Der Journalist Philipp Weber der Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichte folgenden Artikel über die Weinheimtagung 2014:

Großer Zapfenstreich: Die RNZ sprach mit Corpsstudenten über deren Werte und Anschauungen

Jedes Corps hat seine eigenen Farben, die auch diese Greifswalder tragen.

Jedes Corps hat seine eigenen Farben, die auch diese Greifswalder tragen.

Weinheim. Das unbedingte Toleranzprinzip, darauf kommt es an. Das ist dem Hamburger Corpsstudenten Moritz Weilandt, 22, wichtig. Ebenso seinem Aachener Kommilitonen, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die beiden jungen Männer haben sich Zeit für einen Plausch mit der RNZ genommen. Sie sind dieses Jahr nicht beim Fackelzug des Weinheimer Seniorenconvents (WSC) dabei; stattdessen erleben sie den Höhepunkt des am Samstag zu Ende gegangenen Corpstreffens als „Streifenposten“: Sie sollen darauf achten, dass sich keiner ihrer 300 bis 400 Kameraden über Gebühr betrinkt – oder sich dem weiblichen Geschlecht unsittlich annähert.

Jedes Corps hat seine eigenen Farben, die auch diese Greifswalder tragen.

Jedes Corps hat seine eigenen Farben, die auch diese Greifswalder tragen.

Wer sich daneben benimmt, muss eine saftige Geldstrafe berappen. Solche Sanktionen drohen gegen 22 Uhr (noch) niemandem, auch der RNZ nicht – wenngleich die Männer unzufrieden sind mit der medialen Wahrnehmung ihrer Vereinigungen. „Manche Leute stellen uns als reaktionär oder gar rechtsradikal dar; dabei ist eine politische Betätigung im Namen des Corps verboten.“ Ihre Verbindungen stünden Angehörigen aller Fachrichtungen, Nationalitäten und Religionen offen. „Wir haben einen Kameraden, der bestimmte Meditationszyklen einhält; das ist für uns kein Problem.“

Es ist eine Verwechslung, die den jungen Männern offenbar ernsthaft zu schaffen macht: Während ihre nach eigenen Angaben liberal-studentische Corpstradition dem 18. Jahrhundert entstammt, sind die Burschenschaften – mit denen man nicht in einen Topf geworfen werden will – ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Einer Zeit, in der der Nationalstaat eine größere Rolle spielte.

Der Markplatz am Samstagabend: Die studentischen Fackelträger versammeln sich zum großen Zapfenstreich. Fotos (3): Kreutzer

Der Markplatz am Samstagabend: Die studentischen Fackelträger versammeln sich zum großen Zapfenstreich. Fotos (3): Kreutzer

Kameradschaft, Engagement, Höflichkeit und gemeinsames Feiern. Das seien weitere Kennzeichen des Corpslebens, erläutert Weilandt bei einem frischen Glas Bier. „Das wird natürlich als konservativ wahrgenommen, auch wenn es politisch nicht unbedingt so gemeint ist“, so der angehende Psychologe. Werte und ihre Wahrnehmung: ein weites Feld. Man könnte noch weiterplaudern – wenn da nicht die Fackelträger wären. Sie haben den Weg von der Wachenburg in die Stadt heil überstanden – und füllen den Marktplatz, dessen Ränder bereits voller Zuschauer sind. Fasziniert schaut Stephan Reichert auf das Display seiner Handykamera. Der 48-jährige Australier arbeitet in Mannheim, wohnt aber in der Zweiburgenstadt. „Wunderschön, so etwas haben wir in meiner Heimat nicht“, schwärmt er. Auch Nicole Reize (30) und Jan Kober (29) schauen sich das abendliche Spektakel nach einer gemeinsamen Wanderung an.

Der Rest verläuft traditionsgemäß: OB Heiner Bernhard heißt die Gäste in seiner (Jubiläums-)Stadt willkommen. Dann darf Lukas Rebentisch aus Hannover – das Corps Hanoverana fungiert dieses Jahr als Hauptorganisator – den großen Zapfenstreich vornehmen. Die Kapelle spielt, macht Pause, spielt weiter. „Mütze ab zum Gebet!“ Ein getragenes Stück, dann die deutsche Nationalhymne. Der Versuch, die toleranten Hamburger für ein weiteres Gespräch zu finden, bleibt in dem nun ausbrechenden Gewühl erfolglos.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung