auch begonnen. Im fertigen Haus sollen etwa hundert Studenten wohnen und arbeiten können. Auf christlicher, aber nicht konfessioneller Grundlage sollen die Studenten sich wieder zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Aber gerade dem Christopherus Werk in Hamburg fehlt noch das Geld, den Bau zu beenden: Mäzene für die deutsche Jugend werden gesucht. Sie würden sie weniger vor äußerer Not als vor innerer Bindungslosigkeit bewahren.

Quelle: DIE ZEIT

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