Am 16.06.2008 veröffentlicht die FAZ folgenden Artikel des Autors Jasper von Altenbockum:

Einmal im Jahr findet der „Völkerkommers“ statt, ein Treffen baltischer Studentencorps. Das geht auf die Zeit zurück, als Deutsche die Tradition ins Baltikum trugen. Heute sind die Corps im Baltikum als intellektuelle Elite anerkannt. In Deutschland ist das anders.

Gaudeamus igitur: Der 45. Baltische Völkerkommers auf dem Festumzug durch die Göttinger Innenstadt 16. Juni 2008

Gaudeamus igitur: Der 45. Baltische Völkerkommers auf dem Festumzug durch die Göttinger Innenstadt 16. Juni 2008

„Alles schweige!“ singt die Kommersversammlung unter Leitung des Magister cantandi, der seinen „Deckel“, seine Mütze, wie einen Taktstock schwingt, um Ordnung in den „Landesvater“ zu bringen. Gleich wird „gestochen“. Wir sind in der Stadthalle von Göttingen, womit nicht angedeutet ist, dass Ministerpräsident Wulff an diesem Abend verwundet werden sollte. Der „Landesvater“ hat zwar ursprünglich schon mit Treue zur Obrigkeit zu tun, doch im Leben der Corps ist daraus so etwas wie die Erneuerung des Burscheneids geworden, mit dem sich die Mitglieder einer Verbindung ihrer Freundschaft und ihres gegenseitigen Beistands in allen Lebenslagen versichern. Das ist beim „Völkerkommers“ wiederum etwas anderes als sonst: Hier sitzen und singen Corps zusammen, die aus Deutschland, Estland und Lettland (bald auch aus Polen und vielleicht eines Tages aus Russland) kommen, die einzige Gelegenheit, bei der baltisches Traditionsgut noch so weitergetragen wird, wie es in den Tagen war, als mit „Balten“ die Deutschen gemeint waren, die im Baltikum lebten.

„Jeder neige ernsten Tönen nun sein Ohr“, singt Bernhard Erdlenbruch weiter, besagter Magister cantandi, ein Curone, während sich entlang der Stuhlreihen mehrere kleine Grüppchen voranbewegen: der „Landesvater“ mit dem „Schläger“, dem „geweihten Degen“, wie es im Lied heißt, der Mann mit dem „Becher“, einem riesigen Pokal, aus dem der Dritte, der jeweilige „wack’re Zecher“, einen dezenten Schluck auf „meine balt’schen Brüder“ nimmt. Vorher wird seine Kopfbedeckung, der „Deckel“, aufgespießt, weshalb der Degen schließlich an einen Schaschlikspieß erinnert, auf dem die baltische korporierte Studentenherrlichkeit dreier Generationen versammelt ist.

Ohne Verbindungen keine Selbständigkeit

Mitglieder der Studentenverbindung Curonia Goettingensis vor der Albanikirche in Göttingen

Mitglieder der Studentenverbindung Curonia Goettingensis vor der Albanikirche in Göttingen

Die jüngste davon war gerade eingeschult worden, als Hans-Dieter Handrack, damals Vorsitzender des Baltischen Philister-Verbandes, Dachverband der drei noch aktiven deutsch-baltischen Studentenverbindungen, mit tausend Mark in der Tasche in der lettischen Hauptstadt Riga Anfang der neunziger Jahre zwei estnische Korporierte traf, um mit ihnen den ersten Völkerkommers im befreiten Baltikum zu verabreden. Das Geld sollte die Kosten der Großveranstaltung decken, in einer Zeit, als die drei baltischen Staaten gerade wieder unabhängig geworden waren – auch deshalb, weil es Studentenverbindungen gegeben hatte.

Die baltischen Verbindungen waren während der sowjetischen Besatzung zwar verboten, aber nicht untergegangen. Wenn eines der Mitglieder der ältesten estnischen Verbindung, Eesti Üliõpilaste Selts („Verein Studierender Esten“), starb, hätten seine balt’schen Brüder an der Zensur vorbei die Abkürzung EÜS in die Todesanzeige geschmuggelt, erzählt der Historiker Toomas Hiio, der später die Göttinger Festrede halten wird. Blau-Schwarz-Weiß, die Farben der Verbindung, sind seit 1918 auch die der estnischen Nationalflagge.

Der Staatspräsident und die EÜS

Ein Curone aus Göttingen, auf dem "Deckel" der achtzackige Baltenstern

Ein Curone aus Göttingen, auf dem "Deckel" der achtzackige Baltenstern

Ministerpräsidenten in Estland, die nicht dieser oder einer anderen Verbindung angehören, waren die Ausnahme: Unter anderen Mart Laar, der Wichtigste von ihnen nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit, gehörte zur EÜS. Vor zwei Jahren, am Unabhängigkeitstag Estlands, sagte Toomas Hendrik Ilves, der estnische Staatspräsident: „Die Unabhängigkeit von 1991 wäre nicht denkbar ohne studentische Vereinigungen und Verbindungen.“ Das sagte Ilves natürlich auch, weil er der EÜS angehört (wie auch der Leiter der Präsidialkanzlei und der Nationalschriftsteller Jaan Kross, der sich für die Kandidatur von Ilves stark gemacht hatte, und… und…).

Ilves gehört schon zur mittleren Generation der baltischen und deutsch-baltischen Corpsstudenten, die im Westen, im Exil retteten, was Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden war. Damals waren es Studenten aus Göttingen, die in Dorpat (heute Tartu), in der damals noch einzigen Universität in Estland, Livland und Kurland, die Curonia gründeten – weshalb der 45. Völkerkommers in Göttingen gleichzeitig auch die Gründung der ersten Korporation im Baltikum vor 200 Jahren feierte.

Die Curonia

Wer heute in Estland und Lettland etwas werden will, sollte korporiert sein - das gilt auch für Damencorps, die weit zahlreicher sind als in Deutschland

Wer heute in Estland und Lettland etwas werden will, sollte korporiert sein - das gilt auch für Damencorps, die weit zahlreicher sind als in Deutschland

Nach dem Vorbild der nach Kurland benannten Curonia gründeten sich in Dorpat andere Verbindungen, unter anderen auch die ersten estnischen, lettischen, polnischen, russischen und jüdischen „Landsmannschaften“ – „und sogar der deutschen Kolonistensöhne Bessarabiens“, wie Hiio in seinem Vortrag in der Paulinerkirche erwähnt. Das alles endete vorerst 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt und der Flucht in den Westen. Nur eine Handvoll Deckel derer, die vor dieser Zeit im Baltikum geboren wurden, spießen die Landesväter an diesem Abend auf.

Von den deutsch-baltischen Verbindungen sind drei geblieben: die Concordia Rigensis in Hamburg, die Fraternitas Dorpatensis in München und die Curonia Goettingensis in Göttingen, die sich allesamt nach dem Krieg wieder formierten. Von den „reichsdeutschen“ Corps wollen sie sich heute wie damals unterscheiden: durch den achtzackigen Baltenstern auf der Mütze; durch weniger Zwang und rigiden Komment; auch durch Trinkgewohnheiten: zum Bier kommt der Wodka, aber auch das ohne Zwang – es soll schon ein Kommers stattgefunden haben, auf dem Milch bestellt wurde. Wie auch immer: Schlagend muss es sein.

Faule Eier in der Roten Straße

In Estland und Lettland ist das Verbindungsleben heute wieder so lebendig wie in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg – wer etwas werden will, sollte korporiert sein und darf stolz darauf sein (das gilt auch für Damencorps, von denen es weit mehr als in Deutschland gibt). Ein Blick aus dem Fenster der Göttinger Stadthalle verrät, dass das in Deutschland anders ist. Berittene Polizei und eine Hundertschaft sorgt auf dem Platz dafür, dass ein Protestzug teilweise vermummter linksextremer „Autonomer“ vorbeizieht, ohne stören zu können, während drinnen der eine oder andere davon erzählt, wie vor Jahr und Tag in Göttingen vom Allgemeinen Studentenausschuss Kopfprämien für gestohlene „Deckel“ gezahlt wurden.

Dass am Sonntag der Festzug des Völkerkommerses den direkten Weg von der Albanikirche in die alte Universitätsbibliothek in der Paulinerkirche durch die „Rote Straße“ meidet, hat auch damit zu tun. In der „Roten Straße“, nomen est omen, warteten früher in der Sonne gereifte Eier auf Korpsstudenten, die es wagten, in aller Öffentlichkeit die Farben ihrer Verbindung zu tragen. Heute weiß man nicht, was einem blüht. Auch der weite Bogen hilft nicht, auf dem Rückweg wird der Zug nur unter Polizeischutz an sein Ziel kommen.

Ostsee, Olymp und die Treue

Auf dem Kommers kommt der „Landesvater“ zu seinem Ende. „So nimm ihn hin“, singt die Menge jedes Mal, wenn ein durchlöcherter „Deckel“ vom Degen gezogen wird. Dann wird dem Besitzer mit dem Schläger sanft aufs Haupt geschlagen, im Lied geht es weiter mit: „ein Hundsfott, der dir schimpft, dir droht!“ (damit sind unter anderen die „Autonomen“ und die Sowjets gemeint), schließlich schütteln sich „Landesvater“, Pokalträger und Corpsbruder überkreuz die Hände: „Solange wir uns kennen, woll’n Brüder wir uns nennen.“

Es wird noch viel gesungen an diesem Abend, über die Ostsee und den Olymp, über die Burschenherrlichkeit, die alte Treue und – nur nach Mitternacht! – die treue Alte. „Ex est!“ heißt es nach jedem Lied, was nicht als Aufforderung missverstanden werden sollte, alles in Reichweite auszutrinken, sondern vielmehr lautstark zu antworten: „Schmollis!“ Das wiederum stammt mutmaßlich aus dem Lateinischen („sis mihi mollis amicus“), bedeutet so viel wie „Sei mein Freund!“ und wird mit einem herzhaften „Fiduzit!“ („Vertraue darauf!“) beantwortet. Dann, endlich, darf man sich wieder einen Wodka mit Sakuska genehmigen.

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