Die Linke und das Biest

Kommentar: Proteste gegen Verbindungen auf der BlauPause

Sarah van der Biezen

Sarah van der Biezen

Eine bunte Stadt, eine bunte Uni, die BlauPause eine bunte Veranstaltung… wären da nicht diese braunen Schandflecken. Es hatten sich auch fünf Studentenverbindungen angemeldet. Grund zum Aufschrei für viele.

„Burschis raus, sonst BlauPause kaputt“, „Mit Burschis keine Feste feiern! Geschichtsrevisionisten, Sexisten, Nationalisten, Verbindungen konsequent angehen!“, „Keine Party mit Patrioten: Burschenschaften von der BlauPause ausschließen!“, las man im Vorfeld im Netz.

Als jemand, der gegen jede Art von Ungerechtigkeit angeht, sei es Rassismus, Sexismus oder einer der vielen anderen Missstände, die vor unseren Augen liegen, bin ich schockiert, auf welch unreflektierte und gefährliche Art der Protest linker Gruppierungen gegen Verbindungen auf der BlauPause in Bochum geführt wurde. Ich entschied mich auf der BlauPause, meine Fahne für eine Studentenverbindung hochzuhalten. Warum?

Gerechtes Engagement gegen Rechts oder künstliche Stilisierung von Feindbildern? Linke und Grüne AktivistInnen demonstrierten auf der BlauPause gegen Studentenverbindungen. Bild: Michael Döring

Gerechtes Engagement gegen Rechts oder künstliche Stilisierung von Feindbildern? Linke und Grüne AktivistInnen demonstrierten auf der BlauPause gegen Studentenverbindungen. Bild: Michael Döring

Verbindung kann tolerant

Die Antwort ist einfach: Das Corps Neoborussia Berlin zu Bochum, für das ich meine Fahne hochhalte, folgt dem Toleranzprinzip. Sie schließen keine Studenten aus, solange sie keine Extreme vertreten. Wichtigster gemeinsamer Nenner: Toleranz, Interesse an Tradition, Studium und Gemeinschaft. Das gilt auch für die anderen Corps und auch viele andere Verbindungen. Viele Burschenschaften sind mittlerweile aus dem äußerst rechten Dachverband Deutsche Burschenschaft ausgetreten, weil sie deren Grundsätze nicht mehr vertreten. Es gibt viele Damenverbindungen oder sogar gemischte Verbindungen. Die Verbindungslandschaft ist also zu großen Teilen nicht das, was sie laut der Protestaktionen zu sein scheint.

Zu Feindbildern stilisiert

Was für ein Bild bot sich mir aber auf der BlauPause: Schon im Vorfeld der Veranstaltung, die von den Verbindungen konstruktiv getrennt genutzt werden wollte, um Vorurteile abzubauen, wird ein Feindbild aus dem Boden gestampft, das nicht besteht. Behauptungen werden verbreitet, Kommunikation findet nicht statt. Menschen, die nach dem Toleranzprinzip leben, werden zu Feindbildern stilisiert und mit Lügen und verdrehten Tatsachenberichten in das Licht gerückt, in dem die Protestierenden ihre „Gegner“ brauchen, um ihre Argumente rüber zu bringen. Ich darf zwar als Frau nicht bei jeder Verbindung Mitglied werden, aber wenn wir nur danach urteilen, können wir auch anfangen, katholische Organisationen anzugreifen, die sich auf der BlauPause ohne Protest präsentieren können. Ich befürchte, dass der Kampf für Feminismus und gegen Rassismus immer mehr verwässert wird. Dass bald zum Feind wird, wer nicht ausnahmslos allen, teilweise radikalen Anforderungen der feministischen oder linken Bewegungen nachkommt. Und das ist der Grund, warum ich in diesem Kampf die Formation verlasse. Ich sehe die Sache in Gefahr. Menschen, die keine TäterInnen sind, werden in den Fokus des Kampfes gestellt, während die wahren Ziele links liegen gelassen werden.

Ich kann und möchte nicht für alle Verbindungen sprechen, weiß aber, dass es gefährlich ist, ein Problem, das mit einem Teil der Burschenschaften besteht, auf die gesamte Verbindungskultur zu verallgemeinern.

Klärt Euch auf. Lest über die Unterschiede, geht auf die Menschen zu. Kümmert Euch um wirkliche Missstände, damit der Protest nicht die falschen Ziele trifft!

:Gastautorin Sarah van der Biezen

Unsere Gastautorin (30) stammt aus Köln und ist Photokünstlerin, Mutter einer Tochter und bekennende Third-Wave-Feministin. Ihr Lebensgefährte ist Mitglied der Corps Neoborussia-Berlin zu Bochum und Baltica-Borussia Danzig zu Bielefeld. Durch ihre zahlreichen Besuche dort war sie in der Lage, einen intensiven Einblick in das verbindungsstudentische Milieu zu erhalten.

Quelle: Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung