Wolfgang Hoffmann, Autor bei der Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlichte am 25.11.1988 folgenden Artikel:

Hans Friderichs sieht seine Berufung in den Aufsichtsrat als späte Wiedergutmachung

Die Berufung von Hans Friderichs zum Aufsichtsratsvorsitzenden des europäischen Luftfahrtkonsortiums Airbus Industries kam gar nicht mehr so überraschend — jedenfalls nicht für die Insider. Sein Name war bereits seit vierzehn Tagen im Gespräch.

Ist das nun die endgültige Rehabilitierung von Hans Friderichs, einem der drei Angeklagten im spektakulären Bonner Flick Prozeß?

Friderichs selbst wird die Formulierung „Rehabilitierung“ nicht gefallen, geht es doch aus seiner Sicht um Wiedergutmachung Über eine gewisse Ungerechtigkeit der Welt kommt Friderichs jedenfalls nicht so leicht hinweg. Sie besteht darin, daß er wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, während andere davonkamen, die doch sehr viel länger und intensiver damit beschäftigt waren, die Republik zu kaufen.

An der Ungleichbehandlung ein und desselben Tatbestandes gibt es in der Tat nichts zu deuteln. Wäre Hans Friderichs in Frankfurt, am Ort der strafbaren Handlungen, angeklagt worden und nicht in Bonn, wäre das Verfahren eingestellt worden. Jedenfalls war dies bei seinen Vorstandskollegen der Fall, auch bei denen der Deutschen Bank wie der Commerzbank. Es steht dahin, ob die Einstellungspraxis der Frankfurter Justiz etwas mit Recht zu tun hat oder nicht vielleicht sehr viel mehr mit der Finanzmacht, die sich in der MainMetropole konzentriert hat. Immerhin hat sogar der Rechnungshof schon einmal den Bonner Finanzminister heftig dafür kritisiert, daß ausgerechnet die mächtige Frankfurter Finanzwelt von Betriebsprüfungen des Finanzamtes verschont blieb, während man ansonsten doch den kleinsten Krautern kein Pardon gibt.

Zu seiner eigenen Sache sagt Friderichs heute in der Rückschau: „Ich habe in meinem beruflichen Leben viel Glück gehabt, nun habe ich auch mal Pech gehabt Richtig ist, er hatte Glück. Von Wittlich aus zog der Sohn eines Eifeler Landarztes in die große Welt, studierte Juristerei und Nationalökonomie, absolvierte beide juristischen Staatsprüfungen, promovierte dazwischen in Graz zum Dr rer pol mit einer Arbeit über den Arbeitsdirektor. Darin schlägt er sich schon auf die Seite des Kapitals. Zitat aus der Dissertation: „Gegen eine Beteiligung von Arbeitnehmervertretern an der Unternehmensleitung ist nur in dem Fall nichts einzuwenden, wenn diese willens und in der Lage sind, sich den wirtschaftlichen Erfordernissen des Unternehmens nicht nur zu unterwerfen, sondern auch bei der Wahrung dieser Erfordernisse aktiv und unabhängig mitzuwirken “ Nach vierjähriger Tätigkeit als Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Rheinhessen holte Hans Dietrich Genscher ihn 1963 in die FDP Bundesgeschäftsstelle nach Bonn, machte ihn zu seinem Vize, ein Jahr später zu seinem Nachfolger als Bundesgeschäftsführer. In diesem Amt blieb Friderichs bis 1969, während seiner Zeit leitete er den Wechsel im Parteivorsitz von Erich Mende zu Walter Scheel ein. Dabei gelang ihm das nicht gerade leichte Kunststück, nicht in den Ruf eines Königsmörders zu geraten. Unbestritten ist sein Verdienst am;ZustandSkdmmen der Koalition zwischeir FDP und SPDff&T: „; V Friderichs allerdings hatte Bonn vorher verlassen, sich in Rheinland Pfalz, wo Helmut Kohl als Ministerpräsident mit der FDP koalierte, als Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und Umwelt verpflichtet.

Als die FDP nach verlorener Landtagswahl im Frühjahr 1972 die Regierung in Mainz verließ und in die Opposition wechselte, blieb der beamtete Staatssekretär Friderichs als einziger FDP Mann im Amt. Das war mit den Freunden abgesprochen, gleichwohl ein wenig gegen den Komment, y“ was keiner besser hätte wissen müssen als Teutonia Corps Student Hans Friderichs. Geschadet hat ihm das nicht, auch wenn er sich mit dem Verbleiben in Mainz den Ruf einhandelte, Friderichs denke zuallererst immer an Friderichs. Sein Lebensweg ist frei von Anbiederei und Gruppensolidarität, das zumindest bestätigt den nachgesagten Ruf. Immerhin ist er damit ehrlicher als jene, die um sich herum die Aura preußischer Tugenden verbreiten — alles für den Staat, nichts für sich selbst -, – – „“ , Auf NummerSicüher ging ?Friderichs weiter in jenem chaotischen Politjahr mit Schillers Rücktritt, Barzels konstruktivem Mißtrauensvotum, der späteren Parlamentsauflösung, Neuwahlen und schließlich Bildung der sozialliberalen Koalition. Da erst folgte er Walter Scheels Angebot, in Bonn Wirtschaftsminister zu werden. Die Berufung war nicht unumstritten. Alternativ zu Friderichs stand Liselotte Funcke zur Wahl, die finanzpolitische Sprecherin der Partei. Sie wurde nicht nur vom linksliberalen Flügel favorisiert, sondern auch von Martin Bangemann, Werner Maihofer und sogar Otto Graf Lambsdorff. Scheel indes verfolgte unbeirrt sein Ziel — Hans Friderichs.

Er konnte kaum anders. Aus Wirtschaftskreisen hatte er einen Erpresserbrief bekommen, den Arnulf Baring in seinem Buch „Machtwechsel“ anonym zitiert. Das Schreiben sprach Frau Funcke Qualifikationen für das Ministeramt ab, weil sie angeblich das Unternehmen ihres Onkels in den Konkurs gewirtschaftet habe. Der Autor des Briefes, ein Unternehmer, endet dann mit den Zeilen: „Es wird sich nicht umgehen lassen, in des Öffentlichkeit mit größerer Offenhei, über diejttalifikation von Frau Funcke zu berichten, sofern die Entscheidung zugunsten von Frau Funcke ausfallen sollte “

In Bonn machte der Benjamin (gerade 41 Jahre alt) des neuen Kabinetts bald von sich reden. Das Management der Darstellung seiner Wirtschaftspolitik beherrschte er mindestens so gut wie zuvor Karl Schiller. Wache Intelligenz, organisatorisches Geschick und die Formulierungsgabe— zuweilen nicht frei von Zynismen — erwiesen sich als nütz liehe Begleiter. Allerdings gerät er bald zwischen die Fronten in der eigenen Partei. Er gilt als Anvalt, sogar als Staranwalt der Wirtschaft, die ihn lätschelt und als Gesprächspartner sucht. Das bringt ihn bei den Linken in der eigenen Partei in Verruf. Dort nämlich möchte niemand hinter das Freiburger Programm der FDP zurück, sondern endlich mit der dort beschlossenen „Reform des Kapitalismus“ Ernst machen. Das hieß, die Ökonomie mit den sozialen Anliegen der Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Friderichs Sache war das nicht, schon gar nicht in der Situation, in der sich die Koalition in den iiebziger Jahren befand. SPD und Linksliberale vollten Ernst machen mit der Demokratisierung auch der Wirtschaft Über seinen Part sagt Friderichs heute: „Ein Großteil der Wirtschaft stand der Koalition skeptisch gegenüber, und bei der SPD gab es eine Fülle von dirigistischen Programmen, vor denen die Wirtschaft Angst hatte. Da ergab es sich automatisch, daß sich sehr viele mehr :um Wirtschaftsminister hingezogen fühlten “ Auch als stellvertretender Parteivorsitzender, seit 1974, verschloß er sich linksliberalen Tendenzen. Er stieß sogar die eigene Partei vor den Kopf, ds die etwa mehrheitlich vor dem weiteren Zubau von Kernkraftwerken warnte und für ein Moratorium eintrat. Friderichs blieb, was er immer gewesen ist, ein liberaler Starrkopf, dem eigenen Standort verpflichtet. Und er setzte sich in der Partei durch. Die Kieler Thesen des Jahres 1977 zur Wirtschaftspolitik sind gemessen an der FDP von Freiburg (1971) eine Rückbesinnung auf den alten Kapitalismus der freien Marktwirtschaft. Mit knapper Mehrheit wurde gerade noch verhindert, das Wort „sozial“ vor Liberalismus zu streichen. Nach dem gewaltsamen Tod von Jürgen Ponto, dem Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, neben Hermann Josef Abs die zweite überragende Persönlichkeit in der bundesdeutschen Finanzwelt, urde völlig überraschend Hans Friderichs als Nachfolger berufen. In der Bankenwelt quittierte man dies mit hämischen Bemerkungen. Friderichs sei der teuerste Banklehrling, weil ihm nämlich die zur Führung einer Bank notwendige Lehre fehlte. In Bonn legten die Parteifreunde seinen Weggang als Fahnenflucht aus. Die Wirtschaft hatte zu der Zeit — Herbst 1977 — einen Tiefpunkt erreicht. Friderichs rechtfertigte seine neue Aufgabe mit der „gesamtwirtschaftlichen Bedeutung“. Mach dem Terror — Ponto war tot, Schleyer gerade entführt und später ermordet — sei es ein ertrauensbildendes Signal, daß niemand anders ds der Wirtschaftsminister die Ponto Nachfolge mtreten würde.

Der Unternehmensberater Maximilian Schusarth hielt Friderichs Berufung nachgerade für deal und meinte, der Wirtschaftsminister sei eigentlich in seinem Herzen nie ein Politiker gewesen. Die Anfeindungen der Branche gegen den ungelernten Banker hat Hans Friderichs auch relativ rasch überstanden. Die Sanierung des angeschlagenen AEG Konzerns ist mit sein Verdienst gewesen. In der Nachschau erinnert er sich an sein „schrecklichstes Jahr“ und meint: „Wer damals alles in der Wirtschaft abgelehnt hat, in den AEGAufsichtsrat einzutreten und an der Sanierung mitzuwirken! Die Namen lasse ich lieber weg “ 1983 wurde Friderichs Vertrag verlängert, im Frühjahr 1985 trat er dann doch zurück. Die Bonner Staatsanwaltschaft saß ihm zuheftig“im Nakken, der Bank drohte Schaden. Zwar hatten ihn seine Berater in der Ansicht bestärkt, daß es bei ier Anklage wegen Bestechlichkeit im Zusammenhang mit der Steuerbefreiung für Friedrich Flicks Firmenverkäufe gar nicht erst zur Eröffnung des Hauptverfahrens kommen werde. Als darin aber die Staatsanwaltschaft in Bonn auch noch das Verfahren wegen Steuerhinterziehung übernahm und nicht wie in den anderen Fällen der Frankfurter Justiz überließ, hatten sich Friderichs Chancen weiter verschlechtert.

Vom Vorwurf der Bestechlichkeit wurde Friderichs ebenso wie Lambsdorff freigesprochen, wie vorausgesagt. Allerdings blieb „ein erheblicher Verdacht, daß von Brauchitsch den ehemaligen Bundeswirtschaftsministern Dr. Friderichs und Dr. Graf Lambsdorff die angeklagten Barzahlungen tatsächlich hat zukommen lassen“.

Zum schlechten Schein gehört auch der Umstand, daß Friderichs Unterlagen aus seiner Kreuznacher Parteizentrale vernichtet hat. Heute sagt er, daß dies „ein Fehler war, um so mehr, als in den Unterlagen nichts zum Thema Flick vorhanden war“. Er erklärt die Reaktion mit der damals herrschenden Hysterie, mit der gegen jeden Spender ermittelt wurde. Und da die Aufbewahrungspflicht für diese Unterlagen ohnedies abgelaufen war, ist die Vernichtung auch kein krimineller Akt gewesen.

Das Urteil wegen Steuerhinterziehung, es betrifft ausschließlich Friderichs Tätigkeit bei der Dresdner Bank, deren Millionenzahlungen unter Ponto begannen, fiel vergleichsweise milde aus: 150 Tagessätze; der Mitangeklagte Lambsdorff hatte immerhin 500 Tagessätze erhalten. Das Verfahren wegen Steuerhinterziehung wäre sogar in Bonn eingestellt worden, hätte die Staatsanwaltschaft bei einem entsprechenden Vorschlag des Gerichts mitgezogen. Da freilich schon bekannt war, daß die Verfahren wegen Bestechlichkeit zum Freispruch führen würden, hat die Staatsanwaltschaft der Einstellung nicht zugestimmt.

Friderichs Anläufe, über das Europäische Parlament zur Politik zurückzukehren, gingen nicht von ihm aus, sondern von Bonn. Die Spitzen der Partei hatten ihn dazu gedrängt, daß er dann schon in Rheinland Pfalz durchfiel, war nicht absehbar. Getroffen hat ihn das nicht. Dagegen hat ihn der Stil, mit dem man ihn bei der Deutschen Sporthilfe behandelt hat, verletzt. Erst nachdem er gebeten wurde, die Nachfolge von Josef Neckermann anzutreten, setzte die Kampagne ein, vor allem von Roland Mader, Präsident des deutschen Volleyball Verbands, geschürt: „Der oberste Spendensammler des deutschen Sports kann nicht jemand sein, der durch Spendenaffären in die Schlagzeilen geraten ist Daß Friderichs seit sieben Jahren Stellvertreter bei der Sporthilfe ist, stört offenbar nicht.

Zur neuen Aufgabe als Vorsitzender des Airbus Aufsichtsrates mag Friderichs sich noch nicht äußern. Das Geschäft ist nicht neu, es gehörte schon zu seinen Aufgaben als Bonner Wirtschaftsminister. Er war es auch, der dieses Projekt zu Lasten eines zweiten kleinen Mittelstreckenflugzeugs VFW 614 bevorzugte, obwohl er ansonsten grundsätzlich gegen jede Art von Protektionismus Front bezog. Aber die ganz reine Lehre hat auch Friderichs nie praktiziert. Heute sagt er: „Man kann die Protektionismusfrage nicht auf ein Produkt konzentrieren, bei dem es auf dem Weltmarkt nur noch einen Wettbewerber gibt, der indirekt auch gefördert wird und zudem einen gigantischen Marktanteil hat. Von dem Marktanteil, den der Airbus heute hat, haben wir damals bei unserer Entscheidung nicht einmal zu hoffen gewägt. Allerdings hatten wir damals gehofft, bei den Stückzahlen, wie sie heute erreicht werden, mit Gewinn zu fliegen “

Dieses Ziel freilich hat nicht einmal der omnipotente Franz Josef Strauß als langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender bei Airbus erreicht. Wird Friderichs es schaffen, ein Mann ohne den politischen Einfluß, den Strauß aus Bayern in Bonn jederzeit mobilisieren konnte? In seiner typischen Art, die sogleich auch eine Spitze gegen Strauß enthält, sagt Friderichs dazu: „Meinen Vorteil sehe ich darin, daß ich vielleicht ein wenig mehr Zeit für diese Aufgabe lockermachen kann “

Quelle: DIE ZEIT