Rechtsextreme Töne innerhalb der Burschenschaften beschädigen den Ruf anderer Verbindungen. Im Gastbeitrag [in der Thüringer Allgemeinen / Thüringen zum Sonntag] meint Landtagsdirektor a.D., Joachim Linck: In der Mehrzahl sind studentische Korporationen weltoffen

Prof. Dr. Joachim Linck, Landtagsdirektor a.D.

Prof. Dr. Joachim Linck, Landtagsdirektor a.D.

Rechtsextreme und nationalistische Töne innerhalb der Deutschen Burschenschaft begleiteten deren diesjährigen Verbandstag, den Burschentag, in Eisenach. Die Kritik in der deutschen Presse war nahezu einhellig − und das zurecht. Auch die Distanzierung der Corps fiel deutlich aus − das wünschte man sich in dieser Klar- und Entschiedenheit noch häufiger.

Zur Erinnerung: Dem Verbandstag lagen Anträge vor, nach denen nur Söhne von deutschstämmigen Eltern in die Mitgliedsverbände der Deutschen Burschenschaft aufgenommen werden sollten. Außerdem sollte eine Burschenschaft, die einen Studenten mit deutschem Pass aufgenommen hatte, der aber chinesische Eltern hat, aus der Deutschen Burschenschaft ausgeschlossen werden.

Zwar wurden beide Anträge aufgrund der öffentlichen Entrüstung nach einer langen,
heftigen Debatte auf dem Burschentag zurückgezogen. Der Skandal besteht aber doch schon darin, dass es die Anträge überhaupt geschafft haben, Beratungsgegenstand auf dem Burschentag zu werden.

Vorgänge dieser Art innerhalb der Deutschen Burschenschaft beschädigen in der Öffentlichkeit leider immer wieder das Bild auch aller anderen studentischen Korporationen. Häufig werden insbesondere farbentragende Verbindungen mit Burschenschaften undifferenziert gleichgesetzt.

Dabei vermitteln die etwa 1135 Studentenverbindungen mit ihren fast 200 000 Mitgliedern ein buntes Bild: Einige sind „farbentragend“ (sie tragen farbige Mützen und Bänder), einige sind „schlagend“ (sie fechten verpflichtend oder fakultativ Mensuren). Andere kennen beides nicht; ihr Verbindungsleben ist geprägt durch Sport, Musik, Gesang, Kultur und Geselligkeit.

Aber auch Burschenschaften lassen sich nicht über einen Kamm scheren. So sind die drei Jenaer Urburschenschaften „Arminia“, „Germania“ und „Teutonia“ aus dem ihnen zu rechtslastigen Verband der Deutschen Burschenschaft ausgetreten.

Die größte Gruppe innerhalb der Korporationen bilden die ca. 463 christlichen, vornehmlich die ca. 400 katholischen Verbindungen (der farbentragende, aber nicht schlagende CV, der weder farbentragende noch Mensuren fechtende KV). Die größten Verbände unter den schlagenden Verbindungen sind die ca. 160 Corps mit über 24 000 Mitgliedern sowie die Burschenschaften mit ca. 15 000 Mitgliedern. Zu sätzlich sind zu erwähnen z. B. Landsmannschaften und Turnerschaften. Inzwischen gibt es auch ca. 70 rein weibliche Studentenverbindungen. Gemeinsam ist fast allen das Lebensbundprinzip: Die Studenten bleiben ihrer Verbindung nach dem Studium mit Rat und Tat verbunden.

Dem in der Öffentlichkeit verbreiteten und von den Medien oft gestützte Eindruck,  insbesondere schlagende Korporationen seien rechtsextrem, steht allein schon das weite pluralistische politische Spektrum ihrer Mitglieder entgegen. Dafür stehen Namen wie Karl Marx, Otto von Bismarck, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm II. Auch ehemalige Ministerpräsidenten aus der Nachkriegszeit wie Georg Dietrich (SPD) und Helmut
Lemke
(CDU). Auch das grüne Urgestein Rezzo Schlauch hält trotz seines späteren Austritts aus seiner Burschenschaft an der „Idee, dass sich Akademiker zu einem hochdemokratischen Freundeskreis auf Lebenszeit zusammenfinden, nach wie
vor für unterstützenswert“.

Ich gehöre als „Alter Herr“ dem Vorstand des Berliner Corps „Guestphalia“ an und bewahre meiner Verbindung trotz gelegentlicher Vorbehalte und Ärgernisse die Treue. Daher kann ich über die Gründe für meine Einstellung authentisch berichten.

Den ersten und prägendsten Eindruck vom Corpsstudententum und dessen Lebensbundprinzip erhielt ich unmittelbar nach Kriegsende durch meinen Vater, der ebenfalls Corpsstudent war. Er bot für seine Corpsbrüder und deren Familien nach Flucht und Vertreibung die erste Bleibe und den Start für eine Neuorientierung im zerstörten Deutschland. Diese vorgelebte solidarische Corpsbrüderlichkeit ist mir so nachhaltig in Erinnerung geblieben, dass mein Entschluss schon frühzeitig reifte, Mitglied in einer so „tollen“ Gemeinschaft zu werden.

Hochschulen sind heute anonyme Massenbetriebe. Studenten finden in Korporationen ein neues Zuhause. Sie leben mit ihren Corpsbrüdern auf den Verbindungshäusern zusammen − übrigens bei preisgünstigen, von den Alten Herren subventionierten Mieten. Die Regeln des Zusammenlebens werden in basisdemokratischen Verfahren in Conventen zwischen den Studenten festgelegt und bei Verstößen sanktioniert. Man lernt, Veranstaltungen zu organisieren sowie zu leiten und übt sich in Rhetorik. Durch obligatorische Benimm- und Tanzkurse wird der gesellschaftliche „Schliff“ vermittelt. Von angeblicher Frauenfeindlichkeit der Korporationen kann übrigens keine Rede sein. Ehefrauen und Freundinnen sind in das Verbindungsleben, mit Ausnahme der Kneipen, integriert.

Jeder Student kann Mitglied werden, egal welcher Herkunft oder Religion, dasselbe gilt selbstverständlich auch für Ausländer, man muss sich nur zu den Zielen der Verbindung bekennen. Corps sind keinen politischen oder religiösen Ideologien verpflichtet, die Pluralität der Meinungen unter den einzelnen Mitgliedern ist groß, wenn auch überwiegend eher konservativ-liberal orientiert.

Die jungen Studenten erhalten die nötigen Hilfen beim Einstieg in die oft sehr fremde,
komplizierte Studienwelt.

In meinem Corps sind sie strengen Regeln zur Studien-Zubegleitung und -kontrolle durch speziell ausgewählte Mentoren unterworfen. Unter Korporierten gibt es daher erheblich weniger Studienabbrecher als bei anderen Studenten. Corpsstudenten bilden im späteren beruflichen Leben Netzwerke, wie es sie auf den verschiedensten Ebenen ebenfalls gibt.

Diese gegenseitige Unterstützung beginnt im Studium, etwa bei der Vermittlung von Praktikumsplätzen und setzt sich außerhalb des Studiums an Stammtischen von Korporierten fort, die es in allen größeren Orten gibt.

Die Mensur ist kein überholtes Ritual und schon gar kein Duell, um Ehrenhändel auszutragen. Sie ist vielmehr ein „Eintrittspreis“ und ein Mittel zur Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung. Zwei „Paukanten“ stehen sich nach bestimmten, gefährliche Verletzungen ausschließenden Regeln und dennoch in einem subjektiv Furcht einflößenden
Zweikampf gegenüber. Bei der Mensur geht es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Überwindung des „eigenen Schweinehundes“. Man soll lernen, „seinen Mann zu stehen“.

Dem in der Öffentlichkeit − nicht ganz zu Unrecht − herrschenden Eindruck, in den Verbindungen werde oft zu viel und sinnlos gesoffen, wird in meinem Corps mit einer
einvernehmlich praktizierten „Leitlinie zur Trinkkultur“ begegnet.

Darin heißt es unter anderem unmissverständlich: „Es gehört daher zur Corpserziehung, mit Alkohol stilvoll, diszipliniert und verantwortungsvoll umzugehen . . . Wir müssen insoweit weg von den antiquierten Riten, dass Trinkfestigkeit eine herausragende männliche Tugend sei.“

Doch darf dieser, aus meiner Sicht positive Blick auf das Verbindungswesen am Beispiel meines Corps nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dort wie überall auch menschelt, folglich Regeln missachtet werden und junge Studenten „über die Stränge schlagen“. Daher steht und fällt der Wert einer Verbindung mit dem festen Willen, die selbst gesetzten Regeln auch notfalls mit Sanktionen bis hin zum unehrenhaften Rausschmiss durchzusetzen.

„Studentische Korporationen haben in Zeiten anonymer Massenuniversitäten und eines latenten Werteverfalls sowie von Erziehungsdefiziten im Elternhaus und in den Schulen somit eine zunehmend herausragende Bedeutung − das jedoch nur dann, wenn sie wertegebunden, weltoffen und tolerant sind. Ich persönlich habe von den vielfältigen Vorzügen eines corpsstudentischen Verbindungswesens  in meinem späteren Berufsleben, auch als Landtagsdirektor, nachhaltig profitiert.

„Studentische Korporationen haben in Zeiten anonymer Massenuniversitäten zunehmend eine herausragende Bedeutung. Jedoch nur dann, wenn sie weltoffen und tolerant sind.“ Joachim Linck, Landtagsdirektor a.D.

Quelle: Thüringer Allgemein / Thüringen zum Sonntag