Der Autor Henry Schweigel veröffentlichte am 16.07.2007 in der Wochenzeitung DIE ZEIT folgenden Artikel:

In Greifswald geben sich die sonst als verschlossen geltenden Studentenverbindungen volksnah und werben mit feucht-fröhlichen Partys um Nachwuchs.

Jedes Semester bietet sich Greifswalder Studenten der gleiche Anblick. Auf den Tischen der Mensa, einem Plattenbauwürfel aus realsozialistischen Jahren, liegen in den ersten Tagen des Semesters die üblichen Flyer: Recyclinggraue Papierzettel von allen möglichen alternativen Projekten und die originell gestalteten Postkarten des Literaturzentrums. Wie immer, könnte man meinen, doch diesmal ist etwas anders: Das Leuchten der auf Hochglanzpapier gedruckten Einladungen von Studentencorps […] sticht aus dem grafischen Wirrwarr hervor. Mit filigranem Layout laden die sonst eher öffentlichkeitsscheuen Greifswalder Verbindungen ihren potenziellen Nachwuchs zu Kennenlernparties ein.

Offensichtlich sind die Corpsbrüder und Burschen mit den Methoden modernen Marketings mittlerweile bestens vertraut. So gibt beispielsweise das „Corps Guestfalia“ eine „Westfalenparty“, der schicke Flyer ist einem Flugticket nachempfunden. Das Motto der Party lautet: „Air Guestfalia – there is no better way to party.” Die Verbindungen geben sich hip und cool, Spaß steht an erster Stelle. Die Ideologie kommt erst zu späterer Stunde.

Der Abend im Verbindungshaus der „Guestfalen“ beginnt wie versprochen: Am Eingang steht ein Check-In-Schalter, dahinter sitzt ein Corpsstudent in Fliegerjacke und neben ihm eine Stewardess mit NASA-Emblem. „Das Wichtigste ist Spaß haben!“ sagt sie lächelnd. Der Saal des Verbindungshauses, wo sonst Bier getrunken und traditionelles Liedgut gesungen wird, heißt heute mottogerecht „Airport Lounge“, mit Tresen und DJ-Pult im Airbus-Design.

Die meisten hier tragen Poloshirts von Lacoste mit aufgestelltem Kragen oder adrette Anzughemden. Nur einer der Corpsbrüder fällt aus dem Rahmen, er hat sich als Terrorist verkleidet und tritt in Camouflage auf. Die Damen haben sich allesamt in Schale geworfen, eine Pharmaziestudentin erklärt, warum: „Viele Frauen reißen sich um die Verbindungsmänner und sind stolz darauf einen an Land gezogen zu haben. Aus denen hier wird schließlich mal was!“

Ansonsten scheint es einfach nur eine Party mit Dresscode zu sein, wo sich die Kinder von Besserverdienenden selbst feiern. Wären da nicht konspirativ dreinschauende Männer, mit farbigen Bändern um die Brust, die durch den Saal laufen, um männlichen Nachwuchs zu werben. Im Fachjargon heißt es: „Füchse keilen“. Sie sprechen vor allem die Erstsemester an: Ob man nicht Lust hätte, mal unter der Woche vorbeizukommen. Oder ob man nicht zu den Partys diverser anderer Corps […] kommen wolle? Eins versprechen sie alle: Freibier.

Mit ihrer Feier, so die „Guestfalen“, wollen sie „eventuelle Vorurteile abbauen“. Mag sein, dass die Mitglieder der liberal ausgerichteten, nichtschlagenden Verbindungen mit dem Archetypus des schmissverzierten, rechtskonservativen Burschen nur wenig gemein haben. Beim „Corps Guestfalia“ ist das Schlagen aber immer noch Pflicht, wenn jemand zum Corpsbruder aufsteigen will. Neumitglieder müssen sich mit dem „Glockenschläger“, einer Hiebwaffe, empor fechten und notfalls „den Kopf hinhalten“, daher auch das Sprichwort.

Diese martialische Tradition will nicht so recht zu der Szenerie des Abends passen. An den Wänden der „Airport Lounge“ finden sich in regelmäßigen Abständen die Poster wieder, die für den Abend werben. Sie stehen im Kontrast zu den vielen schwarz-weißen Fotografien, die an den Wänden hängen. Ein ganz besonderes findet sich im sogenannten „Chill-out-room“, dessen Pforten sich jedoch erst zum Ende des Abends hin öffnen. Es stammt von 1924, in der Mitte seiner Corpsbrüder präsentiert sich ein Verbindungsmann stolz mit militärischen Orden und Pickelhaube. Seine Augen blicken auf den Waffenschrank auf der anderen Seite des Raumes. Darauf thront ein ausgestopfter Fuchs, dekoriert mit dem grün-weiß-schwarzen Band der Verbindung. Auf der Couch daneben sitzt ein Corpsbruder, dessen weißes Hemd mit alten, gut konservierten Blutflecken übersäht ist – „no better way to party“? Wirklich nicht?

Zu fortgeschrittener Zeit tritt der martialische „Corpsgeist“ hervor, den die schöne Fassade nun nicht mehr verbergen kann. Das bizarre Bild komplettiert eine Studentin, die ein Verbindungsband im Dekolleté trägt. Lächelnd sagt sie: „Die Räume sind ja ganz hübsch gestaltet. Die eigentlichen Accessoires des Abends sind aber wir Frauen!“

Weit nach Mitternacht ist die „Westfalenparty“ noch voll im Gange, jedoch sind viele Gesichter schon deutlich vom Alkohol gezeichnet. Der potenzielle Nachwuchs hat die Veranstaltung zu dieser Zeit längst verlassen. Nur wenige werden sich bei den „Guestfalen“ melden. Dennoch heißt es: nach der Feier ist vor der Feier, denn das nächste Semester kommt bestimmt.

Quelle: DIE ZEIT